fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
  Österreich | 29.4.2008 | 11:29   

 
 
We were one with the freaks
  von Andreas Gstettner, Fotos von Pamela Russmann

Wieder einmal bin ich davon überzeugt worden, dass die Wirkung eines Konzertes sehr stark mit Erwartungshaltungen verknüpft ist. Nachdem das neue Notwist Album "The Devil, You & Me" streckenweise leise und in sich gekehrt ist, war meine Erwartung, dass sich die Acher Brüder Markus (verantwortlich für Gitarre, Gesang und Plattenspieler) und Micha (schwingend am Bass) und Martin Gretschmann (der Elektronik-Wizard der Band) sanft durch ihr neues Material spielen werden. Jedoch weit gefehlt. Am gestrigen Abend haben The Notwist einmal mehr unter Beweis gestellt, was für grandiose Musiker sie sind, und dass sie es schaffen, ihren künstlerischen Anspruch auch live umzusetzen und offen genug zu sein, uns an ihren Prozessen teilhaben zu lassen.
 
 
 
 
 
Gefühlvolles Kollektiv
  Und schon eröffnet die fünfköpfige Band mit "Pick Up The Phone" den elektronischen Pop-Reigen. Die vertrauten Samples und Beats werden von Martin "Console" Gretschmann mit den zwei Bedienungselementen einer Wii-Konsole ferngesteuert. Wie ein magischer Zaubermeister steuert er für uns unsichtbar die kratzenden Geräusche und fischt in dem riesigen Klangpool nach den richtigen Sounds. Daneben wippt Micha Acher von den ersten Tönen an mit seinem himmelblauen Bass in den Groove vertieft. Konzentriert und mit jener sich wiederholenden Körperbewegung, die man schon vor fünfzehn Jahren beobachten konnte. Alle Mitglieder von The Notwist sind von Beginn an miteinander verschmolzen und agieren als ein gefühlvolles Kollektiv, das um seine Stärken Bescheid weiß.
 
 
 
 
 
  Nachdem Markus das Ende des Songs mit spitzen Gitarrenschlägen ganz oben am Steg einleitet und die letzten Töne im Raum verhallen, legt er am nebenstehenden Tisch die Nadel auf den Plattenteller. Mit einem kurzen Knistern holt er in Sekundenschnelle das Andromeda Mega Express Orchestra in den Sendesaal. Die Streichersätze leiten den zweiten Titel der neuen Platte ein, "Where In This World". Es funktioniert perfekt. Satte Sub Bässe drücken angenehm in die Magengrube und wenn Markus "Where in this world could I go?" mit fast gebrochener Stimme intoniert, findet man sich in einer Welt wieder, in der die Zeit still stehen zu scheint. Das akribische Tüfteln erzeugt einen fast schwerelosen Soundteppich und lässt einen intensiven Spannungsbogen entstehen, der sich in weiterer Folge über den ganzen Abend zieht. Jeder, der den Klangarchäologen auf die Finger schaut, scheint die hypnotische Wirkung der Songs in eigene Bewegungen zu übersetzen. Angefangen von leichtem Mitwippen der Füße bis hin zu geräumigem Schwingen des ganzen Oberkörpers.
 
 
 
 
 
Rockvergangenheit und Popgegenwart
  Mittlerweile haben The Notwist wieder zu Neon Golden gewechselt und der neue Schlagzeuger Andy Haberl kündigt mit den Elektro-Pads den Beat der famosen Nummer "One With The Freaks" an. Als er nach einigen Minuten passend zur Textzeile "Have you ever been all messed up?" auf das organische Schlagwerk wechselt, lässt die ganze Band die Zügel los. Es bietet sich ein wunderbares Soundschauspiel, in dem The Notwist ihre Rockvergangenheit mit der elektronischen Popgegenwart zu einem einzigartigen, neuen Moment verschmelzen lassen. Mit dem nächsten Song bleiben wir in der Zeit von "Neon Golden", der Platte, die der Weilheimer Band die Tür über den großen Teich nach Amerika eröffnet hat. Dabei scheint sich der musikalische Kosmos der Band bei dem Stück "This Room" zu verselbstständigen. Aus dem finalen Samplegewitter heraus, das von Martin Gretschmann mit seinen Fernsteuerungen in Theremin-Haltung unter Kontrolle gehalten wird, löst sich eine kleine Pianomelodie. Sie holt uns in die Gegenwart und formt sich zu dem poppigsten Stück der neuen Platte, "Boneless".
 
