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  Österreich | 14.3.2008 | 07:02   

 
 
Vom Weiß zum Schwarz
  von Andreas Gstettner

Diese Idee setzte sich in meinem Kopf fest. Ich sehnte mich nach Eis und nach der in ihm gefrorenen Stille. Ein White Out wollte ich der glimmenden Hitze entgegenstellen. Vom Nordpol erhoffte ich mir eine Pause von meinem aufregenden Treiben, einen Fixpunkt inmitten all dieser Personen und Pseudonyme, die ich war und nicht immer war.
Aus "Expedition".

Das prophezeite uns der Tiroler Musiker und Künstler Hans Platzgumer in seinem ersten, autobiographischen Roman Expedition, der vor drei Jahren im Skarabaeus Verlag erschienen ist.

Er hat diese Vision auch wirklich in die Tat umgesetzt und aus dem Kindheitstraum, einmal die Arktis zu bereisen, entstand ein fiktionaler Roman mit dem schlichten Titel "Weiß".
 
 
 
Von Frankfurt ins Franz-Joseph-Land
  Die Grundgeschichte lässt sich leicht und knapp erklären.

Sebastian Fehr, ein Medien- und Rundfunkmensch in seinen späten Dreißigern, fristet in Frankfurt ein tristes Dasein. Sein grauer Arbeitsalltag und sein ereignisloses wie auch emotionsloses Privatleben wachsen zu einer pathologischen Sozialphobie heran, aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt. Egal, ob in einem italienischen Sprachkurs, einer Wellness Farm in Tirol oder auch nur in der hippen Kneipe nebenan, die kränkliche Innenwelt von Sebastian scheint absolut keine Berührungspunkte mit der Außenwelt mehr aufzuweisen.

Eher zufällig stößt er an einem U-Bahnkiosk auf einen Artikel über die Arktis. Die Bilder und Atmosphäre ziehen ihn sofort in ihren Bann und scheinen eine lang ersehnte, brennende Leidenschaft zu entfachen. Als an diesem Tag auch noch eine vielversprechende Liebesnacht zu einer peinlichen und entwürdigenden Auseinandersetzung mutiert, beginnt Sebastian konkrete Pläne zu schmieden, um den nördlichsten Punkt der Welt, das Franz-Joseph-Land, zu erreichen und sich dort in absoluter Einsamkeit ganz der Schnee und Eis zu ergeben.

 Hans Platzgumer
Foto: Peter Mayr
 
 
Mehr als einfach in die Wildnis
  Gerade zu Beginn des Buches ist man versucht, den Hauptcharakter Sebastian Fehr vorschnell zum typischen und extrem unsympathischen Aussteiger zu degradieren. Die bleierne Schwere seiner düsteren Gedankenwelt zieht nicht nur ihn zu Boden. Dem Leser fällt es schwer, sich mit Sebastian zu identifizieren oder für seine beengende Ausweglosigkeit viel Verständnis aufzubringen.

Erst als deutlicher wird, dass der anfängliche Selbstfindungstrip sich immer mehr zum gefährlichen Selbstmordunterfangen entwickelt, wird der vermeintlichen Aussteigergeschichte der klassische Romanboden entzogen, um ihn für eine Reihe von existenziellen Fragen aufzubereiten. Sebastian Fehr wird vom verschrobenen Sonderling zu einem vielschichtigen, greifbaren Charakter und sein Ziel wird trotz krankhafter Ausformung zum Lebens- und Überlebenssinn.

Das klirrende Eis war für Sebastian bloß noch Watte. Er hatte keine Angst davor, davon überzogen zu werden. Darin einzufrieren würde ihm keinerlei Schmerzen bereiten. Unaufhörlich zirkulierte der Medikamentencocktail in seinem Blut. Er würde weiter zirkulieren, bis die Kerntemperatur seines Körpers 31 Grad Celsius unterschritt. Dann endlich würde sein Blut verdicken und ins Stocken geraten. Die Temperatur würde weiter sinken. Sinken bis unter 27 Grad, wo er die Befreiung erlangen würde.
Aus "Weiß".

