Ein Gerät, das Teenager mittels hochfrequenter Töne vertreiben kann? Beim Lesen eines kürzlich erschienen Zeitungsartikels über Attnang-Puchheim bin ich quasi hellhörig geworden. Ein kluger Erfinder hat sich die biologischen Gegebenheiten unseres Hörapperates zu Nutze gemacht. Das menschliche Ohr kann von Natur aus Frequenzen zwischen 16 und 20 000 Hertz wahrnehmen. Im Alter nimmt allerdings das Hörvermögen für hohe Frequenzen ab.
Und hier setzt das 'Mosquito'-Gerät an. Es generiert einen sehr hohen, modulierten Ton um die 16-18 KHz, im Grenzbereich der für den erwachsenen Menschen noch hörbaren Frequenzen. Nur Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren können das nervige Pfeifen hören, das bis zu einem leichten Sausen und richtigen Ohrenschmerzen führen kann. Deswegen sucht man in dann auch schnell das Weite. Weil das Gerät Töne aussendet, die theoretisch im Hörbereich des Menschen liegen (wenngleich der hohe Pfeifton permanent gleich bleibt und so selten in der Realität auftaucht), kann es keine Hörschäden verursachen, entspricht den 'Health & Safety Environment'-Richtlinien und ist legal erhältlich.
Das 'Mosquito'-Gerät. Sieht auf den ersten Blick recht unauffällig aus, hat es aber faustdick hinter den Ohren.
Attnang-Puchheim
Recht verschlafen präsentiert sich die Marktgemeinde Attnang-Puchheim Samstag mittags. Es sind kaum Menschen auf der Straße, keine Jugendlichen weit und breit.
Auf dem öffentlichen Schlosshof im Herzen der kleinen Stadt wurde mitte Dezember im Auftrag der Amtsleitung ein derartiges Gerät aufgehängt. Im letzten Jahr hat sich dort des öfteren eine Gruppe Teenager getroffen. Angeblich hätten sie die Besucher im Schlosshof lautstark angepöbelt, Schüler der im Schloss untergebrachten Musikschule angestänkert und den Platz mit leeren Bierflaschen und allerhand Dreck zugemüllt. Die Amtsleitung wusste sich nicht mehr anders zu helfen und hat kurzen Prozess gemacht: Ein 'Mosquito'-Gerät musste her.
Verwunderlich, denn eigentlich würde es in Attnang-Puchheim genug Möglichkeiten geben um die sogenannte 'Schlosshofproblematik' in den Griff zu bekommen. Seit 1 1/2 Jahren existiert dort das Sozialraumprojekt 'Perspektiven', das zu einer Verbesserung der Kommunikation zwischen Gemeinde, Streetworkern, Jugendwohlfahrt und dem Jugendzentrum beitragen soll. Wegen des Schlosshofs gab es schon etliche Gespräche, in die die Jugendlichen auch eingebunden wurden. So stand die Schaffung eines neuen Aufenthaltsraums für die Jugendlichen zur Debatte. Eignen würde sich dazu ein leeres Geschäftslokal gegenüber des Schlosses, geschehen ist nach den Gesprächen aber nichts.
Der leere Schlosshof - alle vertrieben?
Freiräume
Auf meine Anfragen vor Ort, "wie sich die Sache mit den Jugendlichen und dem möglichen neuen Raum" gestalten könnte, erzählt mir jede Partei eine andere Geschichte. Letztlich sieht es so aus, als ob die Installation des 'Mosquito'-Geräts das Ergebnis fehlgeschlagener Kommunikation ist. Niemand fühlt sich dafür verantwortlich einen Lösungsweg zu suchen. Das ist beängstigend, denn natürlich ist es einfacher schnell ein kleines, graues Plastikkasterl irgendwohin zu montieren (dessen Wirkung die meisten Käufer, weil sie älter als 25 Jahre sind, gar nicht einschätzen und überprüfen können) um ungebetene jugendliche Gäste loszuwerden, als sich gemeinsam den Kopf zu zerbrechen.
In der kleinen Nische über dem Schlosstor versteckt sich das 'Mosquito'-Gerät.
...auch im Durchgang zum Schlosshof - der ehemals ein beliebter Treffpunkt war - sind alle Jugendlichen verschwunden.
Das Gerät, das in Attnang-Puchheim installiert ist, verfügt über Lautstärkesensoren. Es schaltet sich nur dann ein, wenn ein gewisser Lärmpegel erreicht ist. Das heißt soviel wie "benehmt euch brav, dann werdet ihr nicht bestraft". Instrumentelle Konditionierung á la 'Brave New World' also. Bei den betroffenen Jugendlichen löst das in erster Linie Frustation und das Gefühl unerwünscht zu sein aus.
Glücklicherweise sieht auch der Amtsleiter, Franz Lindner, die Installation des Geräts nicht als Dauerlösung. Ende des Monats soll in einer Sitzung die Idee mit dem neuen Aufenthaltsraum wieder auf den Tisch gebracht werden. Vielleicht kann das Gerät dann bald wieder abgenommen werden.
Zwei der Jugendlichen, David und Daniel, haben sich für das Interview dann doch auf den Schlosshof getraut.
Der Selbsttest:
Auch auf der Wiener Mariahilferstraße hängt so ein Gerät. Ein Geschäftsbesitzer hatte die ständige Belagerung des Eingangsbereichs durch Jugendliche satt. Seit das 'Mosquito'-Gerät hängt ist angeblich Ruhe.
Anders als in Attnang-Puchheim ist das Gerät während der Geschäftszeiten durchgehend eingeschaltet. Auch ich höre den hohen Piepston und ja - er ist mehr als störend. Länger als ein paar Minuten würde mich auf diesem Platz nichts halten. Angeblich ist das Geräusch nur für Menschen bis maximal 25 Jahre wahrnehmbar, ich bin aber knapp 28, habe von etlichen Konzertbesuchen ziemlich gemarterte Ohren und über zwei Jahre in einem lauten Nachtclub gearbeitet. Eigentlich sollte ich also kaum noch etwas - und schon gar nicht das 'Mosquito'-Gerät - hören können. Beruhigend.
Auch im Nationalrat ist das Gerät mittlerweile Thema: Der Niederösterreichische Landtag hat auf Initiative der SPÖ und der Kinderfreunde Niederösterreich ein Verbot derartiger Geräte in Niederösterreich beschlossen. Ein Antrag für ein österreichweites Verbot dieser Geräte wurde im Dezember im Nationalrat eingebracht.
Und der Erfinder des Geräts? Der hat mittlerweile erkannt, dass er seine Idee nicht nur zur Abschreckung einsetzen, sondern auch an den Jugendlichen Geld verdienen kann. Er bastelt gerade an einen hochfrequenten Handy-Klingelton den nur die Kids, die Eltern und Lehrer aber nicht hören können.
Das 'Mosquito Soundsystem' ist heute auch Thema in der Homebase zwischen 19-22 Uhr.