Peter Rosner ist Vorstand des Instituts für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien. Seine Forschungsgebiete liegen in den Bereichen Wirtschaftsgeschichte und wirtschaftliche Aspekte der Sozialpolitik.
Roland Gratzer sprach mit dem Ökonomen für FM4 über die aktuelle Finanzkrise, den ersten Börsencrash der Geschichte und die Zukunft das Bargelds.
Der Ökonom Peter Rosner
Seit Januar 2008 sind an der Wiener Börse 80 Milliarden Euro verpufft. Was bedeutet das?
"An der Börse werden Wertpapiere gehandelt, die ausdrücken sollen, was die entsprechenden Unternehmen wert sind. Die scheinen jetzt 80 Milliarden Euro weniger wert zu sein, als noch zu Jahresbeginn. Die Fabriken stehen und arbeiten noch genauso, da hat sich nichts geändert. Aber man erwartet sich geringere Gewinne von diesen Unternehmen, sodass deren Wert eben um diesen Betrag gesunken ist. In der realen Wirtschaft hat sich zunächst gar nichts geändert, aber jetzt kann sich etwas ändern."
Welche negativen Folgen sind zu befürchten?
"Die Aktionäre, die diese Wertpapiere halten, sind um diese 80 Milliarden Euro ärmer geworden. Deshalb werden sie jetzt vielleicht weniger konsumieren, weniger investieren, wodurch dann tatsächlich weniger produziert wird. Damit sinkt auch der Gewinn. Ein Beispiel: Die Eigentümer der Voest-Aktien sind jetzt ärmer, weil die Voest-Aktie weniger wert ist. Aber die Voest steht immer noch da und kann genauso gut Stahl produzieren. Allerdings könnte der Preis für den Stahl sinken und damit auch die Gewinne.
Man muss sich allerdings die Frage stellen, ob die Unternehmen nun einen realistischeren Wert haben als vorher. Vielleicht hat man diese Fabriken früher zu optimistisch bewertet. Vielleicht ist man jetzt auch zu pessimistisch. Wenn es so ist, werden die Werte an der Börse wieder steigen.
Aber noch einmal: Zunächst sind alle Produktionsanlagen noch vorhanden. Es sind keine Bomben gefallen und es hat auch kein Erdbeben gegeben. Es ist nach wie vor alles da."
Noch vor wenigen Wochen hieß es von seiten der Politik, die Finanz- und Bankenkrise würde Österreich nicht so hart treffen. Wurde zu vorschnell beruhigt?
"Politiker müssen sagen, dass das Bankensystem gut ist. Sonst würden alle Österreicher zum Schalter rennen und ihr Geld abheben. Außerdem sind die heimischen Banken nicht allzusehr im spekulativen Bereich tätig. Wir haben auch sehr wenige Banken, die sich ausschließlich am Geldmarkt finanzieren. Durch die Konten kommt immer wieder frisches Geld rein. Die reinen Investmentbanken haben keinen Zugang zu diesen Geldern, sie müssen sich immer etwas ausborgen. Das wird in einer Krise dann sehr schwierig. Getroffen hat es vor allem solche Banken. Und die spielen in Österreich keine allzu große Rolle."
Seit wann kennt die Wirtschaftsgeschichte solche Börsenkrisen?
"Die ersten Börsencrashs gab es bereits im 17. Jahrhundert. Sie sind also keine große Neuigkeit."
Sind diese ähnlich verlaufen wie die aktuelle oder ist der Vergleich unzulässig?
"Das waren Spekulationswellen. Der erste Fall war die Tulpenmanie an der Amsterdamer Börse im Jahr 1637. Wertpapiere, die auf Tulpenzwiebel gelautet haben, sind innerhalb kürzester Zeit auf einen enormen Preis hinaufgestiegen (Anmerkung: umgerechnet über 9.000 Euro für eine einzige Zwiebel) und dann schnell wieder hinuntergefallen. Da sind manche Leute reicher geworden und andere verarmt. Es betraf damals aber nicht die allgemeine Wirtschaft, wie das heute der Fall ist. Was die Bauern damals zum Beispiel produziert hatten, war davon nicht betroffen. Getroffen hat es damals die Produzenten von Luxusgütern, also etwa die Bildermaler oder die Kutschenhersteller. Der größte Teil der Wirtschaft blieb aber unbeeinflusst. Das kann man heute nicht sagen."
