'It's been revealed that the junior treasury minister Michael Portillo carries a sawn-off shot-gun to constituency meetings, corners children in parks and chews their cheeks, and has frequent sexual intercourse with stray animals claiming "As long as it's got a backbone, I'll do it". That story we reported last week and have since discovered it to be untrue.'
Diese anno 1994 in der britischen News-Parodie - Serie "The Day Today" von Comedian Chris Morris in seiner Rolle als Anchorman getätigte und wieder zurückgezogene Behauptung hat mich vor ein paar Wochen wieder daran erinnert, wie vergnüglich und selbstermächtigend es sich anfühlen kann, wenn man kurz mal ohne Rücksicht auf irgendwelche Beschränkungen das Blaue vom Himmel herablügt. Und zwar ist mir das eingefallen, weil an dem Tag Placebo in der Wiener Stadthalle ein Konzert gespielt haben, an dem ich aus Zeitgründen nicht teilnehmen und deswegen auch nicht davon berichten konnte. Dennoch hat mir diese potentielle Perspektive, einen Bericht über den 8.(?) Österreich-Auftritt der Band zu schreiben, einen Denkanstoß versetzt. Was hätte man grundsätzlich im Dezember 2006 über Molko, Olsdal und Hewitt an Gedanken formulieren können, die nicht schon allein in den 10 Monaten davor anlässlich ihrer Album-Veröffentlichung, der FM4-Radiosession und ihrer Nova-Rock-Show aufgegriffen worden waren?
Zuerst dachte ich an einen ausweichenden, eventuell (faux-)philosophischen Ansatz, der die Band als Vorwand für die Abhandlung eines Sachthemas hernehmen würde, so etwa à la "Müssen wir uns, bevor wir uns mit der Natur des Konzertereignisses auseinandersetzen, nicht erst die Frage stellen, ob wir Placebo schon allein dadurch verändern, indem wir sie uns anschauen? Führt das nicht zu einer subjektiven Abwandlung Placebo², Placebo³ etc in der jeweiligen Wahrnehmung des Betrachters? ... (driftet ab in amateurhaften, einen Halb-Absatz währenden erkenntistheoretischen Traktat)" Dann kam ich letztlich doch zu dem Schluss, dass einer der wenigen verbliebenen Zugänge, die der fast universalen Popularität und damit einhergehenden Medienpräsenz von Acts von einem solchen Kaliber wie etwa eben Placebo oder den Red Hot Chili Peppers oder Oasis in Sachen Neuigkeitsgehalt gerecht werden würden, in einer galanten Lüge bestehen könnte.
Natürlich nichts auf einer moralischen Ebene Verunglimpfendes, nichts die persönliche Integrität eines Künstlers Kompromittierendes, also eben genau das Gegenteil von dem Effekt, den die unnachgiebige Publikation von vermeintlich "wahren" Fakten in Bezug auf inflationär abgebildete Musikphänomene zeitigt (siehe P. Doherty oder C. Love). Vielleicht so irgendwas wie "Brian Molko ist auf dem Band-Circuit bekannt für seine ruhige Hand, ist er doch Landesrekordhalter im Labyrinth-Geduldspiele-Bewältigen für Unter-, äh, 32-jährige." Oder "Brian Molko kann des Nachts immer nur zur vollen Stunde einschlafen, es sei denn, er legt sich eine Kassette mit einer Telegramm-Ticker-Impersonation von Edith Piaf ein", oder warum nicht auch "Brian Molko kann über Wasser gehen, wenn es nicht tiefer als eine Pfütze ist."
