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Wien | 11.4.2003 | 08:52 
Ein kühnes Kratzen an der Oberfläche von Hohlräumen.

Rob, DaddyD, Janis

 
 
Prime Cuts: The White Stripes - 'Elephant'
 
 
 
 
Sister Lovers *
  Vor nicht allzu langer Zeit besang eine bekannte deutsche Band den Energieaustausch, der eine funktionierende Band in das Phänomen umwandelt, das Teenagerherzen aufjauchzen lässt, 100.000 Menschen an den selben Ort lockt, einen guten Teil des Illustriertenmarktes beherrscht:

Wir haben Gitarren
Das Klavier und den Bass
Wir haben das Schlagzeug
Den Gesang und all das
Ist in guten Momenten
Für eine Weile
Mehr als die Summe der einzelnen
Teile


Was sollen da erst die White Stripes sagen? Die haben nicht einmal "das Klavier und den Bass", und trotzdem sind sie im Moment gemessen an ihrem Potenzial die wichtigste Band der Welt.

 Der Ursprung der White Stripes: Ein candy cane.
 
 
Wenn man
  die Interaktionsprozesse zwischen dem Duo und seiner kulturellen Umgebung allerdings in einem etwas weitläufigeren Rahmen in Betracht zieht, kann man leicht den Eindruck bekommen, dass die Fans und die musikalischen Opinion-Leader mehr für die stürmische Romanze zwischen den White Stripes und der Öffentlichkeit tun als die Band selbst. Interviewer, die einen Redeschwall an Interpretationen zu den Songs auf die Band loslassen, sehen diesen meist unbeantwortet ins schwarze Loch ihrer durch ein Zucken offenbarten Achselhöhlen gesogen. In die entgegengesetzte Richtung braucht es nicht mehr als 2 Akkorde, um Fans wie Experten gleichermaßen in delirische Verzückung zu versetzen. Aber dann wiederum ist das total okay.

 Die Streifen auf der Hut vor dem berüchtigten Schnürlregen.
 
 
Der Schlüssel
  zum Appeal der White Stripes liegt wahrscheinlich nicht in den Gimmicks, wie dem strikt rot-weißen Bekleidungskodex, der schelmischen Verwirrung, die sie immer mal wieder gerne in Bezug auf ihre tatsächlichen verwandtschaftlichen Bande stiften, oder ihrer offensiv zur Schau gestellten Maschinenstürmermentalität. Vielmehr zeichnet die White Stripes vor allem die in Zeiten von Casting-Shows und boulevardesk aromatisierter Übersättigung rare Eigenschaft der Zurückhaltung aus.

Das Kunststück des Jack White besteht darin, dass er seine Texte mit jedem Mal noch wort-, geist- und detailreicher erdichtet, diese aber niemals ultimative Spuren zu einem konkret vorgefallenen Ereignis oder einer eindeutig vorherrschenden Gefühlslage beinhalten. Das ist durchaus beabsichtigt: Jack White will, dass seine Hörer die Songs der White Stripes als ihre persönlichen emotionalen Wirtskörper benutzen. Er ermutigt sie sogar dazu, indem er geduldig wiederholt, dass er für keine der sorgfältig entwickelten Geschichten selbst Modell stand.

So war das dem neuen Album 'Elephant' zugrunde liegende Leitmotiv, das die White Stripes (was für eine Band höchst untypisch ist) bereitwillig schon im Vorhinein als verbindliches Konzept proklamierte, "der Tod des sweethearts". Klingt dramatisch, aber was es bedeuten soll? Keine Ahnung. Auch bei Jack nicht, der im Interview bereitwillig zugibt, dass er dieses thematische Konzept nur deswegen formuliert hatte, um Reaktionen der modernen Hörerschaft auf solche an sich antiquierten Umschreibungen wie 'sweetheart' oder auch 'gentleman' herauszufordern.

