Ich komme soeben von der Bank. Samstag war ich Plattenauflegen in Europa, die Gage wurde mir in Euro ausgehändigt, und diese Summe sollte nun auf mein amerikanisches Sparkonto. Beim Anblick der fremdländischen Banknoten eröffnet mir die panzerverglaste Beamtin gelangweilt unter stetigem Kopfschütteln "You cannot put Euro on your account". Stattdessen reicht sie mir einen UPS Umschlag, in diesen soll ich das Geld stecken, es zu American Express schicken, dort würde man mir den Betrag in Dollar wechseln und in zwei bis sieben Werktagen auf mein Bankkonto überweisen. Auf dem auszufüllenden Formular steht fett gedruckt: "Costumer accepts all risks of sending currency to American Express". Ob sie mir denn das Geld einfach Cash in Dollar wechseln könne? Nein, auch dafür muss ich zu American Express, fünf Straßen weiter.
Ich begebe mich zu besagter Adresse. Dort will man für den Exchange Passport, Wohnadresse, einen zweiten Lichtbildausweis und die Social Security Nummer sehen. Fünfundvierzig Minuten später stehe ich vor der selben Bankbeamtin, mit Dollars, und ich darf einzahlen.
Jedes Wochenende werden beim Subway Eingang der 34ten Straße vier der fünf Drehtüren mit Stahlgittern verrammelt, die Ticketautomaten bleiben jedoch funktionstüchtig. Mein "Hey-Stopp!" kommt definitiv zu spät, ein berucksacktes Girl hat bereits ihre Karte bei einem der gesperrten Zugänge durch die Maschine gezogen und somit entwertet. Die Drehtür bewegt sich keinen Millimeter. "Na Oida, des gibts ned?" zischt es im Wiener Slang zu mir herüber und dann mit rasch ansteigender Lautstärke, von wildem Gittergescheppere begleitet: "Die - san - echt - im - Oasch da - ham!"
Österreicher in New York.
Ja, es ist alles nicht so einfach, geht es mir leise durch den Kopf, als ich einige Minuten später dieselbe junge Dame in die Linie A einsteigen sehe. Die leider - auch immer nur am Wochenende - eine Station später zur F mutiert. Aus dem vermutlich geplanten Besuch am Ground Zero wird ein unfreiwilliger Überraschungstrip nach Brooklyn.
Ein Freund aus Wien kommt übers Wochenende zu Besuch, "Wah I hab über eine Stunde warten müssen bis ich die scheiß Fingerabdrücke machen hab dürfen, und dann ham's mir auch nach alle Koffer durchgesackelt, aber jetzt hol' ich uns zur Feier des Tages eine Flasche Schampus!". Welcome to New York, es ist nach 9 pm, die Liquorshops haben zu, und beim Deli kriegst du höchstens einen Big Apple und vielleicht ein Bier, Ausweis nicht vergessen!
Auf Grund meines Dialektes werde ich nicht selten für einen Franzosen gehalten, wie übrigens die meisten Europäer. Eröffne ich, dass ich originally from Vienna - Austria bin, bekomme ich stets folgendes zu hören: "Oh Vienna, wonderful, the old culture , I love the Sound of Music!" Als ich einmal auf einer Party einem charmanten Mittvierzigerin erläuterte, dass kaum jemand in Wien "Sound of Music" kennen würde, geschweige denn jemals gesehn hätte, stieß ich auf blankes Entsetzen. Ich schien die Dame in ihren Grundfesten erschüttert zu haben.
Auch mein Lieblingswitz zieht in NYC nicht wirklich, er geht so: In the Vienna State Opera: "Excuse me, did you perhaps shit in yor pants?"
"Yes, why?"
Und nun zu den dekadenten, schillernden Exilgeschichten: letzte Woche in einem äußerst geschmackvollen Loft in Tribeca: Jason von Scissiors Sisters feiert seinen Dreißiger. Frau DJ spielt ausschließlich alte Vinyls, ein Statement sozusagen, und die Platten springen beim Gehupfe der Gäste munter mit, was aber nicht im Geringsten stört. Die ganze Nacht gibts Glam Rock, Sweet, Gerry Rafferty, T-Rex und ELO, es darf am Fenster geraucht werden. Debbie Harry ist da, anscheinend wohnt sie gleich nebenan, sichtlich entspannt trägt sie einen Trainingsanzug und Hausschlapfen.
