fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
  Österreich | 2.1.2008 | 14:58   

 
 
Lesestoff: 'Marilyns letzte Sitzung'
  von Johanna Jaufer

Wer seinen Voyeurismusteufel füttern möchte, dem wird heutzutage schnell geholfen: Ein Klick auf den Blog des Vertrauens genügt, und schwupps, schon ergießt sich ungefilterte Promi-Nabelschau über den eigenen Computerbildschirm. Dreht man die Uhr ein paar Jahrzehnte zurück, gestaltet sich so ein Unterfangen schon schwieriger. Exklusive Schnappschüsse von Marilyn Monroes aktueller Liebschaft waren wohl 1956 nicht so leicht aufzutreiben. Womöglich haben erst die Ungewissheiten um den Menschen hinter der Filmikone es zu diesem gewaltigen Mythos gebracht. Dem Mythos, den der französische Autor Michel Schneider zum Anlass für sein aktuelles Werk genommen hat. "Marilyns letzte Sitzung" ist eine Aufarbeitung der letzten Lebensjahre von Marilyn Monroe.
 
 
 
Party Hard
  "In einem eng anliegenden Kleid aus weißer, mit roten Kirschen bedruckter Seide, das sie ohne Unterwäsche trug, stand sie einerseits für eine gewisse Verfügbarkeit und andererseits für unberührbare Reinheit. Eine Göttin des Schreckens, die den Tod verhängen konnte oder einem mit einem Lächeln das Herz brach."

So bringt Michel Schneider die Außenwirkung der Schauspielerin auf den Punkt. Marilyn, die vaterlose Kindfrau, die im letzten Jahrhundert so verführerisch über die Leinwände geflimmert ist. Die mit Hüftschwung und Augenaufschlag bewaffnet an der Seite von Lauren Bacall und Clark Gable glänzte. Aber auch die Marilyn, die ihre eigene Rolle das Leben gekostet hat. Die sich im Sog von Tablettenabhängigkeit und Depression verzweifelt an die Psychoanalyse gewandt hat.

 Marilyn Monroe
 
 
  In kleinen Episoden umreißt Michel Schneider ihren lebenslangen Hindernislauf. Über eine unglückliche Kindheit, verlassen von der eigenen Mutter, durch eine unbarmherzige Jugend als Fotomodell und Pin-Up in die Gemächer von Hollywoods Schickeria. Michel Schneider hat für sein Buch eingehend recherchiert, Briefe durchgesehen, Tonbandabschriften gelesen. Dass fünfundvierzig Jahre später keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse über Marilyns Tod auftauchen, macht nichts. War auch gar nicht beabsichtigt vom Autor. Vielmehr konzentriert sich das Buch auf die Zeit vor ihrem Ableben. Auf die Beziehung zu ihrem Therapeuten. Ralph Greenson war so etwas wie die freud'sche Außenstelle in Hollywood. Der Analytiker von u.a. Frank Sinatra hat Marilyn in ihren letzten Lebensjahren intensiv begleitet.
 
 
 
Downward Spiral
  Erst war es ein hochprofessionelles Arbeitsverhältnis. Mit der Zeit hat sich Ralph Greenson aber immer weiter in die persönliche Lebenswelt seiner Patientin eingeklinkt. Greenson lädt zur Privatordination, wacht stundenlang am Krankenbett seiner Patientin. Er berät sie in finanziellen Belangen, macht ihr sogar Kleidervorschriften. Greenson ist förmlich besessen von der Idee, Marilyn Monroes Dämonen zu bändigen.

Der Autor bietet eine Vergrößerungsansicht auf das unglückliche Leben einer Frau, die mitspielen wollte im Zirkus der Eitelkeiten. Die mitspielen durfte, aber nicht zu ihren eigenen Bedingungen. "Die Leute sehen mich an, als wäre ich ein Spiegel und keine Person. Mich sehen sie gar nicht. Sie sehen die eigene Obszönität in mir. Dann setzen sie ihre Maske auf und beschimpfen mich als obszön", formuliert die Schauspielerin ihr lebenslanges Dilemma.

 
 
  "Marilyns letzte Sitzung" ist trotz aller Präzision kein Tatsachenroman. Die flüchtigen Besuche an verschiedenen Lebensstationen bieten zwar hochauflösende Eindrücke. Bewiesen ist aber längst nicht alles davon, wie der Autor gleich zu Beginn freimütig einräumt. Und genau darin liegt der Reiz dieses Buches. Man kann darin blättern wie in einem Krimi, dessen Plot ein ganzes Leben in Anspruch nimmt. Man kann alles glauben, nichts oder nur ein bisschen davon. Der Autor speist das Buch aus seiner persönlichen Wirklichkeit.

Die Wahrheit dagegen kann Marilyn Monroe niemand mehr wegnehmen. Dieses Buch voll vergilbter Information ist ein aufregend arrangiertes Ablenkungsmanöver und in Frankreich längst auf den Bestsellerlisten gelandet. Eigentlich eine gute Rache am Voyeurismus.

"Ich will nicht als Aphrodisiakum auf Zelluloid verkauft werden. Schaut mich an und holt euch einen runter. Ein paar Jahre lang war das schon in Ordnung, aber das ist jetzt vorbei."

Michel Schneider - "Marilyns letzte Sitzung" ist 2007 im BTB erschienen. Aus dem Französischen übersetzt von Barbara Schaden.
 
fm4 links
  fm4.orf.at/lesestoff
Mehr Lesestoff auf FM4
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick