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  Österreich | 13.11.2008 | 15:08   

 
 
Prime Cuts: School Of Seven Bells
  von Andreas Gstettner

Als ich das Album "Alpinisms" einlege und den ersten Track "Iamundernodisguise" starte, kommt mir der sphärische, mehrstimmige Gesang sehr bekannt vor. Ich krame in meiner CD Sammlung und hole das letzte Prefuse 73 Album "Preperations" vom letzten Jahr hervor. Beim vierten Titel sind sie wieder da, diese hypnotischen Stimmen, die einer wunderbaren Melodie folgend sich übereinander schichten, während sich ein kratziger Hip Hop Beat und gesampelte, orientalische Flöten darunter mischen. Für "The Class Of 73 Bells" hat sich Guillermo Scott Herren alias Prefuse 73 die Aufnahmen des Trios Schools Of Seven Bells geliehen, bevor sie die Nummer überhaupt fertig gehabt haben.

Etwas, das häufiger passiert, wie Gitarrist und School Of Seven Bells Mastermind Benjamin Curtis erzählt.

"Für uns war es sehr seltsam. Wir hatten erst begonnen, Songs zu machen und aufzunehmen, als Guillermo meinte, er würde gerne etwas von unseren Sachen für ein Album verwenden, an dem er gerade arbeite. Also gaben wir ihm die Originalspuren und er machte daraus einen sehr unterschiedlichen Track mit extrem anderem Arrangement. Es ist komisch, denn viele hören Remixe unserer Songs, bevor sie das Original hören. Hoffentlich sind sie dann nicht enttäuscht."

Die Schools Of Seven Bells enttäuschen keineswegs, denn schon das Original "Iamundernodisguise" weist deutlich mehr Wärme, Flair und Gefühl auf, als seine umgemodelte Version. Überhaupt hat das New Yorker Trio mit ihrem Debüt "Alpinisms" ein atmosphärisch dichtes Werk geschaffen, das in unseren Ohren noch lange nachhallen wird.
 
 
 
 
Secret! Library!
  Die Geschichte des New Yorker Trios School Of Seven Bells beginnt eigentlich auf der Bühne. Denn sowohl Benjamin Curtis, der bis letztes Jahr noch bei den Secret Machines Gitarre gespielt hat, als auch die Zwillingsschwestern Claudia und Alejandria Deheza, die bei On! Air! Library! singen, haben zusammen eine US-Tour von Interpol supportet. Jeder schätzte die Musik des jeweils anderen. Und persönlicher Sympathie folgend gibt es während der Konzertreihe erste Annäherungen.

Benjamin: "Wir sahen uns jede Nacht gegenseitig auf der Bühne und haben uns heimlich gewünscht, wir würden in der jeweils anderen Band mitspielen. Wir haben zwar nicht sofort angefangen, zusammen Musik zu machen, aber es war wohl die Initialzündung. Denn als ich wenig später bei den Machines ausstieg und Claudia und Alejandria auch Zeit hatten, wussten wir, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war, um ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen."

 
 
  Die verhallten, herzzerreißend leiernden und wundervoll geloopten Gitarrenparts erinnern weniger an die Secret Machines, als vielmehr an die Produktionsweise der Shoegazers, wie My Bloody Valentine. Die elektronischen, reduzierten Beats und breit angelegten Synthie-Flächen erhalten durch die zerbrechlich gehauchten und mehrstimmigen Gesangsmelodien Ähnlichkeit mit den geographischen Nachbaren Au Revoir Simone. Das alles wird noch mit fernöstlicher Klang- und Tonführung gewürzt, wie bei dem elegischen und balladesken Song "For Kajala Mari", dem stillen Highlight, das ohne Beats, dafür aber mit schweren Klavierakkorden auskommt.
 
 
 
Die Meisterklasse der Taschendiebe
  Benjamin hat einen Hang zum Geheimnisvollen, Mystischen. Wie das Cover, das eine Bergkette zeigt, aus der ein regenbogenfarbener Lichtstrahl gegen Himmel leuchtet und junge Mönche in orangen Kutten unter einem goldenen Ornament sitzen, bedient sich auch der Bandname einer Legende. In den achtziger Jahren hätte es nämlich in Südamerika eine Schule für Trick- und Taschendiebe gegeben, die später von der CIA angeblich zerschlagen wurde.

