Wien | 27.6.2000 | 22:33 Tourberichte, Plattenkritik/Promowatch, Zukunft d. elektronischen Musik.
Diashow und neues Leder
Die neuerdings in Berlin ansässigen Chicks verkauften kürzlich ihre Papier-Bühnenkleidung in einer Galerie und stellten um auf plastifiziertes Leder, das nicht weniger respektlos mit Gaffa-Tape und Schere behandelt wird. Als ich 20 Minuten vor Auftrittsbeginn in die Garderobe kam, war noch lange nicht fertiggeklebt und -geschnürt und trotzdem jede Menge Zeit für ein ausgiebiges hello und howareyou und Erklärungen, daß man auf der Bühne nicht zu viel schwitzen sollte, weil sonst Ausschlag von Klebebändern drohe und warum die Oberteile ohne Abstand zu den Unterteilen fixiert werden müßten: "you would see all the schwabbel" - als bestünde in dieser Hinsicht besondere Gefahr...
die Chicks in der Matrix
Melissa, Alex und Kiki
ließen sich von den zu erwartenden Hautreaktionen nicht im Mindesten abhalten, bei ihrem Auftritt hemmungslos herumzuspringen und sich auch sonst - vor allem stimmlich - völlig zu verausgaben. Der viel beanspruchte Vergleich mit Punk kommt ja nicht von Ungefähr... Die wilde musikalische Mischung geht von arg verzerrten Gitarrenriff-aus-den-80ern Samples über trockene Beats finnischen Ursprungs bis zu erstaunlich Landdisko-kompatiblem House. Kurzweil garantiert!
Endlose Chicks-on-Speed-essen-was-Loops
Melissa ißt ein und immer denselben Pfirsich halb, mindestens 10 Minuten lang, Kiki verschlingt mit orgiastischer Geste ein Stückchen von einem niemals kleiner werdenden Zuckerwatteballen, Alex leckt unaufhörlich an etwas, das fast aber nicht ganz wie eine Salamischeibe aussieht, und daneben werden die stilistisch auch von ihrer Website vertrauten Fotokollagen projiziert: lange Haare mit Augen drin, Nasen in der falschen Größe und spiegelverkehrte Schlagzeilen. Den Pressehype haben sie nicht nur in ihrer Dia/Video Show, sondern auch in einer neuen Fashion Linie verbraten - auf die Frage, wie sie denn mit der enormen Aufmerksamkeit der internationalen Musikjournaille zurechtkämen, war zu erfahren, daß die diversen Headlines zu neuem [Un]Sinn zusammengeschnipselt und so weiterverwendet würden.
Webmistress
der Chicks ist übrigens die Wienerin Tina Frank, die auch für so gut wie alle Mego Visuals verantwortlich zeichnet