Zum ersten Mal gehört habe ich The Notwist Anfang der Neunziger in einem kleinen dunklen Club in Klagenfurt: krachende, extrem verzerrte Gitarren, ein gummelnder, knöcherner Bass und ein Schlagzeug mit metallisch hohem Snare Sound war die damalige Palette des Notwist Klangbilds. Die musikalisch und textlich gewaltige Nummer 'The Incredible Change Of Our Alien' wurde in so manchen Kreisen zum Indie-Hit.
Und selbst wenn man sechzehn Jahre später ihr neues Album 'The Devil, You & Me' anhört, dann sind noch immer Spuren dieser Zeit darin zu finden. Wenn auch auf abstrakteren Ebenen.
Als lange Dreads und Gitarrensoli noch "erlaubt" waren: Markus und Micha Acher und Martin Messerschmid Anfang der Neunziger.
Vergangenheit und Gegenwart
Als am vergangenen Montag The Notwist bei der FM4 Radiosession einen Querschnitt ihrer Werke spielten, wurde klar, dass ihre Vergangenheit immer noch sehr präsent ist. Das meint auch Sänger und Gitarrist Markus Acher:
"Man kann sich vielleicht nicht mehr an alles erinnern wenn man die alten Sachen wieder hört, aber dieser ganze Hardcore- und Punkanfang, der ist uns allen immer noch sehr nahe. Denn wir haben damals Ideen ausgedrückt, die uns auch heute noch sehr wichtig sind."
Mit den Ideen, die Markus hier anspricht, ist unter anderem die grundsätzliche Einstellung gemeint, mit der The Notwist schon seit knapp zwei Jahrzehnten ihre Musik produzieren, ohne sich zu verkaufen oder sich von der Veröffentlichungsmaschinerie auspressen zu lassen.
Aber auch auf musikalischer Ebene sieht Markus noch immer eine Verbindung in die Vergangenheit. Zwar haben sich The Notwist spätestens mit ihrem Elektro-Pop-Glanzstück 'Shrink' (1998) weit von der ungestühmen Laut-Leise-Hardcore Zeit entfernt, doch eine gewisse sehnsüchtige Grundstimmung ist den meisten Songs erhalten geblieben.
Markus: "Für mich ist es nicht so, dass wir uns komplett verändert hätten, sondern es gibt einen bestimmten Kern von Stücken, der immer noch gleich ist, nur die Arrangements ändern sich ständig."
Die große Wende: Mit dem Elektro-Pop Album 'Shrink' eröffnen The Notwist 1998 einen neuen Klangkosmos.
Where in this world could I go
Als vor sechs Jahren ihr viel umjubeltes Album Neon Golden die Grenzen des großen Teichs überwand und sich ihr guter Ruf auch in Amerika breit machte, war zu spüren, dass die weitere Entwicklung schwierig werden dürfte. Um an diese zehn perfekten Popsongs anzuschließen, hat sich die Band erstmal mit anderen Projekten die Köpfe freigespielt. Nach einigen Jahren wieder in den Notwist Sound zu finden, stellte für Markus das geringste Problem dar.
Markus: "Das war nicht so schwierig. Schwieriger ist da die Frage, wie man das eigene Spektrum erweitern und zu neuen Ideen kommen kann. Wir hatten am Anfang viele Stücke, die sehr nach den Songs von Neon Golden geklungen haben. Da haben wir dann angefangen, immer mehr in andere Richtungen zu denken."
Der zweite Song der Platte, Where In This World, zeigt deutlich, wie sich der Klangkosmos von The Notwist erweitert hat. Die zappelnden Streicher führen zu Beginn auf unbekanntes Terrain, lösen sich dann in einem elektronischen Beat auf, verweilen spannungsgeladen im Hintergrund des Soundsprektrums, um jede Sekunde wieder herauszubrechen. Eine eigenwillige Art, mit Streichersätzen umzugehen, die man auch in anderen Songs von 'The Devil, You & Me' findet.
Markus: "Wir wollten an einen Punkt kommen, wo sich nochmal andere Klänge aufmachen, die nicht typisch orchestermäßig sind. Und dafür war Daniel Glatzel genau der richtige, weil er sehr eigenständig und innovativ arrangiert. Er mischt ganz verschiedene Stilrichtungen ineinander, von Filmmusik über zeitgenössische Kompositionen bis hin zu jazzigen Arrangements. Das hat uns sehr gafallen. Es waren Klänge, die sich sehr gut eingepasst und einen neuen Klangkörper ergeben haben, den wir so noch nie hatten."
