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  Österreich | 18.4.2008 | 13:14   

 
 
Bittere Wahrheiten auf dem Tanzboden
  von Andreas Gstettner

Es ist schwer, der ausufernden Lobeshymne von Susi Ondrusova über Kettcar noch viel Substanz hinzu zufügen.

Aber das neue Werk des Hamburger Quintetts mit dem verwirrenden Namen 'Sylt' schlägt mit der musikalischen und textlichen Faust derart hart auf den Tisch, dass hier Platz sein muss für die kontra-neoliberalistischen, linkssozialen und zutiefst menschlichen Ausführungen von Sänger Marcus Wiebusch und seiner Band. Die lassen sich am besten mit Hilfe einzelner Songs festmachen.
 
 
 
Welcome to Graceland
  Schon über die erste Single würde sich eine kleine Abhandlung schreiben lassen. Mit schnarrendem Bass, Handklatschen und einem treibenden Rhythmus wird das Album eröffnet, in dem uns Marcus an einem Freitagabend in den vierten Stock eine Altbauwohnungsparty entführt. In der mit Lügen geschwängerten Luft schweben Sätze, die alle mit "eigentlich" anfangen und nie enden. Das Graceland, das hier von Kettcar beschrieben wird, ist der Spielboden für die Berufsjugendlichen, die über dreißig Jährigen mit Peter Pan Komplex, die sogenannten "mid ager".

Marcus Wiebusch eröffnet damit seinen sozialpolitischen Diskurs und vergisst dabei nicht auf die Selbstreflexion.

Marcus: "Ich finde dieses Thema absolut ambivalent. Deshalb sage ich ganz bewusst im Song: 'Ich bin einer von ihnen, es gibt keine Alternativen'. Ich kann mich da nicht rausnehmen. Dieses sich jugendlich geben, obwohl man die Fünfunddreißig überschritten hat, fühlt sich ja für jeden verdammt gut und richtig. Das kann man per se nicht verdammen. Aber es hat, wenn es zu hart getrieben wird, extrem lächerliche Züge. Mir geht's da um diese dünne Linie. Und im Song knüppel ich das auf Graceland herunter. Denn wer viel über Elvis gelesen hat wird wissen, dass er in seiner letzten Phase das Leben eines Kindes geführt hat. Er hat die Regression doppelt geführt, also nicht vom Erwachsenen zum Jugendlichen, sondern gleich zum Kind. Diese beiden Stränge versuche ich, in 'Graceland' zusammen zubringen."

 
 
Keine Macht der Angst
  Mit Befindlichkeitspop hatten Kettcar nie viel am Hut, auch wenn ihnen und ihren sehr persönlichen Texten dieses Etikett gerne immer wieder aufgedrückt wurde. Bei den Songs von 'Sylt' fehlt jede Klebefläche für solche Sticker. Sie erheben jedoch nie den Zeigefinger und liefern auf dem Album auch keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen über das derzeitige Sozialsystem. Am ehesten ist eine politische Forderung an dem Stück 'Fake For Real' auszumachen.

Marcus: "In dem Song geht es um Terrorangst, Angst vor Arbeitslosigkeit und innere Sicherheit. Nach 9/11 war London, dann Madrid und alle bekamen immer mehr Angst. Und ich hab irgendwann gemerkt, ich hab keine Angst. Was soll das ganze? Dann habe ich in der Harald Schmid Show gesehen, wie er von der Journalistin Sandra Meischberger gefragt worden ist: Mir fällt auf, sie machen Witze über alle. Juden, Nazis, aber warum machen sei nie Witze über Moslems? Das war der einzige Moment, in dem der von mir hochgeschätzte Harald Schmid unruhig wurde und geantwortet hat: Ich habe eine Frau und drei Kinder zuhause. Punkt. Klar, er hatte Angst und ich kann nicht sagen, hab keine. In dem Song geht es also darum, die Angst nicht über zu bewerten. Denn wenn wir uns alle der Angst hingeben und die Anderen das Kommando übernehmen lassen, die angeblich das Schlimmste verhindern wollen, dann haben wir die Konsequenzen zu tragen, die hundertmal schlimmer sind. Stichwort Fingerabdruck am Personalausweis, Überwachungsszenarien nach englischem Vorbild. Das ist für mich keine Welt, in der ich leben will."