Die Urmutter der Spekulationsblase: 1637 kostete eine einzige Tulpenzwiebel in Amsterdam mehr als 9000 Euro.
Weil der Kapitalmarkt global vernetzt ist.
"Nicht nur deshalb. Die Börse hat einfach eine viel größere Rolle. Es gehen viel mehr wirtschaftliche Aktivitäten vom Aktienmarkt und vom Bankwesen aus. Das Finanzierungssystem ist einfach viel abhängiger davon, als es in früheren Jahrhunderten war. Die Bauern zum Beispiel waren vom Wetter abhängig, nicht von Börsenkursen. Es hängt davon ab, wieviel Finanzmittel die Unternehmer in die Hand bekommen. Wenn es schwerer wird, an Kredite zu kommen, dann wird auch weniger produziert.
Wir können noch genauso viel produzieren wie vor acht Wochen. Aber die Nachfrage könnte schwinden. Dadurch besteht die Gefahr, dass das Wirtschaftswachstum zurückgeht oder die Wirtschaft überhaupt nicht mehr wächst. Das ist aber keine wahnsinnige Katastrophe.
Wenn wir ärmer werden, dann werden wir um ein bis zwei Prozent ärmer. Da geht die Welt nicht zugrunde. Aber durch die eventuell entstehende Arbeitslosigkeit kann es zu wirtschaftlichen und sozialen Problemen kommen."
Wo liegt jetzt der Unterschied zwischen Bargeld wie Scheinen oder Münzen und den Geldwerten, die an der Börse gehandelt werden?
"Der wichtigste Unterschied besteht in der Liquidität. Ich kann jederzeit in ein Geschäft gehen und mit Bargeld etwas kaufen, solange die Inflation nicht zu groß ist. Zu groß heißt in dem Fall aber eine Inflationsrate von über tausend Prozent. Mit einer Voest-Aktie kann ich nicht in ein Geschäft gehen und sagen, 'ich möchte damit jetzt eine Wohnung kaufen'. Weil eben diese Aktie weniger wert ist."
Die Kurve geht nach unten und wir werden um ein bis zwei Prozent ärmer. Wahrscheinlich...
Wie lange wird es Bargeld in der Form, wie wir es kennen, überhaupt noch geben?
"Das wird es immer geben, auch wenn wir es in vielen Dingen überhaupt nicht mehr brauchen. Wir bezahlen damit manchmal im Alltag und natürlich funktioniert auch der Schwarzmarkt größtenteils mit Bargeld. Sonst zahlen wir mit Überweisungen, Schecks oder Kreditkarten. Aber auch die beziehen sich auf Geld. Ich kann nicht lange mit einer Kreditkarte zahlen, wenn ich auf dem Konto kein Geld habe."
Sind die Betrugsmöglichkeiten beim bargeldlosen Bezahlen nicht größer?
"Betrug gab es immer schon. Münzen wurden etwa mit anderen, minderwertigen Metallen vermischt. Wenn große Geldmengen etwa durch ein Kaufhaus gegangen sind, hat jeder ein wenig an dieser Münze gerieben und dadurch Goldstaub erhalten. Dann ist das Geld ein wenig leichter geworden, wert war es aufgrund des Münzstempels trotzdem noch gleich viel.
Überhaupt funktioniert unser Geldsystem ja recht gut. Wir können leicht irgendwo hinfahren und trotzdem mit unserem Konto bezahlen. Auch vor dem Ausrauben müssen wir uns weniger fürchten, weil alles durch einen Code geschützt ist. Das funktioniert zwar auch nicht einwandfrei, trotzdem ist es sicherer als zu einer Zeit, in der man mit Goldmünzen unterwegs war."