Vor sechs Jahren schon auf der Spitze des Indie-Pop-Olymps. 'Neon Golden' macht die Band auch in den USA bekannt.
Life is a loop
Schon der ersten Höreindruck macht eine weitere Neuerung oder besser Steigerung deutlich. Mehr denn je wird bei The Notwist mit loops gearbeitet, mit immer wiederkehrenden Soundschnipseln und Melodiebögen. Auch das Sampeln des Schlagzeugs, wie in der eckigsten Nummer 'Alphabet', übersteigt gewohnte Grenzen. Einzelne Fills und Hi-Hat Schläge werden zu einem komplexen Gesamtrhythmus geschmiedet, der unterstützt durch verzerrte Streichersamples und einem weiträumigen Ride-Becken einen irrsinig hypnotischen Drive erhält. Nicht zulsetzt hat der Einfluss des neuen Jazz Schlagzeugers Andy Haberl sich auf die Arbeitsweise von Elektronikmeister Martin Gretschmann niedergeschlagen.
Auch auf der Gesangsebene scheint Markus diesem loopartigem Prinzip gefolgt zu sein, wie man es schon beim Eröffnungssong, 'Good Lies', erkennen kann.
Markus: "Es gibt das typische Popelement, dass in einem Refrain eine ganz markante Zeile immer wieder vorkommt. Ich fand es jedoch interessanter, wie bei 'Good Lies' den vermeintlichen Refrain gleich am Anfang und dann erst wieder am Schluss auftauchen zu lassen und die Strophe wie so ein Mantra aufzubauen. Wie ein Prediger, der immer wieder das selbe sagt, wo man zuhört und sich dann aber denkt: Von was singt er da? Das ist eigentlich eine total komische Message. Darüber hinaus war es mir wichtig, mit Themen und Aussagen immer wieder zu brechen. In einer Nummer zu sagen, dass es sowieso kein Entkommen gibt und in der Nummer darauf zu sagen, Hauptsache man kommt hier weg und dann wird alles besser. Man wiederspricht sich ja auch im alltäglichen Leben, manchmal in einzelnen Gedanken. Gewisse loops entstehen oft in Problemsituationen, sodass man aus einem bestimmten Denkmuster nicht mehr herauskommt."
Bild: Jon Bergmann
Vom Wegwerfen und der Singer/Songwriter Idee
Auffällig bei 'The Devil, You & Me' ist, dass die akustische Gitarre und Markus Stimme die tragenden Elemente darstellen. Auch wenn sich die Songs zu großflächigen Soundlanschaften ausbreiten, sie fallen immer wieder in sich zusammen und kehren an den Ausgangspunklt ihres Entstehens zurück.
Das wundervolle 'Gloomy Planets' zum Beispiel schrammelt sich von einer organischen Ballade zu einem treibenden Popelektrostück, während bei dem Titelsong 'The Devil, You & Me' und dem Abschlussstück 'Gone Gone Gone' ein zartes Glockenspiel, ein verhalltes Elektroniksample oder ein leiser Beserl-Beat ausreichen, um die Singer/Songwriter Nummern vielschichtiger zu machen und weitere, spannende Klangebenen zu eröffnen.
Meist kann man im Kopf mehrere Flächen, Melodien und Instrumente hören, die in Wirklichkeit nicht vorhanden sind. Das deutet darauf hin, dass während des Aufnahmeprozesses viel beseitigt und weggeworfen wurde, wie Martin Gretschmann mit einem Lächeln bestätigt.
Martin: "Wir waren in unserem Studio, das ja nur ein einziger großer Raum ist, probierten verschiedene Ideen aus und namen sie dann auf. Anschließend haben wir uns die Sachen angehört, uns dann angesehen und schon ist wieder was im Mülleimer gelandet. Natürlich sind viele Dinge stehengeblieben, aber erst mit der Zeit trägt man Schichten ab und fügt andere hinzu. Das war schon ein sehr langwieriger Prozess."