Benjamin: "Manche behaupten, sie existiere immer noch. Der Name kam daher, dass es eine gefürchtete Abschlussprüfung gab. Der Meister hatte eine Kutte mit sieben Taschen an. In jeder befand sich sowohl ein Gegenstand als auch eine Glocke. Der Schüler musste nun die Gegenstände aus den Taschen stehlen, ohne dass dabei eine Glocke zum Läuten anfängt. Die ausgebildeten Diebe wurden angeblich auf Missionen in die ganze Welt geschickt und konnten in Kaufhäusern und Institutionen Gegenstände im Wert von tausenden von Dollars mitgehen lassen. Mich hat es fasziniert, dass es für ihr Verbrechen eine richtige Ausbildung gegeben haben soll."

 
 
 
 
How to climb a mountain
  Auch hinter dem Albumtitel steckt mehr als nur die Faszination für die Lebensgeschichte großer Alpinisten, wie Reinhold Messner oder Hermann Buhl. Vielmehr ist Benjamin an der symbolhaften Bedeutung der Berge interessiert. So stand hinter der Idee, das Album "Alpinisms" zu nennen, das Buch "Mount Analog" des französischen Schriftstellers und Poeten René Daumal, der darin einen Berg beschreibt, der zwar existiert, den man jedoch nur von einer bestimmten Stelle sehen kann, wenn die Sonne im richtigen Winkel darauf trifft und man ihn eigentlich schon überschritten hat. Daumal hat das Buch, in dem interessante Parallelen zwischen Alpinismus und Kunst gezogen werden, vor seinem Tod leider nicht fertig gestellt.

Benjamin: "Hermann Buhl hat recht strikte Regeln zur Begehung eines Berges vertreten. Dieser Idealismus, dass man möglichst wenig Hilfsmittel verwenden und keine Spur am Fels hinterlassen darf. Es ist eine sehr reine Art und Weise, Dinge anzugehen und für mich ein inspirierendes Lebenskonzept."
 
 
 
 
 
Schlaflos in Brooklyn
  Das Epizentrum gegenwärtiger, innovativer Musik ist eindeutig Brooklyn, Stichwörter TV On The Radio, MGMT, Chairlift oder Parts & Labour. Eine repräsentative Liste aufstrebender Bands aus New York wäre viel zu lang, deshalb sei an dieser Stelle auf meinen Big Apple Kollegen Christian Lehner verwiesen, der die neuesten Acts meist auch gleich mit einem ausführlichen Live Bericht vorstellt. Die School Of Seven Bells steht auf jeden Fall in der new hot things Liste ganz weit oben. Ihr verträumter Noise-Pop überzeugt durch ausgefeilte Produktion, detailverliebte Arrangements, äußerst charmante Frauenstimmen und geschmackvolles Sounddesign. Die Gitarrenfeedback-Schleifen legen sich wie Watte wärmend über die meist einfachen digitalen Rhythmen und zerschnipselte, rückwärts abgespielte Loops öffnen einen hallenden Raum, durch den wie im Halbschlaf die zerbrechlichen Chöre von Alejandra und Claudia ins Unbewusste vordringen.

Ein Song wie "Half Asleep" erzeugt ein Gefühl, als würde man in den nächtlichen Straßen von Brooklyn schlafwandeln. Hin und wieder blitzt ein imaginäres Bild einer schummrigen Tanzfläche eines kleinen, überfüllten Clubs vor dem inneren Auge auf, verschwindet jedoch gleich darauf in den endlos scheinenden Soundsphären. Diese träumerische Atmosphäre hat ihren Ursprung unter anderem in der Produktion der Platte.


 
audio
 
title: Prime Cuts: Alpinisms
artist: School Of Seven Bells
length: 0:59
MP3 (951KB) | WMA
   
 
 
  Benjamin: "Wir haben das Album hier in Südbrooklyn in unserer Wohnung aufgenommen. Mehr als drei Wochen lang lagen überall Kabel und elektronische Geräte herum. Es war eigentlich fürchterlich. Das Schwierige dabei eine Platte zuhause aufzunehmen, ist, dass man nicht aufhören kann. Wir brauchten schon bald eine Deadline, da wir sonst wohl heute noch aufnehmen würden. Aber es war auch cool in der Nacht immer wieder mitzubekommen, wie jemand an dem Material arbeitet. Die Musik hat uns einfach aufgesogen. Ich weiß nicht, ob wir das nochmal so machen würden, aber anscheinend war es ein guter Weg für uns zu arbeiten. "

Und ob, denn wenn am Schluss die School Of Bells ihr cinemascope-artiges Stück "My Cabal" anstimmt, ist es wie eine Umarmung, die man versucht dadurch nicht zu lösen, dass man die Repeat Taste drückt, um sich einfach noch ein Stück weiter in die bodenlosen Klangwelt fallen zu lassen.
 
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