Aber dann suchten mich wieder die Geister der Tugend heim, und das umso heftiger, und bestärkten mich in meiner Überzeugung, dass Lügen durch keine Umstände gerechtfertigt werden könne. Weswegen ich seitdem die Kategorisierung dieser Spielart für mich in "Fabuliererei" umbenannt habe. Jedenfalls beschäftigte es mich von diesem Punkt an, wie beklemmend einen der Gebrauch der Lüge fühlen lässt, vor allem, wenn man sich selbst an allen Ecken und Enden in Verlegenheit zu bringen versteht, anstatt mit einer selig unbewussten Gelenksbewegung über (fast) alle Verunsicherungen des Lebens drüberzuwischen. Und wie es einen immer tiefer in einen Strudel hineinzieht, an dessen Ende man dann unweigerlich ziemlich blöd aus der Wäsche schaut. Und dann bin ich beim genauen Gegenteil von den Überlegungen angekommen, die ich am Anfang angestellt hatte: Wie befreit historische Persönlichkeiten wie Richard Nixon, Christoph Kolumbus oder Milli Vanilli ihre Leben nicht hätten führen können, wenn nicht erst andere für sie ihre Fehlleistungen aufdecken hätten müssen. Aber wie genau hätten ihre Bekenntnisse geklungen?
Milli Vanilli
Genau das ist das Conundrum, dem sich meine Gäste und ich am Montag, den 8. Jänner ab Mitternacht in der Sendung Open Mike widmen: Hier verschiebt Axl Rose den Release des neuen Guns'n'Roses-Albums von selbst gleich einmal um ganze 20 Jahre, Alex Kapranos schwindelt nicht über sein Alter und die Hitler-Tagebücher werden von Konrad Kujau gleich zu Beginn als Fake geoutet. Wie die Erklärungen in all diesen, plus jedermann/frau betreffenden prosaischen alltäglichen Fällen hätten lauten können, erörtert ein hochkarätiges Expertenpanel, und um dieses Gedankenexperiment zu vervollständigen, überlegt sich jeder von uns noch konträrerweise etwas Unfassbar-Fiktiv-Sensationelles, dem sie/er bei einem Konzert einer medial saturierten Band beiwohnen konnte. Plus Wissenswertes über physikalische Auswirkung von Lügen und die Funktionsweise von Lügendetektoren. Und rundherum die übermütigst-doppelzüngigen und rechtschaffenst-aufrichtigen Musikstücke aus 50 Jahren Popularmusik.
Oder, um das alles in den Worten des Protagonisten der vielleicht größten Schummlerei der Weltgeschichte zu paraphrasieren:
"Eine lange Nase für mich, aber eine kurze für die Menschheit".
Open Mike, heute, 8. Jänner, von 0-1.
Lies, lying and liars Eine christlich beschlagene (hey, warum auch nicht?) Website, die eine amerikanische Sicht auf die Lüge wiedergibt und jeden erdenklichen Fall ihrer eventuellen Anwendung ausjudiziert: "Beispiel 37a: Angenommen, eine verängstigte Mutter taucht mit ihren beiden Kindern bei Dir vorm Hauseingang auf, und bittet um einen sicheren Aufenthaltsort. Du lässt sie rein, und wenige Minuten später schlägt ein irrer Junkie mit einem Fleischermesser auf Deine Tür ein. "Wo ist meine Familie?", fragt er mit vor Wut schäumendem Mund. Würdest Du Ihm ihren Platz verraten, oder ihn belügen, um drohendes Unheil abzuwenden?"...und dabei teilweise zu solch amüsanten Erkenntnissen gelangt wie "1. Warum öffnest du jemandem, der ein Fleischermesser in der Hand hat, die Tür? Dein Dilemma ist nicht, ob Du lügen sollst oder nicht, sondern Deine Blödheit! 2. Warum hast Du nicht einfach gleich die Polizei gerufen? 3. Wenn Dir so was öfter passiert, dann lebst Du in der falschen Nachbarschaft. Zieh aus.JETZT! SCHNELL!!!!!"
uncyclopedia.org Hanebüchene Zitate zu u. a. Mel Gibson, Winston Chruchill und Noel Coward.
Wie soll man mit den Lügen vorgehen?
Die Lügen sollen stehen bleiben unter der Voraussetzung, dass kleine Zusatzlügen angebracht werden.
In Gastronomiebetrieben soll man weiterhin lügen dürfen, aber in einem eigens gekennzeichneten, vom Nichtlügnerbereich abgetrennten Bereich.
Für sämtliche Lügen, derer sich ein Lügner auf dem Gehsteig entledigt, hat sein Herrl Verantwortung zu tragen.
Wer etwas gelogen hat, soll nicht mit dem Auto fahren, basta!