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Wien | 30.12.2002 | 17:44 
Ein kühnes Kratzen an der Oberfläche von Hohlräumen.

Rob, DaddyD, Janis

 
 
Das Superjahr der Live-Rockstars
  Seit 1997 gibt es von mir nicht mehr als ca. 10 Photos. Von diesen besitze ich kein einziges. Um es kurz zu fassen: Ich kann einfach keine frühere Abbildungen meiner selbst ins Auge fassen, ohne dass sich in mir ein Unbehagen gegenüber meinem vorhergehenden Dasein ausbreitet.
Stattdessen sammle ich von jedem bemerkenswerten Ort, an dem ich schon mal war, Ansichtskarten. Die werden schließlich von professionellen Knipsern gemacht, oft aus Perspektiven, an die ich ohnehin nicht herankäme.

Ähnlich verhält es sich mit meiner selektiven Erinnerung. In glückseliger Vergessenheit dessen, welche Lappalie mir an irgendjenem Tag meine Mittelschichtsseele bedrückt hat, klammere ich mich einfach an das voll gerüstete, voll professionelle, voll momentbewusste Entertainmentpersonal, dessen bezahlte Bemühungen, meinem Abend eine aufregende Wendung zu geben, ich (rückwirkend) auf mich aufprallen lasse. Und aus der Summe dieses Crashs versuche ich dann, die (persönliche) Stimmung des jeweiligen Zeitabschnitts zu rekonstruieren. Ein umständlicher, aber durchaus gangbarer Umweg.
 
 
 
  Es dient sich ein Aufrollen solcher Erinnerungen leider in den meisten Fällen nicht dazu an, eine inhaltlich tiefschürfendere Schicht als die der rein deskriptiven Schilderungen zu drainieren. Verstiegene philosophische Sinnierereien, zu denen man sich durch die Eindrücke eines Live-Konzerts inspirieren lassen mag, sind ebenso flüchtig, wie sie auch nur individuell gültig sind. Auch ist eine einzige Show ein eher wackeliges Fundament, um darauf Spekulationen über die generelle Verfassung eines Acts, geschweige denn seines absehbaren Werdegangs aufzubauen.

Wer seine Jahresrückblicke also (so wie der Verfasser dieser Zeilen) mit einsichtigen, weiterführenden Reflexionen zubereitet mag, sodass sie der/n Leser/in durch die nochmalige Konfrontation mit Dingen, die sie/er eigentlich eh schon kennt, trotzdem am Schluss irgendwo hinausgeleitet, wo sie/er vorher gedanklich noch nicht war, wer also eben auf geradezu zukunftsträchtige Rückschauen steht, die/der drücke jetzt bitte einmal den "Back"-Button des Browser-Fensters.

Alle anderen: Paaaaaaaarty Haaaaaaard!
 
 
 
Cornershop, 31. 1. 2002/Flex
  Seitdem Cornershop das letzte Mal in heimischen Landen zu sehen waren, hatten sie ihr direktes Erscheinungsbild gehörig umgekrempelt. Nicht nur hatten sich Tjinder Singh und Co. um einige zusätzliche Zupfer, Schrummler, Bläser und Streicher verstärkt, die gesamte Belegschaft blieb während des gesamten Konzert auch aufrecht stehen. Die letzten Lo-Fi-Waben ihres Sounds waren mit einer Extra-Portion Rrrock zugekleistert worden. Damit die ganze Sache dann aber doch nicht zu aalglatt von statten ging, sang Tjinder Singh bei ein paar Nummern demonstrativ Playback. Worin diejenige Sorte Anwesender, die wohl immer noch über den Monty Python Sketch mit dem nicht wirklich toten Papageien grübelt, einen passenden Vorwand gefunden hat, sich darob zu ereifern, und sich so das ganze restliche Konzert selbst zu vermiesen. Der Rest erfreute sich einer beschwingten Dreiviertelstunde, die hinterher noch um eine Ecke kostbarer erschien, nachdem die anglo-indischen Sitar Heroes diesem Auftritt nicht, wie angekündigt, 2002 rasch einen zweiten folgen ließen. Highlight: der Opener, ein ausgefeiltes "6 am Jullandar Shere".