David Lachapelle narrt bei seiner New Yorker Austellungseröffnung die Presse, glänzt durch Abwesenheit. Nach mehrstündigem Ausharren ziehen die Journalisten verärgert und mit leeren Händen ab. Aber der Meister war da, stundenlang, doch gänzlich unbeachtet, weil: mit Burka als Muslima verkleidet, ätsch.
Zum anschließenden Abendessen in einem dreistöckigen Apartement am Central Park erscheint Lachapelle in Zivil. Den Presserummel um seine Person sei er entgültig leid, und das ganze Vernissagenpublikum sowieso.
Kanye West gibt eine Party im Bungalow 8, reinkommen ohne Connections unmöglich. So unmöglich, dass es nicht mal eine Schlange vor der Tür gibt.
Beim Betreten des A-Level Clubs muss ich laut auflachen. Palmentapeten, getigerte Couches, eine "Best of Disco 78" Compilation beschallt den spärlich gefüllten Raum, so in etwa muss es im Club Med in der Nebensaison zugehen. Und auch aussehen. Herr West ist nicht da, (vielleicht in
Miami?) aber immerhin Estelle. Eine Sprühkerzentorte wird serviert, ein pummeliger Damenunterwäscheträger intoniert kastratenhaft "Happy Birthday". Ich denke an die Schulschikursdiscos, an Sonntagabende vor dem Fernseher, an die TV Serie "Traumschiff". Dramaturgisch nicht zu überbietender Höhepunkt jeder Folge: das Servieren von ebensolchen Sprühkerzentorten.
Absolute Wodka läd zur Patricia Field Party auf der Park Avenue. Am Red Carpet drängeln sich die Stars und Lindsay Lohan. Frau Field ist bester Laune, schwärmt von der Einzigartigkeit Viennas und überhaupt sei ganz Germany wonderful.
In der Partyhalle dröhnt ein neunzig Minuten Megamix von "Robin S - Show Me Love", überall Kamerateams auf der Jagd nach Promis. Irgendwo steht David Schwimmer rum, wird nicht bemerkt, wahrscheinlich hält ihn jeder intuitiv bloß für einen alten Friend.
Flyer: Derek Durand
Le Royal, Greenwich Village: hier betreiben wir seit Frühsommer jeden letzten Donnerstag im Monat unseren eigenen Club "Mels World". Die Downtown - Jeunesse rennt uns die Türen ein, und das liegt an unserem Programm. Elektro, mexikanischer Rock'n'Roll, schwule Punkband, grässliche Phantomimenshows zu klassischer Musik. Live Act von Bad Brilliance im roten Samtanzug mit überdimensionalem Luftballonkopf. Very minimal, very intellectual. Bis sich der Brasilianer besinnt, zum Mikro greift und brüllt: "I Think now it's time for some Hardtrance". Das Publikum tobt zu Paul van Dyk Rhythmen, Bad Brilliance greift zur Nadel, visualisiert sozusagen seine Kopflosigkeit, und mit einem lauten "Bang" segnet sein gelbes Gummihaupt das Zeitliche.
Die Stadt inspiriert zu ganz eigenartigen, oft konträren Dingen. Seit dem Sommer arbeite ich mit Clemens Haipl und Mel Merio an einer Weihnachts CD, Titel "Merry Christmas Mr Christkind". Da wird aufgeräumt mit der Gutheit des heimlichen Robbenfängers Santa Claus, entgültig geklärt ob das Christkind Unterwäsche trägt und warum sich Schafe oft bei Kebabständen herumtreiben. Die CD erscheint Anfang November auf dem Salzburger Label "Kacka", pro verkaufter Einheit wandert ein Euro auf das Spendenkonto des Vereins zum Schutz von Schlittentieren und regionaler Weihnachtstradition.
Ach ja, wer erinnert sich noch an die großartigen "Funk You" Vinyls aus den 80er Jahren und Blowfly's Track "The First Black President Of the United States"? In fünf Tagen ist es dann soweit.
* Christopher Just ist Musiker, DJ und Produzent und lebt seit 2008 in New York