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  Österreich | 24.9.2008 | 11:43   

 
 
Heureka!
  Text Andreas Gstettner
Fotos Alexandra Augustin

Schon zu Mittag steht ein großer, dunkelblauer Nightliner am Funhausparkplatz.
"Schick, schick", denke ich mir und überlege, wie der vor jugendlichem Idealismus strotzende Thees Uhlmann mit der Gitarre in der Hand und dem Herz auf den Lippen sich mit seinem Grand Hotel Van Cleef zum wichtigsten Anlaufpunkt von Indie-Bands in Deutschland gemausert hat. Klar, im Gegensatz zu den tonnenschweren Lastern, die zeitgleich auf der Donauinsel ihre Schneise durch den Matsch ziehen, ist das nur eine kleine Sache. Aber in unserem geliebten Musikuniversum sind Tomte mit allem was dazu gehört in der absoluten Oberklasse angekommen. Nicht, dass Kopf und Masterspaßmind Thees seine Herkunft je vergessen hätte und abgehoben wäre. So meint er gegenüber Robert Zikmund am Nachmittag im Connected Studio auf die Anmerkung, Tomte spiele heute im holzgetäfeltem Sendesaal mit großem Flügel mit verschmitztem Lächeln:

"Wenn man so kaputte Leute wie uns an solch teure Instrumente lässt, dann geht der Punk wieder zurück vom Hauptbahnhof in die Bibliothek!"
 
 
 
 
 
"Wir fühlen uns sehr sakral heute"
  Einige Stunden später gibt sich Thees Uhlmann angesichts des mit Spannung erfüllten Konzertraums und der mit großen Augen in absoluter Stille verharrenden Menschen doch recht beeindruckt. "Wir fühlen uns sehr sakral heute." Ein treffender Ausdruck, der uns noch den ganzen Abend begleiten wird. Mir wäre vielleicht eher das Wort "episch" in den Sinn gekommen. Vor allem, da das sechzehn Nummern starke Monsterprogramm von Tomte fast an die Länge von "The Dark Night" herankommt. Die Gänsehaut, die sich schon zu Beginn von "Schrei den Namen deiner Mutter" über den Rücken zieht, ist eine ähnlich, die man bei Heath Ledgers genialem Grinsen bekommen kann. Aber das war es dann auch mit den Filmanalogien, denn Tomte lassen von Anbeginn die Sonne in den Sendesaal und damit andere Bilder im Kopf entstehen. Ein Meer an Blättern in allen Grün,- Braun- und Rotschattierungen, herbstliches Abendlicht, das den kahl gewordenen Wald durchflutet und die langsam frierenden Finger noch einmal wärmt.

 
 
 
 
 
 
 
  Einerseits liegt es an den persönlichen und offenen Einführungsworten von Martin Blumenau, die unseren traurigen Verlust von Duncan Larkin ansprechen und Tomte als genau das richtige, melancholisch-hoffnungsvolle und angemessene Ereignis verorten, dass sich die Schönheit der Texte und der Melodien mir vom ersten Ton an offenbaren. Andererseits ist es die organische Instrumentierung mit Klavier, Beserlschlagzeug, Akustikgitarre, Cello, tiefem E-Bass und sanften Akkordzerlegungen mittels Stromgitarre, die berührt und entgegen möglicher Erwartungen tight zusammengespielt sich ihren Weg durch den Raum bahnt, ohne auch nur Ansatzweise zerbrechlich zu wirken. Und das, obwohl von der Ursprungsbesetzung mittlerweile nur mehr Thees Uhlmann übrig geblieben ist.
 
 
 
 
 
 
 
"Wir sind Tomte und wir geben alles, was wir haben"
  Und das ist viel. Zum Beispiel neue Gesichter, wie das des Keyboarders Simon Frontzek. Mit seiner schwarzen Brille und seinem wuscheligen Schopf versteht er es gut, die peppigen und fein arrangierten Melodien wie Farbtupfer über alle Songs zu verteilen.

Oder das Gesicht des Cellisten Gunna Vosgröne, seines Zeichens Bassist der von Thees als Hardcore-Mosh-Grunge-Band kategorisierten Escapado. Mitten im Konzert, zwischen zwei Nummern, hält Thees mit süffisantem Lächeln einen CD-Player vor das Gesangsmikrophon, und das hörbare geshoute und der krachige Lärm bestätigen seine Aussage, während Gunna still in sein Cello hineinlacht.

Ein älteres Gesicht, aber dafür hinter neuem Instrument, ist das von Max "Der Hund Marie" Schröder, der das Keyboard mit dem Schlagzeug getauscht hat. Eine rhythmustechnische Bereicherung, in stoischer und doch leidenschaftlicher Form.