 Cornershop
 
 
The Strokes, 9. März 2002/spark7.com - Hall
  Die Speerspitze eines überdurchschnittlich prominent besetzten Ansturms von household names der alternativen Gitarrenmusik auf Österreichs Bühnen bildeten im dritten Monat die Strokes. Es bewahrheiteten sich alle Gerüchte über das Strokes - Live-Erlebnis, jeder Ton saß genau an der selben Stelle wie auf Platte, und die Posen der emotionalen Teilnahmslosigkeit waren auch minutiös einstudiert. Es konnte, kurz gesagt, der Ekstase-Effekt, der zuvor in der Labor-Situation des Studios kontrolliert herbeigeführt worden war, eins-zu-eins live repliziert werden. Nicht mehr und nicht weniger. Was, angesichts der irrtierenden Stereo Total-Hampelmenschen im Vorprogramm ziemlich solide wirkte.

 The Strokes
 
 
The Cooper Temple Clause, 3. 5. 2002/Flex
  Das erste wirklich großartige Rockkonzert trug sich im Wonnemonat zu. Die Newcomer mit dem aufsässig schnörkeligen Namen kanalisierten ihre Schmirgelpapierrage in authentische musikalische Bedrohungsszenarien, ohne auch nur einen Tropfen dabei zu verschütten. "Panzer Attack" wurde das militaristische Modewort des Frühlings 2002.

 The Cooper Temple Clause
 
 
Arge Tage I
  Und dann brach auch schon der Wahnsinn über Pannonien herein. Am 11.5. war das FM4-Fest in St. Pölten, bei dem die 'California' 'schen ihren insgesamt erst zweiten Europaauftritt absolvierten, und sich willig von der geballten Ladung culture, die die niederösterreichische Landeshauptstadt aufzubieten hat, überwältigen ließen. An der musikalschen Front wurden sie an diesem Abend allerdings eindeutig von den pumpenden Drum'n'Bass Geheimtips Doc Scott & MC Justice in die Tasche gesteckt.

Das himmlische Gedröhne war tags darauf in meinem Kopf noch nicht verhallt, als ich kurz nach meiner Ankunft in Wien ein Schiff in Richtung Korneuburg bestieg. Dessen Insaßen setzten sich aber nicht aus der traditionell eher gesetzten Donau-Ausflugsklientel zusammen, sondern aus abenteuerlustigen Kids, die in erster Linie die Neugier an Bord getrieben hatte. Am Ende dieser geradezu bourgeois anmutenden Schifffahrt wartete nämlich Aki Nawaz' mit politischen Parolen bis an die Zähne bewaffnete Agitatorentruppe Fun-da-mental, die dem Ruf der Veranstalter des Korneuburger Donaufestivals gefolgt war. Deren Show war dermaßen unkontrolliert heftig, chaotisch, anarchoid, dass sich eine Hand voll Zuschauer dazu aufstacheln ließ, die Bühne zu stürmen und eine US-Flagge, die Akis Gesellen einige Male provokant geschwenkt hatten, anzuzünden. Als sich diese dennoch auch nach wiederholtem Male nicht in Brand setzen lassen wollte, meinte Aki Nawaz mit sarkastischer Miene "Sie werden schon wissen, warum sie die Stars & Stripes aus nicht-brennbarem Material herstellen!". Schulter an Schulter mit solchen Aktionen verlor Fun-da-mental's vordergründiger Appell nach bedingungsloser Toleranz gegenüber fremden Kulturen an Glaubwürdigkeit. Nach diesem heißen Tanz folgte die beschauliche Rückfahrt auf dem Schiff.

