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  Österreich | 14.4.2008 | 18:42   

 
 
Soziale Interaktion im Web 2.0
  Jana Herwig, seit 12 Jahren 'im Internet', untersucht die Vorteile und potentiellen Auswüchse der Ausweitung des Sozialen über die Onlinemedien.
 
 
 
  Jana Herwig arbeitet an einer Dissertation über User-Generated Content und untersucht die Möglichkeiten, sich diesem (film-)wissenschaftlich anzunähern. Seit Herbst 2007 ist sie in Wien, verdient ihren Lebensunterhalt in Teilzeitexistenz mit der Erstellung von Online-Content und wird wissenschaftlich betreut am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

Jüngste wissenschaftliche Arbeit (zus. mit Henning Wrage): Das Tier in uns. Über Kätzchen. Lemuren und die Semantik der Niedlichkeit in partizipatorischen Online-Umgebungen.

Jana ist z.B. auf XING und Facebook unter ihrem Namen zu finden.

 
 
Alles ist durchsuchbar
  Den kognitiven Schock und schönen Schauer, als die Maschine erstmals antwortete, werde ich nie vergessen: 1996 hatte ich es nach vielen Anläufen endlich geschafft, mich über ein Unix-Terminal in dieses mysteriöse Internet Relay Chat einzuloggen. Im Kanal #music war so viel los, dass man kaum mitlesen konnte. Im Kanal #koeln schmuggelte ich meinen ersten nervösen Beitrag in die Runde - eine kontextfreie Bemerkung zu Frank Zappa, wenn ich mich recht entsinne. Sekunden später eine Antwort: 'altoid, guter musikgeschmack'. Ich stand kurz vor der Ohnmacht: Altoid, das war ich. Das Internet lebte und sprach mit mir...
 
 
 
  Fast Forward: Wir schreiben das Jahr 2008 und das Jahr 3 des Web 2.0 Zeitalters. Internetkommunikation bereitet längst keine kognitiven Dissonanzen mehr: Für die sogenannten 'digital natives', deren Sozialisation zum Großteil online stattfindet, ist chatten so aufregend wie für mich damals ein Telefon - Technik, die wir so gewandt benutzen können, dass sie selbst schon unsichtbar geworden ist.

Ende der 90er stürmte die Avantgarde der Kommunikations- und Medienwissenschaft in IRC-Kanäle und Multi-User Dungeons und verkündete den definiten Sieg der postmodernen Identität: 16-jährige Frauen, wurde berichtet, könnten sich hier als 30-jährige Männer ausgeben und ebenso umgekehrt (vor allem die Möglichkeit des Umgekehrten schürte Fantasie wie Ängste). 2008 agiert die fragmentierte Persönlichkeit nur noch ab und an im Untergrund: Der Mainstream findet statt in Online-Businessnetzwerken und Studierenden-Communities und dort tritt man am liebsten mit realem Namen auf, denn man will sich ja mit denen vernetzen die man kennt.
 
 
 
 
 
Nur alter Wein in neuen Schläuchen - oder doch eine Revolution?
  Auch wenn dem ganzen der Geruch des Neuen, Coolen, Besseren (sprich: des Hypes) anhaftet: Der Mensch ist auch online immer noch ein Mensch. Was tauscht er/sie also aus?

Private und geschäftliche Kontaktdaten (vormals: Visitenkarte), Informationen über Vorlieben und Abneigungen (früher: Steckbrief- und Poesialbum), Smalltalk und Diskussionen über Chat- und Mailsysteme (ehedem: Face to Face Gespräche, Postkarten und Briefe), Photos vom letzten Fest oder Urlaub (früher: Photoalben und Diaabend), hinterlässt sich Nachrichten auf der analog wie digital beliebten Pinnwand und kommuniziert gegenseitige Wertschätzung auf verschiedene nonverbale Arten - wo ist also der Unterschied zwischen Online-Gruscheln und Face to Face Augenzwinkern?
 
 
 
  Das Problem liegt nicht im Detail, sondern in den generellen Prinzipien digitaler Technik: Online und digital wird jede menschliche Interaktion und Kommunikation zum einen dramatisch beschleunigt und zum anderen zugänglich für jede Art der Weiterverarbeitung durch Methoden der Informationstechnologie.

