Kaum ein anderes Buch hat mich in der letzten Zeit so berührt, wie das von dem New Yorker Ned Vizzini. Klar, die Geschichte von einem Autor, der (halb autobiographisch) über Depressionen und Psychiatrie schreibt, mag nicht neu sein. Im Zuge der Rezensionen erscheinen Vergleiche wie 'Der Fänger im Roggen' von Jerome David Salinger oder Sylvia Plaths 'Die Glasglocke'.
Trotzdem ist Vizzinis 'Eine echt verrückte Story' aktueller denn je und hat darüber hinaus einen wichtigen Aspekt, den so manche "Problembücher" oft ausblenden, nämlich Witz.
Tentakel, Leistungsdruck und Brooklyn Bridge
Craig ist fünfzehn und lernt ein Jahr lang wie ein Verrückter, um die Aufnahmsprüfung für die Executive Pre-Professional High School zu schaffen. Als der schüchterne Junge diese große Hürde meistert, sollte seinem Glück eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Doch Craig schafft es nicht, am Laufenden zu bleiben und steckt tief in seinen Horror-Phantasien. Die "Tentakel", wie er sie nennt, sind die "grässlichen Aufgaben", die in sein Leben eingreifen. Der größer werdende Leistungsdruck bringt Szenarien in Craigs Kopf hervor, die bis zur Obdachlosigkeit reichen. Nachdem es sich immer mehr abkapselt und auf den Kifferparties seines Freunds Aaron mehr und mehr manisch wird, beschießt Craig, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Doch bevor er von der Brooklyn Bridge springt, ruft er die New Yorker Suizid Hotline an und lässt sich nach einem längeren Gespräch in eine Kurzzeit-Psychiatrie einweisen.
Das ist der große Wendepunkt in Ned Vizzinis Roman. Die bedrückende Stimmung seines wortlosen Helden, der bis zu diesem Zeitpunkt weder essen noch schlafen kann, beginnt sich mit dem ersten Tag im Krankenhaus stetig aufzuhellen. Zwischen den skurrilsten Figuren wie einem chassidischen Juden, der an den Folgen zu heftigen Acid-Genusses leidet und seinem schwer depressivem, ägyptischem Zimmergenossen, der nicht mehr sein Bett verlässt, findet Craig langsam zu sich selbst und seinen Stärken zurück.
Ned Vizzini:
"Der Anruf bei der Suizid Hotline ist deshalb der Wendepunkt, weil es darum geht zuzulassen, dass man Hilfe benötigt. Egal, ob man nun alkoholkrank, spielsüchtig oder depressiv ist. Dieses Annehmen von Hilfe ist für Craig ein großer Schritt und dass es ihm trotz oder gerade aufgrund der Einweisung besser geht, hat damit zu tun, dass er im Krankenhaus keinen Ausweg mehr hat, sich mit sich selbst zu beschäftigen und einen realistischen Blick dafür bekommen, wo er sich in seinem Leben befindet."
Sprache, Identifikation und Authentizität
Ned Vizzinis Sprache ist einfach und entwaffnend ehrlich. Er bringt die Gefühle und Gedanken seines Protagonisten genau auf den Punkt, ohne ein Wort zuviel zu benutzen. Auch die Bilder und Analogien, die der junge Craig entstehen lässt, um uns sein Leid mitzuteilen, sind simpel und damit gut nachvollziehbar. Vertrautheit stellt sich ein, wenn er davon erzählt, dass ein kleiner Mann in seinem Magen sitzt und diesen zuschnürt, sobald der Stress von außen erhöht wird. Oder wenn Craigs "Gedankenkarussell" sich immer schneller zu drehen beginnt. Oder der wiederkehrende Leistungsdruck, der in Form eines Militärkommandanten im Kopf von Craig auftaucht, mit ihm wie mit einem Soldat spricht und ihm ein unangenehmes Spiegelbild vor Augen hält.
Dass die Identifikation mit der Hauptfigur so gut funktioniert und man dem jungen Craig Glauben schenkt, liegt nicht zuletzt daran, dass 'Eine echt verrückte Story' laut Ned Vizzini "eine zu 85 Prozent wahre Geschichte ist". Ein Beispiel dafür ist jener Teil in dem Craig in der Anstalt sich daran erinnert, als Kind Stadtpläne gezeichnet zu haben. Er entwickelt daraus eine eigene Kunst, indem er die Umrisse der Köpfe seiner Mitpatienten mit imaginären Stadtplänen zu füllen beginnt (wie am Buchcover zu sehen).
Ned Vizzini:
"Ich habe als Kind wirklich versucht, Pläne von Manhattan zu zeichnen. Als mir das nicht gelungen ist und ich frustriert war, hat mir meine Mutter vorgeschlagen, eigene Stadtpläne zu erfinden. Das hat mich damals sehr inspiriert und ist ein Grund dafür, warum ich Autor wurde. Ich hatte ein Gespür dafür bekommen, über imaginäre Welten zu schreiben."