 Fun-Da-Mental
 
 
Arge Tage II
  Das war allerdings noch gar nichts gegen den 26. Mai. Das war der Abschlusstag des eigentlich entzückenden Spring2-Festivals der elektronischen Musik in Graz. Für 20 Uhr war allerdings Abwechslung von Techno, Drum'n'Bass, House, Trance etc. angesagt, als die Moldy Peaches einen Gratis-Gig im kleinen "Saal" des Grazer Orpheums bestritten. Und was soll ich sagen. Einen glorreich-verworreneren Kontrast zum Programm der vorangegangenen Tage hätte man sich nicht wünschen können. Während andernorts die coolsten Maschinenmanipulatoren ausfochten, wer den Puls der Zeit am originalgetreusten in Beats umsetzen konnte, und an wieder anderen Stellen über die neueste Vogue aus Miami, Detroit oder London gesmalltalkt wurde, da fielen diese göttlichen New Yorker vom Himmel, klopften sich einmal den Staub ab, und erzählten ihre Wahrheit von der Welt da draußen, in der das Mädchen, das gegenüber wohnt, mit soviel Schüchternheit geplagt ist, und auch der Schein, den einem die Fernsehbilder verkaufen wollen, inzwischen so öde geworden ist, dass konventionelle Logik aus den Angeln gerät und es höchste Zeit wird, dem ganzen Treiben durch das Anziehen von Hasen- und Robin Hood - Kostümen den passenden Kontrapunkt zu versetzen. The (wo)men don't give a f**k.

 The Moldy Peaches
 
 
  Nach dieser Zelebrierung des Andersseins ging es auf zu einer Song Contest - Party an der Grazer Uni, und danach wiederum zum Dom im Berg, wo die staatlich autorisierten Rabauken Wipeout um 3 Uhr Früh den Ausputzer machten. Der Tag war inzwischen so alt geworden, dass ich mich anschickte, oben auf dem Balkon sanft zu entschlummern. Eine "Mission", die jedem, der die Linzer Matrosen schon mal live gesehen hat, als undurchführbar erscheinen muss, und die schließlich an den Brocken von Didi Bruckmayers an sich imponierendem Gegröhle zerschellt ist.

 Wipeout
 
 
Die Festival - Saison
  Das Frequency-Festival konnte von allen musikalischen Bombastveranstaltungen, denen ich diesen Sommer beiwohnen durfte, mit dem pittoreskesten Setting punkten. Und Gomez haben mich zum Tanzen gebracht. Nicht zum Hüpfen, oder Hin- und Herwippen, sondern zu rhythmisch koordinierten Tänzeleien. Das ist vorher noch kaum einem Live-Act gelungen. Mein persönlicher Frequency-Preis 2002 geht also an die fünf Multitalente aus Stockport. Hoffentlich wird das ganze nächstes Jahr genauso genial.

 Gomez
 
 
  Das Southside-Festival in schwäbischen Landen nutzten zum Beispiel New Order, um ihrer Joy Division - Vergangenheit mit gezählten vier Songs ein wenig Leben einzuhauchen. Sänger Bernard Sumner zeigte, dass der Band dennoch auch ihre (eigenwillige) Art von Humor nicht abhanden gekommen ist, indem er sich als plumper Tanzbär versuchte. Zum Schluss wünschte er dem Publikum, dass die deutsche Equipe doch seinetwegen die Fußballweltmeisterschaft gewinnen möge, doch New Order waren an diesem Abend druckvoller und sattelfester als Michael Ballack und seine Mannen im Finale.

 New Order
 
 
  Beim Forestglade fand ich den 2. Tag mit Abstand am besten. Denn der Samstag schenkte dem Publikum mit Mercury Rev (lächerlicherweise irgendann am hellichten Nachmittag eingesetzt) & Shane MacGowan mit den Popes zwei Acts, von denen der eine diesem ansonsten vor mechanisierten Limp-Bizkit Epigonen triefenden Festival glitzernden Sternenstaub, und der andere ein menschliches Antlitz aufsetzte. Wundervoll.

 Shane MacGowan
 
 
  An der spanischen Mittelmeerküste zu Benicàssim zeigten unter anderem Suede, wie leidenschaftlich sie sein können, wenn Brett Anderson nicht grade der linke Knöchel gebrochen ist. Kein verdrossenes Gebelle, die Acoustic-Songs wurden nicht entnervt in der Mitte abgetrieben, und die Darbietung von "Beautiful Ones" enthielt ein Modicum von ehrlicher Begeisterung. Was alles ein paar Monate später am 22. 11. in der halbierten Spark7.com Halle anders sein sollte.