Nicht zuletzt sei das wundervoll reduzierte, pointierte und gefühlvolle Gitarrenspiel des umtriebigen Dennis Becker erwähnt, der auch schon bei Olli Schulz und Marr sein Können unter Beweis gestellt hat. Thees' liebevolle Bezeichnung "der Mark Knopfler der Indieszene Deutschlands" trifft dabei ins Schwarze.
 
 
 
 
 
 
 
"Das Hirn knuspert!"
  Viel von "Buchstaben über der Stadt" (2006) ist zu hören, in akustisch neues Gewand gehüllt. So schlängeln sich Bass und Chello in synchronisiertem Einklang durch die hohen Gebäude der Wallstreet, während Thees exstatisch die Vokale der Stadt länger hinausziehend intoniert, als seinerzeit der liebe Frankie Boy. Zwar erklingen diesmal wieder nicht "Geigen bei Wonderful World", doch werden mit einem tieferen Streichinstrument, Melodica und Glockenspiel genug schöne Emotionen geweckt.

Das ältere Stück "Von Gott verbrüht" aus dem Album "Hinter all diesen Fenstern" (2003) ist einer der absoluten Höhepunkte. Es macht die Chemie zwischen allen sechs Musikern hörbar, ihre Vertrautheit und spielerische Freude, mit der sie es schaffen, einen perfekten Spannungsbogen vom reduzierten Akustikstück zur breiten Hymnen aufzubauen. Da "knuspern" einem wirklich die Synapsen, geht es in dem Song laut Thees doch darum, dass man an einen vertrauten Ort seiner Jugend zurückkommt und das Hirn zu arbeiten oder eben zu knuspern beginnt, um all die verborgenen Gefühle abzurufen und zuzuordnen. Nicht zuletzt zaubern Tomte dann doch noch dazu einen schönen Orgelsound auf die Bühne. Zwar ist es nicht die Sagen umwobene, große Sendesaalorgel, für die man ja einen "Führerschein" benötigt, um sie spielen zu dürfen, aber auch das kleine rote Keyboard verbreitet im Song und Raum die notwendigen warmen Klänge.
 
 
 
 
 
  Was uns Tomte an diesem Abend natürlich noch geben, sind die Songs ihres neuen Albums "Heureka!", das am 10. Oktober erscheint. So kommt Thees nicht nur einmal das Wort "Weltpremiere" über die Lippen, immer gefolgt von einem breiten Grinsen. Neben der Geschichte vom letzten große Wal umschreibt er die allen bekannte, fundamentale schlechte Laune, die plötzlich auftaucht und die man sich einfach nicht erklären kann, mit den Worten: "Mein Herz ist schwer wie ein Planet" und holt dabei den Geist Iggy Pops als Passagier an Bord. Und auch als das Orchester einen Walzer spielt und Tomte uns klar machen, dass nichts so schön ist auf der Welt, wie betrunken traurige Musik zu hören, wird klar, dass diese Band hat noch viel zu sagen hat und immer noch hungrig und sexy ist, wie es ihre Presseaussendung angekündigt hat. So sei dem Frontmann auch das Abschlusswort überlassen, gesungen in einer schlanken und knackigen Neuinterpretation von "Ich sang die ganze Zeit von dir":

Es ist die Leidenschaft die treibt,
die Passion in Eurem Blick,
ich war ein guter Wiener,
heute mache ich mich schick.


 
 
 
 
 
Die Setlist
  1) Schreit den Namen meiner Mutter
2) So soll es sein
3) Wie ein Planet
4) Die Bastarde, die dich jetzt nach Hause bringen
5) New York
6) Heureka
7) Die Nacht in der ich starb
8) Norden der Welt
9) Nichts ist so schön auf der Welt, wie betrunken traurige Musik zu hören
10) Von Gott verbrüht
11) Das Orchester spielt einen Walzer
12) Ich sang die ganze Zeit von dir

Erste Zugabe:
13) Voran voran
14) Geigen bei Wonderful World

Zweite Zugabe:
15) Der letzte große Wal
(improvisierter Blues in A)
16) Die Schönheit der Chance
 
 
 
Hör- und Sehtipp:
  Die Tomte Radiosession zu hören am Mittwoch, 1. Oktober in der FM4 Homebase ab 19:00 Uhr. Gleichzeitig strahlen wir den Videostream aus, der eine Woche lang on demand zur Verfügung steht.

Tomte live in Wien am 15. November in der Arena
 
 
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