Markus: "Das mit der akustischen Gitarre und dem Gesang war eine Idee, die wir schon am Anfang hatten. Es sollte so wirken, als ob da einer mit der Gitarre auf einem Hocker sitzt und sich plötzlich eine Tür in einen anderen Raum öffnet. Man folgt dann diesem neuen Weg, kommt aber immer wieder zu den Typ zurück, der da alleine auf der Gitarre vor sich hin schrubbelt. Es sollte auch etwas Psychedelisches haben, dass die Songs immer wieder in andere Sphären abdriften. Eingentlich ins Weltall, von den Bildern her."
So erklärt sich auch die Vorliebe von Markus für Planeten, Sterne, andere Welten, Astronauten, Aliens und der Sehnsucht nach Schwerelosigkeit, die in seinen Texten immer wieder vorkommen.
Old gravity you won't get me
Die angesprochene Schwerelosigkeit hat aber noch eine andere, viel tiefere Ebene, die sich durchs ganze Album zieht. Transparent wird sie in dem Song 'Gravity', der mit einer verzerrten Orgelmelodie beginnt und sich über kleine, hüpfende Elektro-Beats und warme Gitarrenzerlegungen zu einem der wundervollsten Stücke der Platte entwickelt. Über all den großräumigen Sounds singt Markus mit brüchiger Stimme :
I see the planets spinning faster / or is my body to slow / I don't know I don't know / don't want to live somewhere else / Gravity you won't get me / old gravity you won't get me
Mit der dahinter steckenden Geschichte und Bedeutung, wird dieser Versuch, die Schwerkraft zu überwinden, das wohl ergreifendste Stück von The Notwist.
Markus: "Ich finde diese Zeilen ergeben ein schönes Bild. Und dieses Bild steht auch für all die Probleme, die man im Leben so hat und mit denen wir auch konfrontiert waren, als wir die Platte aufgenommen haben. Denn einige enge Freunde von uns sind schwer krank geworden oder hatten Unfälle. Sie haben sich sozusagen mit der Schwerkraft oder den Naturgesetzen auseinandersetzen müssen. Deshalb taucht auch in den Texten immer wieder auf, dass man sich von dieser Schwerkraft gerne lösen würde, es aber eigentlich nicht kann."
Die neue Weilheimer Dreifaltigkeit: 'The Devil, You & Me'.
Bild: Jon Bergmann
Auf der Müllhalde der Popkultur
The Notwist haben mit 'The Devil, You & Me' ein vielschichtiges Popwerk geschaffen, das nahtlos an ihre vorherigen Platten anschließt und zugleich eine spannende Weiterentwicklung hörbar macht. Die vielen Erfahrungen mit den Nebenprojekte, die Markus Archer ('Lali Puna, Tied & Tickled Trio), Bassist Micha Acher (Tied & Tickled Trio, Ms John Soda) und Martin Gretschmann (Console) seit Jahren verfolgen, fließen immer mehr auch in The Notwist ein. Die Zusammenarbeit mit den Avandgarde Hip Hoppern von Themselves (die zum Projekt 13 & God führte) hat nicht nur wesentlich zum neuen Album beigetragen, sondern auch die alte, schon erwähnte Grundhaltung der Weilheimer Ausnahmekünstler verstärkt.
Markus: "Wir sind aus Bayern und singen englisch. Da fallen wir im Vorhinein aus dem authentischen Kunstbegriff heraus, was ich ja auch wieder gut finde. Also ich verstehe uns eher als komische Müllkiddies, die halt nehmen, was auf der Müllhalde der Popkultur so rumliegt, um daraus etwas zu basteln. Uns das bewusst zu machen war ein wichtiger Prozess. Vor allem, als wir mit dem Rapper Adam von Themselves zusammen gearbeitet haben. Denn Adam war immer sehr neidisch darauf, wie wir mit der englischen Sprache beim Texten umgehen. Dass wir Limitierungen haben, im Kopf immer alles sofort übersetzen müssen und sich daraus für ihn wunderschöne Fehler ergeben. Dieses Manko wird zu einer gewissen Poesie. Damit habe ich diesmal auch bewusst gespielt, als ich die Texte geschrieben habe."
Auf das noch viel unbewusste Poesie von The Notwist entstehen möge und die Band weiter die Müllhalden der Popkulturen durchstreift, auf der Suche nach den großen Sehnsüchten, die sie uns seit vielen Jahren in ihren Songs näher bringen.
Tipp:
Eine ausführliche Listening Session durch das neue Notwist Album 'The Devil, You & Me' könnt ihr am Montag 05. Mai ab 15:00 Uhr in Connected hören.