 
 
Die Spirale
  Dass der eigenwillige Künstler und Querdenker Hans Platzgumer keinen geradlinigen Mainstream- und Kuschelkurs fährt, war zu erwarten. Sebastian Fehr ist weder ein Held im klassischen Sinne, noch einer der vielen, zeitgeistigen Anti-Helden des neuen Hollywoodkinos. Platzgumers Hauptfigur ist ein "gewöhnlicher" Mensch, der den letzten Ausweg aus seinem tristen Leben darin sieht, eine vor kurzem entfachte Leidenschaft bis an seine Grenzen und eigentlich noch darüber hinaus auszuleben.

Der Stil bleibt dabei recht trocken. Unzählige, stimmungsvolle Bilder festigen sich durch sehr repetitive Sprachmuster. Dazu fließt in akribischer Manier die umfangreiche Recherchearbeit in den Roman ein. Die Details über Geschichte und Natur der Arktis verdichten sich immer dann, wenn auch Sebastian Fehr in seiner Faszination und Planung seiner Reise versinkt.

Darüber hinaus wird das Leben der Hauptfigur nicht chronologisch durchgepeitscht. Orte und Figuren, sowie deren Perspektive auf Sebastian werden gerade zu Beginn unentwegt gewechselt. Die Zeitachse ist keine lineare. Vielmehr werden kleinere Geschichten spiralförmig zu einem Gesamtbild zusammengesetzt, das sich erst gegen Ende vollständig komplettiert.

 
 
Weiß/Schwarz
  Die angesprochene Komplexität des Buches ist - wenn man sich darauf einlässt - auch ein großer Gewinn. So wie Sebastian selbst wird man immer wieder in eine Sackgasse gelenkt und ist permanent gefordert, sich auf die verschiedenen Blickwinkel der Protagonisten einzustellen und sich den daraus ergebenden und alles umspannenden Überbau fortlaufend zu erarbeiten. Nebenbei bewirkt dieser verschlungene Erzählstil, dass sich die Spannung (und manchmal auch die Ungeduld) sukzessive zum Höhepunkt hin aufbaut.

Der Klimax ist allerdings kein groß angelegtes Finale, kein überfrachteter Showdown. Er ist vielmehr ein eindringlicher Wendepunkt in der Mitte des Buches. Von hier an wechselt die Farbe. Jeder Lichtstrahl, der zuerst durch blankes Weiß reflektiert wird und Kälte entstehen lässt, entwickelt im absorbierenden Dunkel des Schlußteils eine menschliche Wärme.

Hans Platzgumer hat mit "Weiß" ein Werk geschaffen, das sich den herkömmlichen Strukturen entzieht, um dadurch Platz für Subthemen und Inspirationen zu schaffen. Vielschichtig sind die Ebenen und Interpretationsmöglichkeiten, großflächig der Nährboden für Diskussionen.

"In diesem Buch geht es auch viel um Erinnerungen. Was hat nun tatsächlich statt gefunden, was hat man nur im Kopf erlebt. Was ist Realität und was ist Fiktion. Diese Ebenen sind eigentlich das wichtigste uns stehen deshalb auch parallel nebeneinander. Also die Rausch- und Traumebenen, die Tagebucheintragungen, sowie geschichtliche Fakten zu verschiedenen Orten und wissenschaftliche Hintergründe.", so Hans Platzgumer.

 
 
Termine
  Auszüge aus dem Buch und aus dem Interview mit Hans Platzgumer sind am Freitag 14.03. ab 15:00 Uhr in Connected hören.

Hans Platzgumer wird seinen Roman "Weiß" auch bei einer Lese- und Performance Tour im ganzen deutschsprachigen Raum präsentieren, kombiniert mit Konzerten seiner verschiedenen Bands und Projekte. Hier ein Überblick über die Termine in Österreich:

Fr. 21.3. A-Steyr, Röda Lesung und Konzert Convertible, support Mindcave
Mo. 14.4. Imst, Museum im Ballhaus
Do. 17.4. Wien, Rabenhoftheater, Buchpräsenteation + Konzert Platzgumer 360 Drones
Do. 24.4. Innsbruck, Bierstindl, Lesung + Konzert Platzgumer 360 Drones
Fr. 25.4. Salzburg, ArgeKultur, Lesung + Konzert Platzgumer 360 Drones
Sa. 26.4. Wien, Porgy & Bess, im Rahmen von Wortspiele
Sa. 31.5. Salzburg, Literaturfest Salzburg, Hotel Stein
 
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