 
 
 
 
  Nach nur knapp drei Minuten verschränkt sich diese kleine Pop-Perle mit einer brüchigen Version von "Neon Golden", die sich gegen Ende zu einem funkigen Dancefloor-Beat entwickelt, um den viele New Raver die Weilheimer beneiden würden. Spätestens in diesem Moment wünscht man sich die angenehmen Sitzgarnituren weg, schaltet geistig die Discokugel ein und lässt der aufgestauten Tanzenergie freien Lauf. Zumindest im Kopf. Bis die Band beginnt, auch dieses Groove-Monster zu dekonstruieren. Aus verschrobenen Sounds und einer zerfallenden Klangwolke schält sich der Rhythmus von "Day 7" heraus. Das Eröffnungsstück der Platte "Shrink", die für The Notwist die große Wende darstellte. Die heutige Version gleicht einem langen, intensiven Loop, der einen weiteren Spannungsbogen in der übergeordneten Dramaturgie bildet und ankündigt, dass die Zeitreise nicht hier stehen bleibt. Denn mit "My Phasebook" folgt ein Song von dem Album "12" das mittlerweile schon dreizehn Jahre am Buckel hat. Noch nie war Noise 2008 so schön, wie in diesem Moment.
 
 
 
 
 
  "On Planet Off" ist die logische Verbindung der Punk-Vergangenheit mit der gegenwärtigen intensiven Elektronikphase. Zeitweise scheint der Klangkosmos undurchdringbar zu sein und die Frage, wer da eigentlich was macht auf der Bühne, stellt sich da schon lange nicht mehr. Vor allem bei "Gloomy Planets" fällt auf, dass der Mischer hinter seinem Pult wesentlich zum gelungenen Abend beiträgt. Die ganz eigene Art, den Snaredrum-Sound zu modulieren und langsam zu entfalten macht ihn eigentlich zum weiteren Live-Mitglied der Band. Das ganze Set wirkt wie aus einem Guss, dessen Ende mit dem neuen Titelsong "The Devil, You & Me" eingeleitet wird.
 
 
 
 
 
  Nach frenetischem Applaus lassen sich The Notwist nicht viel Zeit, um wieder auf die Bühne zu kommen und als Zugabe noch "Chemicals" und "Gone Gone Gone" zu spielen. Auch die zweite Zugabe, das leisere "Sleep", begeistert durch die gefühlvolle Umsetzung und in dem Moment, als Markus "The sun was up all night" singt, macht sich dieses schöne Sehnsuchtsgefühl breit, dass alle Notwist Songs begleitet. Ein perfektes Ende für einen absolut wundervollen Abend.
 
 
 
fm4 playlist    
 
artist title
 Pick Up The Phone
 Where In This World
 One With The Freaks
 This Room
 Boneless
 Neon Golden
 Day 7
 My Phasebook
 On Planet Off
 Gloomy Planets
 Pilot
 The Devil, You & Me
 Zugabe I:
 Chemicals
 Gone Gone Gone
 Zugabe II:
 Sleep
 
 
FM4 Radiosession mit The Notwist
  Nachhören kann man die FM4 Radiosession mit The Notwist am 5. Mai 2008 in der Homebase (19-22 Uhr). Am gleichen Tag wird es auch einen Videostream der Session geben.
 
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick