fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 24.5.2006 | 20:54 
Ein kühnes Kratzen an der Oberfläche von Hohlräumen.

Rob, DaddyD, Janis

 
 
Too proud to Meg
  Glotzbert: Wo ist schon wieder die Fernbedienung hin? Ah.

(*Klick*, und Prometheus erschaffet sein Ebenbild aus einem Klumpen Blech)

"White Stripes, Brendan Benson und Greenhornes - gibt's doch jetzt alles bei den Raconteurs!"

"Er ist der gefeierte Fährmann des Blues im 21. Jahrhundert, das dort ist sein Singer/Songwriter-Bruder im Geiste, und die beiden da haben die Garage-Rock - Schule im weit entfernten Cincinatti absolviert - und dennoch verstehen sie sich alle auf Raconteurs' feinste Genrelade."

"Love is as good as it gets/ And you'll get more if you give it/ It's the right thing to do, and you know it/ It's inside of you, so just show it!"


Glotzbert: Aber das ist ja nun wohl wirklich unrealistisch.

Hörbert: Hm. Ich fühle eine Metapher heraufziehen.

Glotzbert: Wie?

Hörbert: Einen Regenwurm von unter der Erde hervorzuzerren und zur Begutachtung mit ins Haus zu nehmen kann am Anfang ganz spannend sein, wenn man sich vergegenwärtigt, was für eine Fülle an wuselndem Leben es nicht doch gibt, auch, wenn es dem blanken Auge die meiste Zeit verborgen sein mag. Aber dann, wenn der Wurm entsetzt in Richtung Schatten kriecht, und sich panisch davor windet, entdeckt zu werden, verliert das ganze sehr schnell an Reiz. Und irgendwann gewöhnt er sich dann an die Aufmerksamkeit, teilt sich in zwei, wobei sich beide Hälften jeweils in die Richtung eines der beiden Pole hinbewegen, zu denen man sich an der Oberfläche unvermeidlicherweise hingezogen fühlt: Liebe und Geld. Und irgendwann tut er sich mit gleichgearteten einstigen Wühlern zu einer Gruppe Gleichgesinnter zusammen.

Glotzbert: Ich hab schon bessere gehört.
 
 
Später...
  Hörbert: Der Kristallisationspunkt beim Phänomen der White Stripes bestand ja darin, dass viele ihrer Fans in ihrem Unterbewusstsein in ihnen ein Bildnis dessen gesehen haben, was sie selbst kaum mehr aktiv miterlebt haben konnten: Ein Gegenmodell zur Beliebigkeit der Massenkultur, ein Aushängeschild der Verweigerung. Anders als die Sparte cooler, modebewusster Hipster, oder auf celebrity-culture großgezogener Londoner Vorstadtkinder haben diese Detroiter Garagen-Rabauken sich ja noch tatsächlich aktiv dagegen gewehrt, im Radio gespielt und auf Magazin-Covers abgebildet zu werden. Und dann kam ja das Jahr, das man wohl als Schlüsselperiode in Jack White bisherhiger Karriere betrachten kann. 2003 veröffentlichen die White Stripes im April mit "Elephant" mutmaßlicherweise Jack Whites Abrechnung mit dem Star-Kult Schlamassel, in dem er da gelandet ist, wenig später, am 9. Juli entgeht er nur hauchdünn einem schweren Autounfall. Wie es danach mit Jack und den White Stripes weitergehen würde, war für mich damals noch überhaupt nicht abzusehen. Aber er hat sich danach ja offensichtlicherweise nicht in die innere Einsiedlerei zurückgezogen, sondern sich erst recht in einen Arbeitseifer mit Resultaten erwartbar hohen Profils hineingeworfen. Dazwischen war ja auch noch die Sache mit den Filmauftritten in "Cold Mountain" und in "Coffee & Cigarettes".

Glotzbert: Der war aber lustig!

Hörbert: Und dann hat er letztes Jahr eben zur Flasche mit dem gekrümmten Hals gegriffen, und gleich auch den Titelsong zur neuen Werbekampagne für deren Inhalt verfasst. Nicht, dass heutigen Ohren die Frage nach dem Ausverkauf noch irgendeinen Gehalt vermitteln, oder ich ihm das Engagement rund um den blubbernden braunen Trunk nicht gönnen würde.

Glotzbert: Das trinken wir selbst doch auch immer mal wieder gerne!

 
 
 
  Hörbert: Aber irgendwie ist das alles von der Total-Askese bis hin zur Offenbarung der Kohlensäure doch etwas zu glatt gegangen, als dass es keinen schalen, definitiv nicht-prickelnden Beigeschmack hinterlassen hätte. Und White identifiziert sich mit der Angelegenheit offenbar so stark, dass er den Werbespot auf die Website der White Stripes stellen lassen hat. Und jetzt hat Jack mit Meg White auch noch die Muse seiner dysfunktionalen Auffassung von Beziehungen und damit die vermutliche Inspiration hinter seinem von Phobien getränktem Songwriting der Welt als ganzem am Straßenrand stehen lassen.

Glotzbert: Hm. Sag, Robert, was hältst eigentlich Du von dem allen?
 
 
 
Dann....
  Robert:

Find yourself a girl - and settle down,
Live a simple life in a quiet town.