 Suede
 
 
Morrissey, 17. September 2002/Royal Albert Hall
  Kurz nach dem FM4-Fest in Oslip bat der Mann, der seine beiden Vornamen abgelegt hat, in seinen Kokon. Die hübsche Einrichtung darin ist nach wie vor aus solidem englischem Eichenholz, das unter der nach und nach aufgetragenen Politur aber leider kaum noch dazu kommt, gesellschaftlich relevante Luft zu schnappen.

 Morrissey
 
 
Manic Street Preachers, 12. November 2002/Spark7.com - Hall
  Im prallen Konzertherbst kam es dann noch zu zwei Österreichpremieren von elder statesmen des Rock. Zuerst beehrten die erdig-glamourösen Rockzwitter aus Wales die Halle am Ende des Wiener Messegeländes. Frontman James Dean Bradfield hatte zwar eine Erkältung, gab sich aber ehrliche Mühe und behandelte Zurufe aus dem Publikum wohl ungefähr gleichberechtigt wie Schwafeleien seiner Pub-Brüder (das heißt, er schenkte ihnen freundliche Aufmerksamkeit). Insgesamt wirkte die Show zwar routiniert, als die Band aber ihre tiefen, räudigen 70er Jahre Gitarrensoli ausgepackte, kriegten die Zuschauer noch eine gebührende Portion Ruppigkeit ab. Alles in allem eine echt angemessene Entschädigung für die lange Österreichabstinenz.

 Manic Street Preachers
 
 
Richard Ashcroft, 6. Dezember 2002/Bank Austria - Halle
  Die Erwartungen, mit denen ich da hinging, reichten mir etwa bis zu meinen Schnürsenkeln; unter anderem etwa, weil ich dem Herrn aus Wigan den 99'er Split seiner vorherigen Band The Verve immer noch sehr, sehr übel nehme.

Die ersten paar Songs hindurch waren meine Arme denn auch wie versteinert vor meinen Oberkörper verschränkt, und das Konzert drohte auch zu einer emotionslosen Routineangelegenheit zu werden. Dann brachen die Pannen über Herrn Ashcroft herein. Eine Saite seiner Gitarre riss, und mitten in "The Drugs Don't Work" brach er heiser ab, um einen Schluck Mineralwasser zu sich zu nehmen. Irgendetwas außerhalb der Norm war passiert, und dass es eher auf der peinlichen Seite angesiedelt war, spielte keine Rolle, denn es hat das Konzert gerettet: es hat ihm einen distinkten Charakter verliehen. Weil das Publikum (das nicht gerade übermäßig zahlreich erschienen war) auch durch diese Malheurs hindurch sehr unterstützend war, packte Herr A. nun alle seine Reserven aus, um seinen Teil dazu beizutragen, dass der Abend etwas besonderes würde.

Und spätestens bei "New York", oder "A Song For The Lovers", wo sich dann auch das letzte Mitglied der zigköpfigen Band in die Sound-Imposanz miteinschaltete, fuhr einem der berauschende Schwall direkt in den Kopf, und man bekam dieses bestimmte Gefühl, auf das man meistens hofft, wann man sich auf ein Rockkonzert einlässt: "Heute könnte ES passieren. Heute könnte ES tatsächlich passieren." Und das wünschen wir uns doch alle.

 Richard Ashcroft
 
 
  Und dabei habe ich die Kompromisslosigkeit der (International) Noise Conspiracy, das Entertainer-Talent von Beenie Man, das stimulierende Gebleepe von Dat Politics, die Entfesselung von Primal Scream, die entschlossene Zerbrechlichkeit von Bright Eyes und vieles mehr gar nicht erwähnt.

 Dat - Politics
 
 
  Zu Chumbawamba, DJ Shadow, Moby, Hooverphonic, Soft Cell oder Paul Weller u. a. hab ich's nicht geschafft.

Hab ich was verpasst?
 
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