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Wien | 22.6.2005 | 01:42 
Ein kühnes Kratzen an der Oberfläche von Hohlräumen.

Rob, DaddyD, Janis

 
 
A buzz + a fuzz and the land is ours
  Damals, in der Zeit so um 1992 herum, als Flanellhemden aus Seattle schon mit Liebes-, bzw. Leidensgrüßen aus dem Rest der Welt erwidert wurden, und die großen Plattenfirmen in Folge dessen begannen, das Anheuern von alternativen Rock-Bands nicht mehr nur noch als Steuerabschreibposten anzusehen, mussten sich manche junge Acts noch mit aus damaliger Perspektive unangenehmen, aber journalistisch legitimen, und aus heutiger Sicht scheinbar völlig obsoleten Fragen herumschlagen: "Wie konntet Ihr es Eurem Gewissen gegenüber verantworten, Eure Wurzeln zu verraten, indem Ihr mit einem Major signt?", oder, eine Spur lakonischer: "Na, wie schmeckt er, der Ausverkauf?" Verrückte Zeiten, damals.

Grundsätzlich gibt es ja bekanntermaßen heutzutage weitestgehend keine waschecht autonomen Indie-Labels mehr, und nicht zuletzt deswegen fällt es schon gar niemandem mehr auf, wenn das nächste große authentisch street-smarte Rock-Ding aus der Garage heraus direkt mit Tokio verhandelt, dann kaum sechs Monate später 5000er-Hallen bespielen muss, um sein "Wachstum" aufrechtzuerhalten, um nach einigen wenigen Jahren schließlich nicht mehr unter den Alibi-Ausgaben, sondern als Zugpferd für die jährliche Renditechance auf dem Bilanzblatt der Mutterfirma zu figurieren.
 
 
Gar niemandem?
  Nein! [die syntaktische Asterix-Abkupferung] Ein von den unbeugsamen Jarman-Brüdern bevölkertes Dorf im äußersten nordwestlichen Zipfel der Terra Anglia hört nicht auf, den Karrieristen Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die größenwahnsinnigen Bands und ihre Appendices, die auf den elf Songs des neuen Cribs - Albums "The New Fellas" unnachgiebig desavouiert werden [/die syntaktische Asterix-Abkupferung].

Die Gebrüder Gary (Bass & Lead-Gesang), Ryan (Gitarre & Gesang) sowie das Nesthäkchen Ross (Schlagzeug) Jarman haben sich schon seit ihren frühesten Kindheitserinnerungen immer so ausgezeichnet vertragen, dass sie sich sogar zu einem völlig identischen Musigeschmack hinentwickelt haben, was für all diejenigen, die gemeinsam mit Geschwistern aufgewachsen sind, jetzt sicherlich unvorstellbar klingt. Seit Anfang 2003 prügelten sie ihre Garage-Rock/Pop - Nummern gegenüber einem Publikum aus ihren Instrumenten, das nicht mehr ausschließlich aus Onkeln und Tanten bestand, und wenig später zeigte sich der von Gott begnadete Reverend Bobby Conn von ihrer schieren jugendlichen Unbekümmertheit so beeindruckt, dass er sie unter seine Fittiche nahm, bis er ihnen einen Plattenvertrag bei Wichita Records vermittelt hatte.

 
 
  Im Frühling 2004 kam dann auch schon ihr selbstbetiteltes Debütalbum heraus. Und da begann etwas Seltsames (oder zumindest Verhaltensuntypisches): The Cribs sperrten die Gunst der Stunde vor den Toren der provinziellen Rock'n'Roll-Keller-Pubs aus, verwendeten ihren Elan entschieden nicht zur medialen Promotion ihres Erstlingswerks und zeigten so jeglichem kommerziellem Ehrgeiz genussvoll die lange Nase. Und wahrscheinlich ist es gerade die demonstrative Ambitionslosigkeit, so mutmaßt auch Gary Jarman im Interview, die the Cribs vor allem unter Musikerkollegen so beliebt macht, dass diese (Bloc Party, Kaiser Chiefs) darauf bestehen, sie als Support-Act (oder Trampolin, wenn man dieser ganzen Kumpelhaftigkeit im Kontext eines beinharten Geschäfts eher misstraurisch gegenüberstehen möchte) für ihre eigenen Live-Tourneen einzuladen (/einzuspannen), sogar, wenn sie selbst nocht gar nicht so lange im "Geschäft" sind wie die Jarmans.
 
 
 
  Kaum 12 Monate später ist nun auch schon die zweite LP von einer Band fertiggestellt worden, die nicht in Alben als in-sich-abgerundete-künstlerische-Statements denkt, sondern es sich zum Ethos gemacht hat, einfach jedes Mal, wenn 10-15 neue Lieder geschrieben worden sind, eine neue Platte aufzunehmen. "The New Fellas" verkörpert nun je nachdem, ob man Gary Jarmans Behauptung, lieber in ein paar Jahrzehnten einflussreich als heutzutage erfolgreich zu sein, Glauben schenkt, die Einzementierung dieser ihrer integren Haltung, oder eben die sprichwörtlichen sauren Weintrauben. Denn auf dieser Platte gibt es tatsächlich ausschließlich nur Breitseiten gegen den heutigen Zustand der britischen Musikindustrie und der auf ihrer im Fahrwasser der hohen Rentabilität von Franz Ferdinand und den Libertines mit Vorschussgeldern prallgefüllten Handfläche dahinvegetierenden "Szene". Mit dem Finger zeigt man nicht, und the Cribs tun es trotzdem, und zwar auf Plaudertaschen ("Hey Scenesters!"), auf Mode- (und sonstige) Junkies ("I'm Alright, Me"), und auf Groupies ("We Can No Longer Cheat You") undsoweiter.


 
audio
 
title: Prime Cuts: 'The New Fellas'
artist: The Cribs
length: 0:53
MP3 (857KB) | WMA
   
 
 
Eine kleine Zukunftsmusik
  Produziert hat das Album Edwyn Collins (von dem wir uns alle wünschen, dass er nun endlich bald einmal sein Krankenbett verlassen kann), und ich-schwöre-zu-Gott, man merkt nichts davon. Die Stücke klingen immer noch genauso unpoliert, krakelig, im Rausch des Augenblicks dahingeschleudert wie eh und je. Das mag jetzt alles den Anschein erwecken, als ob es nur für den Moment gemacht worden wäre. Aber ich bin mir sicher, dass eines Tages, wenn man im Jahr 3555 in einem dieser prachtvollen, aber ökonomischen neuen Hotelkomplexe direkt am Gipfel des Matterhorns, von denen man so eine schöne Sicht auf diesen See hat, der sich drei Tage Schifffahrt weit erstreckt, Brobur, das blaubeschuppte, freundliche Mutantenmonster an der Bar antrifft, und er vergeblich versucht, sich eine bestimmte Melodie aus dem Kopf zu schütteln, und man ihn dann dann auf diese Sachen anspricht, er große Augen machen und antworten wird: "The Cribs? Oh ja, das war eine gute Zeit."

 Das schöne Cover zur neuen Cribs - Single "Mirror Kissers"
fm4 links
  www.thecribs.com

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