Der clevere Kunstgriff dabei ist, dass die textliche und musikalische Ebene verschränkt werden. Die Beklemmung in der "Kirche der Angst" wird durch verzerrte und elektronische Sounds verstärkt und allmächtig. Bis am Schluss nur mehr Marcus mit Gitarre übrigbleibt, der in einen leeren Raum hinein singt, dass man mutig seine Angst nicht zeigen soll.

 
 
 
 
Auswirkungen auf den Mikrokosmos
  Dass Kettcar auf "Sylt" nicht nur von globalen Phänomenen sprechen und in sicherer Vogelperspektive analytische Blickwinkel vertreten, zeigen Songs wie 'Am Tisch' und 'Würde'. Da geht es um den Mikrokosmos, um ganz persönliche Geschichten.

Auf einem Wirtshaustisch sitzend, erkennen Marcus Wiebusch und sein Kontrapart Sänger Niels Frevert, dass ihr sozialer Status sie weit voneinander entfernt hat. Im swingenden 6/4 Takt wird zu einer traurigen Posaune das letzte Glas ausgetrunken, bevor jeder seine eigenen Wege geht.

Marcus: "Ich habe an mir selber bemerkt, dass im Mikrokosmos sich Dinge sehr schnell bemerkbar machen und man sich fragt: Warum muss das so sein? Warum müssen diese beiden Freunde sich jetzt trennen? Diese Stimmung wird dadurch transportiert, dass man den jeweiligen Charakter aus seinem Blickwinkel erzählen lässt. Deshalb haben wir auch zum ersten Mal einen Gastsänger auf der Platte."

Die Nummer 'Würde' ist noch bitterer. Über einem schleppenden Schlagzeug wird ein breiter Gitarrenteppich ausgebreitet und die Geschichte eines Menschen erzählt, der gebrochen von Misserfolgen und hohen gesellschaftlichen Erwartungshaltungen nach Hause zu seinen Eltern zurückkehren muss.

Marcus: "Ich habe Bücher gelesen über den unmittelbaren Zusammenhang von neoliberalen Zeiten und dem burn out Syndrom. Denn die Anforderungen die an uns gestellt werden, sind immens. Nicht nur im Beruf, auch privat. Wie wir in der Freizeit zu sein haben, wie wir aussehen müssen, wie wir mit unserem Körper umzugehen haben. Und da können viele nicht mehr mithalten. Ich wollte das benennen. Und wenn du nachhause ziehen musst, zu Mama und Papa, das ist ja der ultimative Zusammenbruch. Diese unter Anführungsstrichen Verlierer ins Licht zu stellen via der Kunst, das ist uns wichtig. Dass man solche Menschen immer mitdenkt."

 
 
"Alles was wir als Künstler machen können, ...
  ... ist im Grunde genommen nur einen Zeitgeist zu befeuern, der nicht in die neoliberalen Jubelstürme mit einstimmt, sondern der fragt: Muss das so sein? Gibt es andere Lösungen? Wir sind jedoch keine Politikwissenschaftler, die Forderungskataloge rausholen können."

Marcus Wiebusch bekräftigt die sozialpolitische Dimension des Albums und erklärt dadurch auch, wieso viele seiner Erzählungen durch ihre Realitätsnähe düster und komplex sind. Happy Ends gibt es keine. Und trotzdem entmutigt die Platte nicht, sondern führt uns mit großartig produzierten und vor allem tanzbaren Songs vor Augen, wie ein "Dagegen sein" sich 2008 anhören und anfühlen kann.

 
 
Tipp:
  Heute Freitag 18.04. ab 15:00 Uhr könnt ihr in Connected eine ausführliche Listening Session durch "Sylt"mit Marcus Wiebusch hören.
 
fm4 links
  www.kettcar.net
   
 
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