 Die White Stripes bekommen 2002 zwei MTV Video Music Awards für das Lego-animierte Video zu 'Fell In Love With A Girl' verliehen. Der immer größer werdende Druck auf MTV, sich der immer absatzstärkeren Garage Rock Bands endlich engagierter anzunehmen, ist nicht im Bild.
 
 
Und so
  schütten Millionen betroffen(gemacht)er Fans ihre eigenen Befindlichkeiten in die rasanten Songs, und beschlagnahmen die Sprache des J. White für ihre eigenen Zwecke. Vor lauter Grübelei kommen die meisten von ihnen dann gar nicht dazu, sich über die altmodischen Praktiken zu wundern, die die White Stripes in ihren nominellen Liebesliedern so ohne weiteres als die Norm darstellen: Jungs, die freiwillig zuerst bei den Müttern ihrer Verehrten vorstellig werden, bevor sie deren Töchter überhaupt auch nur ausführen, beziehungsweise das Herausstreichen des scheinbar über jeden Zweifel erhabenen Vorrangs der platonischen gegenüber der körperlichen Liebe. Auch so verwirklichen die White Stripes heimlich eines ihrer übergeordneten Ziele, nämlich Knigge-orientierte Umgangsformen und eine Romantik nostalgischer Prägung wieder in den Mainstream westlicher Kulturproduktion zu pushen.

Das Paar scheint jedenfalls vielen Hörern, die in ihren Liedern den nötigen Raum gefunden haben sich da selbst hineinzusteigern, deswegen nahe am Herzen zu liegen und muss sich nicht mit der 'Realness'-Inquisition herumschlagen, die zum Beispiel gerne plakativ politisch motivierte Bands (wie etwa die Manic Street Preachers in ihrer Frühphase) heimsucht. Im Gegenteil: Die White Stripes werden inzwischen sogar schon mit solchen Fixsternen wie Nirvana verglichen. Und so absurd sind diese Annäherungen gar nicht: Eher, als dass das Zertrümmern verschiedener Instrumente on stage Kurt Cobain mit Craig Nicholls von den Vines verbindet, liegt Nirvana der subtile, unaufdringliche Schmerz von Meg & Jack näher.


 
audio
 
title: 'Elephant'
artist: The White Stripes
length: 1:14
MP3 (896KB) | WMA
   
 
 
Vielleicht
  sind aber all diese Überlegungen auch nur gequirlter Unfug. Vielleicht versperrt einem gerade das Herumtüfteln den Blick darauf, was die White Stripes wirklich so großartig macht. Während ich diesen Artikel geschrieben habe, habe ich routinemäßig noch einmal in 'Elephant' hineingehört. Und sobald ich die ersten Takte von 'Black Math' gehört habe, habe ich die Tastatur weggeschmissen, den Bürostuhl zur Seite gekickt und angefangen, spastisch auf- und abzuhüpfen. Vielleicht ist dieses Gefühl ja das einzige, das zählt. Die Erfolgsstory der White Stripes jedenfalls ist erst am Anfang. Soviel steht fest.

 Ein Elefant kommt der öffentlichen Wahrnehmung der White Stripes sehr nahe, weil er ebenso wie sie als stoisch, introvertiert, aber auch als leidenschaftlich gilt. Finden zumindest die White Stripes selbst, und deswegen haben sie Meister Dickhaut metaphorisch auf ihre neue Platte gestempelt.
 
 
Konzerttermin
  The White Stripes kommen am 30. Mai 2003 für einen Auftritt ins Wiener WUK.
 
 
 
*
  Alle graphischen, unwidersprüchlichen Details zur Schmutzwäsche vergangener Tage im Leben zweier unbescholtener Privatpersonen kann der geifernde Zaunhocker hier abrufen.
 
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  whitestripes.com
Die offizielle Homepage, mit ausführlicher Newsrubrik. Breaking News: Die White Stripes sind mit 'Elephant' soeben auf Platz 1 der UK-Albumcharts eingestiegen. Alle Achtung. Das haben nicht einmal die Strokes geschafft.
   
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  fm4.orf.at/primecuts
   
 
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