fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
  Österreich | 21.10.2008 | 19:04   

 
 
Freiwild gegen das Monopol
  Von Roland Gratzer

Der Verein der freien Plakatierer fordert von der Stadt 9.000 Gratis-Plakatflächen für kleine Kulturinstitutionen und 20.000 zusätzliche Flächen, die sie selbst "verkaufen", bzw. plakatieren dürfen. Seit 1. Jänner 2008 sind die "Wilden" per Gesetz aus dem Geschäft gedrängt. Viele der prekär angestellten Mitarbeiter, die mit Plakat, Pinsel und Kübel durch die Stadt pirschten, haben ihren Job bereits verloren.
 
 
 
Kampf gegen die Wilderer
  Wer in Wien eine Kulturveranstaltung via Plakat bewerben will, hat nicht gerade die Qual der Wahl. Es gibt nämlich nur mehr einen Anbieter dafür: Die der Stadtregierung sehr nahestehende Firma Gewista. Seit 1. Jänner 2008 wird in der Bundeshauptstadt nämlich dem sogenannten Wildplakatieren der Garaus gemacht. Was eigentlich immer schon illegal war, wird seit Jahresbeginn auch geahndet: Plakate auf Stromkästen, Baustellenzäunen und überhaupt jeder erdenklichen Fläche werden von der Magistratsabteilung für Abfallwirtschaft und Straßenreinigung gnadenlos entfernt. Ein Argument für diese Vorgehensweise war es, die Stadt sauberer zu machen. Dass von den Plakaten jetzt nur mehr Fetzen übrigbleiben, widerspricht dem aber doch ein wenig.
 
 
 
Diese Plakate plakatiert die Gewista dort, wo plakatieren verboten ist. Was durch dieses Plakat auch ersichtlich wird.
Bild: flickr (sooperkuh)
 
 
Freie Allianz
  Seit 1. Jänner 2008 ist einzig und allein die Kultur:Plakat GmbH dafür zuständig, Kultur- und Kunstveranstaltungen auf den sogenannten Halbschalen rund um die Strommasten auf der Straße zu bewerben. Die stehen allerdings nicht nur unter Alleinkontrolle einer Firma, sondern erlauben auch nur ein Format und sind bei der Bevölkerung nicht gerade beliebt. Aufregung gab es zuletzt im Nationalratswahlkampf, als die Stadt die bisher eingesetzten Dreiecksständer abschaffen wollte. Wahlwerbung sollte nur mehr auf den Halbschalen und somit unter quasi-Kontrolle der Stadt gestellt werden. Die Opposition schrie auf. Die Dreiecksständer durften dann doch entlang der Straßen stehen.

In der Kultur:Plakat GmbH versteht man die Aufregung nicht. Laut 70-Prozent-Eigentümer Gewista sind die wichtigsten Wildplakatierer in diese GmbH eingebunden. "Stimmt nicht", sagt dazu Marc Mathoi, Gründungsmitglied des Vereins Freies Plakat, auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz. Die restlichen 30 Prozent gehören nämlich Hannes Bartsch und Josef "Muff" Sopper. Der Planet Music Geschäftsführer hat heuer bereits mit der Übernahme der BA-CA Bühne im Wiener Gasometer und der Szene Wien für Aufregung gesorgt. Sonst findet sich keiner der Wildplakatierer in der neugeschaffenen GmbH.
 
 
 
  Mathoi und seine Mitstreiter fürchten seit Jahresbeginn um ihre wirtschaftliche Existenz. Schließlich können sie ihrer Plakatier-Arbeit nur mehr indoor, also ausschließlich in Lokalen nachkommen. Die Wildplakatierfirmen sind eine eher ungewöhnliche Allianz eingegangen. Gemeinsam mit der IG Kultur Wien und den grünen Vertretern der Wirtschaftskammer fordern sie von der Stadt jetzt 9.000 Gratis-Plakatflächen für kleine Kulturinstitutionen. Weitere 20.000 Flächen sollen frei auf den Markt kommen und damit das Plakatierer-Geschäft wieder ankurbeln und entmonopolisieren.
 
 
 
Die Wildplakatierer fordern 20.000 Flächen für sich: Unter anderem Stromkästen und Laternenmasten.
Bild: flickr (ÕRY Máté)
 
 
Ein unbefriedigendes Angebot
  Die Stadt geht mit den Wildplakatierern wenig zimperlich um. Wo früher noch toleriert wurde, wird heute angezeigt. Interessanterweise sieht sich der Beklagte Peter Fuchs mit einer Anzeige konfrontiert, die sein Plakatieren im Jahr 2007 betrifft. Zu der Zeit also, in der auch Muff Sopper die ihm anvertrauten Plakate "wild" im öffentlichen Raum anklebte. Beide taten das übrigens auch immer wieder im Auftrag der Stadt.

Probleme gibt es aber nicht nur mit den Gerichten, sondern auch mit der eigenen Interessensvertretung in der Wirtschaftskammer. Der oberster Branchensprecher aller Plakatierer heißt nämlich Karl Javurek. Und der ist in seinem Brotberuf Generaldirektor der Gewista.

Dieser sieht die ganze Causa - wenig überraschend - völlig anders. Vor wenigen Tagen kündigte die Gewista an, ab 1. Jänner 2009 insgesamt 600 Plakatflächen für kleine Kulturinstitutionen zur Verfügung zu stellen. Logistik und Aufklebung wird von der Kultur:Plakat übernommen.
 
 
 
"Paternalistische Lösung"
  Martin Just, Obmann der IG Kultur ist mit dem Angebot alles andere als zufrieden: "Wir freuen uns zwar darüber, dass das Problembewusstsein vorhanden ist, lehnen diese paternalistische Lösung aber ab." Wildplakatierer Marc Mathoi macht auf die fehlende Objektivität aufmerksam, die sich vor allem an Geschäftsführer Muff Sopper spießt: "Für Sopper sind somit sämtliche Konkurrenzveranstaltungen werbemäßig steuerbar." Er würde also entscheiden, welche Veranstaltungen beworben werden, und welche nicht.
 
 
 
Der politische Karren
  Die Stadt reagierte gestern auf die Forderung nach mehr Plakatflächen mit einem Angriff auf die Grünen. Die würden die Causa für politische Zwecke zu missbrauchen und die Interessen der Plakatierer und der betroffenen Kulturinstitutionen "vor den grünen Karren spannen."

Dass die Gewista als Magistratsabteilung gegründet und erst 1993 privatisiert worden war, tut für die SPÖ nichts zur Sache. Eine gewisse Verbindung von Partei und Werbefirma hat für Bürgermeister Michael Häupl "nichts mit der Realität zu tun". Komisch, steht doch Gewista für Gemeinde Wien - Städtisches Ankündigungsunternehmen.
 
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick