Demonstrationen vor großen Bekleidungsketten im ganzen Land und das Werben um Mitgliedschaften und Unterschriften gegen Tierquälerei. Engagierte Tierschützer gehören zum Stadtbild dazu. Als im Juni 2008 zehn von ihnen, u.a. Martin Balluch, Obmann des "Vereins gegen Tierfabriken", festgenommen wurden, waren der Protest und die mediale Berichterstattung groß. Vorgeworfen wurde den Tierrechtsaktivisten die Gründung bzw. Beteiligung an einer kriminellen Organisation, gestützt durch den §278a im Österreichischen Strafgesetzbuch. Jetzt, nach 104 Tagen sind die Inhaftieren wieder frei. Überraschend entlassen, weil eine mehr als drei Monate andauernde U-Haft bei einer Strafdrohung von sechs Monaten bis zu fünf Jahren unangemessen ist.
Der Hauptverdächtige Martin Balluch durfte gestern das Wiener Landesgerichtliche Gefangenenhaus verlassen - abgemagert von seinem Hungerstreik, blass und mit einem zerschlissenen T-Shirt mit der Aufschrift "Vegan". Seither steht er im Licht der Öffentlichkeit, gibt ein Interview nach dem anderen. Unterstützung bekommen er und die anderen inhaftierten Tierschützer von den Grünen. Sie haben Martin Balluch auf ihre Kandidatenliste für die kommende Nationalratswahl gesetzt, um ein Zeichen zu setzen und sich zu solidarisieren. Was sich der Obmann des "Vereins gegen Tierfabriken" von seiner Kandidatur erwartet und wie es ihm im Gefängnis ergangen ist - darüber hat Mari Lang heute Nachmittag mit ihm gesprochen.
Wie geht es dir am ersten Tag zurück in der Freiheit und in der Realität?
"Es ist unglaublich verwirrend. Immerhin war ich jetzt 104 Tage lang weggesperrt. Ich war ununterbrochen in einem winzigen Raum mit mir vollkommen wildfremden Personen, und für jede Kleinigkeit musste man Gesuche einreichen und die Wärter und Wärterinnen versuchen dazu zu bringen, dass sie einem etwas bieten. Das fangt an von sich waschen dürfen, über die Wäsche gewaschen bekommen, über neben dem normalen Essen, das halt praktisch nicht essbar ist, etwas zu bekommen, sodass man vernünftig essen kann, bis zum Licht aufdrehen. Diese komplette Hilflosigkeit, dieses totale Ausgeliefertsein macht einen wirklich fertig. Das ist noch nicht wirklich alles eingesunken. Ich hab jetzt nur vier Stunden geschlafen. Ich bin gestern Abend rausgekommen, und ich bin bis jetzt noch nicht zum Denken gekommen. Aber ich werde auf jeden Fall demnächst Psychotherapie brauchen, denn ohne die werde ich es nicht aushalten."
Ist die Kandidatur auf der Liste der Grünen für dich jetzt auch ein Versuch das politische System in Sachen Tierschutz von Innen heraus zu verändern?
"Man muss ganz deutlich sagen, die Grünen waren unglaublich tapfer, unglaublich solidarisch in dieser Situation. Man muss bedenken, wir wurden ja als radikal bezeichnet und wenn man mit uns in Berührung kommt, wird man vielleicht auch gleich als kriminell eingestuft. Und die haben aber den Mut bewiesen, die Standhaftigkeit und das Rückgrat, aufzustehen und zu sagen "So geht's nicht". Das heißt Menschenrechte sind ihnen so wichtig, dass sie dafür aufgestanden sind, und Tierschutz ist ihnen auch wichtig. Das sind für mich die zwei zentralen Themen, wo die Grüne Partei von allen parlamentarischen Parteien sicher jene ist, die diese Grundideen verteidigt und eine Entwicklung in diese Richtung vorantreibt. Und deswegen bin ich sofort bereit gewesen, und war sehr dankbar, für die Grünen für den Nationalrat zu kandidieren."