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  Österreich | 12.2.2008 | 14:08   

 
 
Clemens Setz: "Söhne und Planeten"
  von Anna Katharina Laggner

"Wart, ich überleg zuerst, dann sag ich was Gscheites." Wir beginnen das Gespräch mit einer Pause, sie füllt sich mit dem Klappern der Tassen, dem Klirren der Kaffeelöffel, dem Gemurmel. Irgendwo bohrt jemand in eine Wand. "Ich mag das Hintergrundgeräusch bei Interviews", hat Clemens Setz vor der Aufnahme gesagt, und dieses Hintergrundgeräusch wird in den nächsten 20 Minuten wiederholt zum Vordergrund, wenn er gerade nachdenkt. Dann sagt er was Gescheites. "Empfehlen würde ich es niemandem, aber es wäre egal". Wir sprechen vom Dasein als Jungschriftsteller. Mit einem fulminanten österreichischen Literaturherbst 2007 kam auch die Frage nach den Lebensverhältnissen österreichischer Autoren und Autorinnen wieder in Mode.

Der Erfolg ist nicht in erster Linie Produkt finanzieller Fördermaßnahmen. "Es passiert immer trotzdem. Mit Kunst ist das immer so, obwohl sie immer sinnlos ist, ein Fleisch oder Werk gewordenes Obwohl. Kein Mensch wird Künstler, weil er Lust drauf hat".
 
 
 
  Clemens Setz hat einen Roman am Markt - "Söhne und Planeten", eigentlich vier eigenständige Geschichten, die über die Frage nach dem Sinn des Weiterlebens, des Glaubens, der Bewegung weg und hin zu etwas, eine schemenhafte Verbindung eingehen. Kein Mainstream. Aber: er kann vom Schreiben leben. "Na ja", sagt der 26-Jährige. Er hat Glück, weil er eine eigene Wohnung hat, Mietkosten entfallen also. Und er kommt mit den Honoraren, die er durch Lesungen etwa im Grazer Literaturhaus verdient, recht lange aus. Fallen sie weg, ändert sich die Situation schlagartig. Vom Schreiben lebt man immer na ja. Hat Glück, wenn man artverwandte Brotjobs hat. "Im Augenblick hab ich einen, ich bin Übersetzer, davon kann ich für meine Verhältnisse lange leben. Und ich hoff, dass ich Stipendien krieg." Etwa eines der 20 Staatsstipendien, dotiert mit 13 200 Euro für ein Jahr, die das Bundeskanzleramt jährlich vergibt.

 Foto: Lukas Beck / RV
 
 
Keine Furcht, nur herein!
  Geld allein ist sowieso nicht der Grund für schriftstellerisches Reüssieren. Viel mehr braucht es den Mut, vom Schreibtisch aufzustehen und eigene Texte gegen andere antreten zu lassen, sich zu messen. Die Stadt Graz, in der Clemens Setz lebt, hat seit den Aufbrüchen des Forum Stadtpark in den 1960er Jahren einen Ruf als Literaturstadt etabliert. Heute betreibt es das Feuilletonmagazin "schreibkraft". Seit dem Kulturhauptstadtjahr 2003 hat Graz ein eigenes Literaturhaus.

Es geht, laut Clemens Setz, im Vergleich zu Wien, verhältnismäßig schnell, dort zu lesen, "wenn man dahinter ist. Es gibt auch viele Zeitschriften in Graz, man kann hingehen und mit den Leuten reden. Ich hab lange Zeit nicht gewusst, dass man den Herrn Kolleritsch einfach so besuchen kann, das find ich wunderbar." Alfred Kolleritsch, Mitbegründer des Forum Stadtpark, Herausgeber der manuskripte, Grazer Literaturpapst. "Natürlich braucht's Mut, ich war vor seiner Tür, hab fünf Minuten gewartet und hab mich nicht klopfen getraut. Es ist immer so, man hat Ehrfurcht, aber das kommt ihm ja auch lächerlich vor, er hat gesagt, keine Furcht, nur hinein."
Herausgekommen ist ein großes Lob für den jungen Autor. "In detailreichen Erzählungen bildet Clemens Setz die leidenschaftliche Wirklichkeit eines feinsinnigen Denkers", so Alfred Kolleritsch.
 
 
 
Zaubertricks
  Diesen feinsinnigen Denker sieht man auf youtube kleine Zaubertricks vollführen, er studiert Mathematik, spielt Klavier ("Überhaupt, ich muss ständig was Neues lernen, das sag ich auch immer bei Interviews, aber es schreibt dann keiner"), in einem Jahr erscheint ein 750-Seiten Roman. Er ist Schriftsteller.

"Bei mir hat sich das entschieden, wie ich das erste Mal einen Text veröffentlicht hab. 2001, in den lichtungen, man hat das Gefühl, es könnte mehr werden. Seit der Roman da ist, hab ich das Gefühl, ich bin Schriftsteller. Am Schreibtisch bringt die Entscheidung nichts, genauso wie die Entscheidung nichts bringt, ich bin berühmt. Wenn man sich zu Hause entscheidet, dass man berühmt ist, ist man verrückt. Genauso wenn man sich sagt, ich bin jetzt Schriftsteller. Das ist nix, das ist wie eine euphorische Phase oder ein Husten. Das geht wieder vorbei."
 
 
 
Beifall von toten Menschen
  Er schreibt, damit es existiert, heißt es in "Söhne und Planeten". Das Schreiben als ein Einschreiben in die Welt, als Mittel, Bleibendes zu hinterlassen, als Bestätigung für das eigene Ego. "Ganz ehrlich, man erwartet sich großen Erfolg. Es ist albern, das zu sagen, weil man auch weiß, wie die Wahrscheinlichkeit dafür steht, manchmal ist sie wirklich null. Ein anderer Satz in meinem Roman ist ja, ich bettle bei mir Unbekannten um Zuneigung. Es ist auch das, man bettelt um den Beifall hauptsächlich von toten Menschen. Die ganzen Ahnen sollen einem zujubeln, aufstehen und klatschen. Standing ovations. Es ist ein größenwahnsinniges Ziel, aber es wird mit aller Demut verfolgt. Um es kitschig zu sagen."
Und die Lebenden, die sollten doch auch jubeln?
"Bei denen ist es am aller unwahrscheinlichsten", sagt Clemens Setz.

"Söhne und Planeten" ist im Residenz Verlag erschienen.

 
 
Lesung
  Falkner vs. Setz: Sprachliche Kampfeinheiten #1
Literaturhaus Graz
28. Februar 2008, 20 Uhr

 
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