Der verflixte zweite Roman
Der 1981 in New York geborene Autor hat schon als Teenager begonnen, für Zeitungen zu schreiben und mit 'Teen Angst? Naaah...' sein erstes Buch im Alter von Neunzehn veröffentlicht. Während seiner College Zeit schreib Vizzini seinen ersten Roman 'Be More Chilled', woraufhin er einen Vertrag über zwei Bücher erhielt. Doch die Arbeit an seinem Nachfolgeroman stockte. Schreibblockaden und ein überwältigender Erfolgsdruck bescherten Vizzini einen Nervenzusammenbruch und er ließ sich in eine Psychiatrie einweisen. Die Erfahrungen und Erlebnisse des fünftägigen Aufenthaltes wurden dann zu seinem zweiten Roman, den er in der Rekordzeit von knapp drei Wochen schrieb.
Ned Vizzini:
"Ich fühlte mich wie in Trance, da ich es gleich nach meinem Aufenthalt zu schreiben begann. Es ist komisch, denn der Grund für meine Probleme war der Druck, mein zweites Buch zu schreiben. Das brachte mich in die Psychiatrie. Und genau die Erfahrungen auf der Psychiatrie wiederum ermöglichten mir, endlich mein zweites Buch zu schreiben. Also hat doch alles zu einem positiven Ende geführt."
Der erste Roman von Ned Vizzini: "Be More Chill is the story of a guy who gets a pill that makes him cool. The pill is called a 'squip'- it's actually a quantum computer that lives in your brain and gives you real-time social advice. And that's about what you need to know."
Verschiebung in der Gesellschaft und Elternbezug
Vergangenen September veröffentlichte die Tageszeitung Die Presse folgenden Artikel: Studie: "Jugend zerbricht am Leistungsdruck". Darin wurden Ergebnisse einer Studie des Wiener Instituts für Jugendkulturforschung präsentiert, die - stark verkürzt und zusammengefasst - so klingen: "Heute wächst eine Generation junger Menschen heran, die ihr Leben ganz auf eine erfolgreiche berufliche Karriere, viel Geld und hohes Ansehen hin trimmt - und dabei am ständig wachsenden Leistungsdruck der neoliberalen Gesellschaft zu zerbrechen droht."
Auch Ned Vizzini spiegelt diese Verschiebung des gesellschaftlichen Drucks auf die Jugend wider, indem seine Hauptfigur Craig ein fünfzehnjähriger Schüler, und kein Erwachsener ist.
Ned Vizzini:
"Der Druck, den man sich selbst macht, wird durch äußere Dinge stimuliert. Heutzutage leben wir in einer globalen Ökonomie. Sie beruht mehr denn je auf Wettkampf und Konkurrenz. So müssen unsere Kinder und Jugendliche eigentlich Erwachsene sein, die einem strengen Leistungsplan folgen, mit guten Noten und erfolgreichen Projekten. Wir stellen unsere Kinder in ein ganz anderes Umfeld, also noch vor dreißig Jahren. Und ich glaube, dass wir jetzt die Auswirkungen von dieser Verschiebung sehen."
Demnach werden die Probleme und die Verstörung von Vizzinis Held Craig mehr durch die Fesseln der heutigen Gesellschaft hervorgerufen, als durch den Druck innerhalb der Familie. Denn anders als bei vielen "Jugendproblembüchern" charakterisiert Ned Vizzini Craigs Eltern nicht als Feinde, die es zu bekämpfen gilt und die als Grund für die eigene vermasselte Kindheit hergenommen werden.
Ned Vizzini:
"Craigs Eltern sind nicht Feinde, sondern vielmehr verwirrt und hilflos. Sie wollen ihrem Sohn helfen, wissen aber nicht wie und versuchen es, so gut sie nur können. Deshalb fühlen wir genau so gut mit den Eltern mit."
Wenn der Witz die Perspektive ändert
Zu Beginn des Buches war ich skeptisch, wirbt es doch auch damit, sich dem Thema "Depression" mit viel Witz zu nähern. Ein Unterfangen, dass auch ganz schön in die Hose gehen kann. Im Fall von Ned Vizzinis 'Eine echt verrückte Story' ist der Humor jedoch genau an den richtigen Stellen, in der richtigen, therapeutischen Dosierung eingesetzt. Das Schmunzeln und Lachen bewirkt nicht nur bei dem Hauptcharakter eine Perspektivenänderung. Somit ist Vizzins Witz auch für die Hoffnung verantwortlich, dass wir uns verändern und schwierige Situationen meistern können.
Ned Vizzini - 'Eine echt verrückte Story' Erschienen im Rockbuch Verlag, Juni 2007.
Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz und Werner Schmitz.
Radio-Tipp
Eine ausführliche Buchrezension, sowie Interviewauszüge mit Ned Vizzini könnt ihr heute, Freitag, 4. Jänner 2008 ab 15:00 Uhr in FM4 Connected hören.