Die richtige Visitenkarte zu finden, wenn wir die Telefonnummer eines Geschäftspartners suchen, dauert seine Zeit - und wenn wir Pech haben, sind die Kontaktinformationen in der Zwischenzeit veraltet. Online lasse ich eine Suche über meine Kontakte laufen und muss obendrein das Adressbuch nicht selbst pflegen - das machen meine Kontakte für mich.
 
 
 
Wer digital lebt, ist dauerhaft durchsuchbar
  Suchen ist zur Schlüsseltechnologie geworden - und eröffnet ebenso neue Möglichkeiten wir potentielle Abgründe. Denn digital kann alles durchsucht werden: die Nachrichten, die ich auf einer Online-Pinnwand hinterlasse, meine Emailkonversationen (siehe Googlemail, das mir passende Links zu meiner privatesten Kommunikation vorschlägt), die Bilder in meinem Online-Fotoalben, bei denen ich Notizen hinzugefügt habe, wer darauf zu sehen ist.
 
 
 
  Und anders als im Photoalbum von 1978, in dem die Farben allmählich verblassen, und anders als die Erinnerungen von der letzten Firmenweihnachtsfeuer, die nicht nur von der Zeit, sondern auch vom Alkohol getrübt waren, bleibt online und digital alles immer gleich frisch und gleich klar erhalten. Die Fotos von den Partyexzessen, die einem mit 19 den Ruf als wilder Hund eintrugen, die zeigt man mit 34 nostalgisch verbrämt nur noch den besten Freunden. Sind sie aber einmal in den Onlinesog geraten, fällt die Kontrolle über den Kontext, in dem man sie präsentiert, mitunter schwer:

Kopieren, der Schrecken der Musikindustrie, ist ein Grundprinzip der digitalen Welt - jede WWW-Seite, die auf meinem Bildschirm erscheint, ist bereits eine Kopie von Daten auf einem Server. Wer mein Bild im Netz anschaut, kann es auch kopieren - und in möglichen anderen Kontexten, die ich nicht kontrollieren kann, verbreiten. Auch Google funktioniert so: Täglich legen Googles Suchprogramme, die Crawler, Kopien von Webseiten im Google-Cache ab und indizieren sie - bei einer Suchabfrage wird schließlich nicht das Internet, sondern dieser Index durchsucht. So kann es passieren, dass gelöschte Seiten immer noch verfügbar sind - und cachen kann jeder, der die technischen Skills hat.
 
 
 
 
 
Social Media: Beschleunigung des Sozialen
  2007 war das Jahr, in dem sich die spezialisierte Personensuche als eigener Service ausformte: Spock, Wink, Zoominfo, Wikiyou, Peekyou und in Österreich 123people sind nur einige Beispiele - und deren paralleles Erscheinen bestätigt, dass es sich um einen Trend handeln muss, für den auch ein Bedarf besteht. Das Prinzip ist jeweils ähnlich: Durch gezieltes Auswerten personenrelevanter Informationen aus Suchmaschinen und aus verschiedenen Social Media Plattformen (z.B. Facebook, Xing, LinkedIn, Flickr, Twitter, etc.) wird eine kombinierte Informationsbasis zusammengestellt und gemeinsam dargestellt, die in dieser aggregierten Form sonst nicht im Internet zu finden wäre, bzw. deutlich mühsamer zusammen gestellt werden müsste - ein weiteres Beispiel dafür, wie digitale Medien Sozialprozesse dramatisch beschleunigen.

Wie wir damit umgehen können, bleibt abzuwarten. Anfang 2008 wurden etwa neun Angestellte des Hotels "Zur Bleiche" in Burg im Spreewald entlassen, nachdem der Hotelchef auf eine Diskussionsgruppe auf der Plattform StudiVZ gestoßen war, in denen sich diese über ihre Arbeitsbedingungen im Hotel unterhielten - und dabei sowohl Themen wie die Gehbehinderung des Chefs als auch einen ungeklärten Reizgasvorfall im Hotel thematisierten. Was auch immer wirklich im Hotel passierte - hätten sich die Angestellten nicht auf StudiVZ, sondern in einer Kneipe unterhalten, wären sie wohl nun nicht arbeitslos.
 
 
 
Tipp:
  Mehr zum Thema "Social Networks und der gläserne Mensch", unter anderem auch von Jana Herwig gibt es Dienstag, 15. April, in FM4 Connected (15-19 Uhr) zu hören.
 
 
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