Vergiss die Mode, vergiss die Clubkultur, vergiss das Internet, vergiss die Selbstdarstellung.
Vergiss urbane Ich-Gesellschaften, vergiss strapaziöses Bildungsbürgertum.
Vergiss die Suche nach popkulturellem Distinktionsgewinn in einem dunklen Raum.

Die Stirnlampen der LifeStyleVerwirklichungsIndustrie werden Dir keinen Weg leuchten.
Sie zeigen immer nur eines:
Was du nicht hast.

Was "sie" sagen, dass du brauchst.

Oder wie die Strokes singen:

I don't want what you want
I don't feel what you feel
See I'm stuck in a city
But I belong in a field


Doch bei aller Liebe zu den, die längste Zeit zu Unrecht gescholtenen, Hippie-Idealen: Niemand will zurück auf die Bäume.
Dieses Argument geht genauso ins Leere als würde man einem Kapitalismuskritiker den Wunsch nach KP-Restauration unterstellen.
Es geht auch nicht darum, nackt über Blumewiesen zu hüpfen, obwohl das vielleicht ganz reizvoll wäre. Worum es geht ist: Entschlackung.

You want everything to be just like The stories that you read, but you can't write You've gotta learn to live and live and learn You've gotta learn to give and wait your turn Or you'll get burned

Das tut das letzte Strokes Album ebenso wie auch jetzt Bensons&Whites Meisterwerk "Broken Boy Soldiers": Entschlacken.

 
 
Werbeblock
  "Broken Boy Soldiers von den Raconteurs.
Keine chemischen Zusatzstoffe - bei meiner Ehr.
Keine Konversierungsmittel - bei meiner Ehr.
Und kein genetisch manipulierter, digital prozessierter, zeitgeistiger Firlefanz - bei meiner Ehr.
Und dennoch ein Vierfaches an Geschmack!!!"


Glotzbert: Die Werbung übertreibt mal wieder maßlos.

Hörbert: Aber "Broken Boy Soldiers" ist echt nicht schlecht.
 

 
audio
 
title: Prime Cuts Raconteurs
length: 1:10
MP3 (1.12MB) | WMA
   
 
 
Also...
  Robert: Neben der musikalischen "Re-Wesentlichisierung", über die bereits viel Richtiges geschrieben wurde, wird bei den Raconteurs auch vor allem Code-Ballast abgeworfen.

Jetzt versteht man natürlich das Bedürfnis, sich mit Codierungen aller Art zu schmücken, auch ein Jack White sieht sich ja nach wie vor gerne als Jim Jarmusch Pop-Inkarnation, ich möchte mir aber den kleinen konservativen Einwurf erlauben, dass die eigentliche Materie, die Musik, nicht der völligen Arthrose preisgegeben werden sollte.

Denn Slayer ist Slayer und nicht deren Bild, ebenso Motörhead, egal auf wieviel Fetzen ihre Logos auch gedruckt werden.

Und beim Turbonegro-Taumel ist bei mir dann sowieso jedes Ironieverständnis überschritten, vor allem bei Leuten die man sonst mit "Metal" in die Lounge jagen kann.

Die Musik der Raconteurs ist quasi das Antiserum zur Pose, hier werden die uramerikanischen Eier des Blues in den Sonnenuntergang gehalten.

Und niemand setzt sich Strumpfmasken auf oder lackiert sich die Nägel pink, Stylisten braucht da kein Mensch.

Vielmehr steckt da ein gutes Stück blumenseliges Songwritertum Marke Benson drin, der staubtrockene Minimalismus des Jack White und das richtige Maß an nerdigem IndieMuckertum der Greenhorne Männer Jack Lawrence und Patrick Keeler.

Und entgegen der Star-Sucht spielen die beiden letzteren natürlich eine wichtige Rolle im Raconteurs-Universum, unbekannt hin oder her.

 
 
  Genau deswegen gibt die Band auch ihre Interviews prinzipiell im Quartett.

Oder mag wer Bluesrock ohne Schlagzeug und Bass hören? Na eben.

"Es ist besser mit Leuten zu arbeiten, die einander verschieden sind", meint Jack White und outet sich damit als Band-Mucker erster Güte. Der Mann der von Rechts wegen ein Ego von Austin bis Seattle haben könnte, scheisst ebendieses in ein Plastiksackerl und hängt es an die Band-Garderobe.

Das ist nicht nur musikalisch förderlich und sympathisch, es tut Jack White auch selbst gut.

So gut, dass ich mich beinahe traue "Broken Boy Soldiers" dezent spannender als "Get Behind Me Satan" zu finden.

Ja, und Jack hat übrigens letztes geheiratet und wird Daddy.

Ober er bereits in einer "quiet town" lebt weiß ich leider nicht.

Glotzbert: Moment, ich hab da was im Ohr...

Hörbert: Warte mal .... ah, sieh mal einer an, das war es: Die Raconteurs spielen am 26. Juni ein Konzert in der Wiener Arena. Na so was. Aber bis dahin können wir ja noch ein bisschen fernsehen.
 
fm4 links
  The Raconteurs.com

fm4.orf.at/primecuts
Alle Alben der Woche auf einen Blick
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick