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Wien | 28.3.2007 | 06:21 
Ein kühnes Kratzen an der Oberfläche von Hohlräumen.

Rob, DaddyD, Janis

 
 
Donald and his new fairfeather friends
  Sehr Geehrter Herr Landeshauptmann, Sehr Geehrte Gesandte der amerikanischen Botschaft, Sehr Geehrte Abgeordnete zu den gesetzgeberischen Körperschaften, Sehr Geehrter Herr Bürgermeister, Sehr Geehrter Herr Vizebürgermeister, Sehr Geehrte Ehrengäste, Sehr Geehrter herr Helnwein, Herr Geiz, Professor Reichel, Sehr Geehrte Künstler, Mein e sehr Geehrten Damen und Herren. Liebe Kinder."

Dieser vorbildlich formalisierten Begrüßungsumarmung von Direktorin Jutta M. Pichler sei Dank, hier bei der (vergangenen Samstag erfolgten) Eröffnung der Donald Duck-Ausstellung hätte man über kosmopolitisierende Comic-Strips und weltläufigem Wandschmuck schon beinahe vergessen, dass man sich hier in Krems, Wachau-City, befindet.
 
 
 
 
 
  In jenem kleinen Land, in dem von der kulturdefinierenden Klasse seit Erscheinen des ersten Micky Maus-Heftes sämtliche Disney-Manifestationen im Gegensatz zu etwa Heimatfilmen mit Attila Hörbiger als seichter, korrumpierender Schund abgetan wurden, tummeln sich nun also 2007 Bauingenieure, Fonds-Manager, Universitätsprofessoren und andere Honoratioren, in einschlägig benähte Krawatten gewandet, hier, um ihre restlich verbliebenene Kindlichkeit und Glauben zu verorten und so in Schach zu halten.
 
 
 
 
 
  Und Österreichs zur Zeit weltweit renommiertester bildender Künstler, Gottfried Helnwein, der sich in seinen formativen Jahren dazu gedrungen sah, dem Establishment mit seinen Darstellungen von entstellten Kindern seriell die Empörungsröte ins Gesicht zu treiben, stilisiert den anwesenden niederösterreichischen Landeshauptmann gar zum mythischen Gründer von Entenhausen, Emil Erpel, hoch.
 
 
 
Cue: Allgemeines Gelächter
 
 
  Die Gründe, warum es die Ente im Österreich des Jahres 2007 zur hierzulande ultimativen Ehrerbietung und gleichzeitig Entschärfung, der Musealisierung, bringt, sind variabler Natur. Niemand würde Donald Duck-Comics ernsthaft noch als oberflächlichen, hegemonialkulturellen, proletarisierenden, moralisch verderblichen Ramsch abklassifizieren, weil a) der illustrative Zweig der Popularkultur seit den 50ern auch nichts enorm vordergründig Tiefsinnigeres hervorgebracht hat, b) die heimische Bigotterie heutzutage schon ihre liebe Not damit hat, sich auf immer neue, sprachlich kompromissloser neologisierende Kulturimporte einzuschießen, c) die ansehnliche soziale Zusammensetzung der heutigen Donald Duck-Apologeten (die der unter Punkt d) erwähnte größte Donald-Abbildner aller Zeiten ohne Zweifel mit einigen Hundeschnauzen und Schweinsohren bedacht hätte) darüber Zeugnis spricht, dass es sich österreichische Arbeiterfamilien in den 50ern und 60ern ohnehin nie leisten hätten können, ihren Kindern Disney-Erzeugnisse zu kaufen, und d) ausgerechnet der Carl Barks'sche Moralkodex eine der nachdrücklichsten zeitgenössischen Auslegungen der christlichen Sittenlehre dargestellt hat.
 
 
 
Karikaturen (Museums-) Zampano Manfred Deix, und sein Haberer Gottfried Helnwein
 
 
  Und, wenn man ehrlich ist, geht es bei dieser Werkschau trotz des verallgemeinernden Titels um niemand anderen als Carl Barks und dessen vielbeschworene Genialität. Donald-Zeichner mag es in den über siebzig Jahren seines Bestehens viele gegeben haben, aber dann wiederum hat auch das Bildnis der Venus in den Händen von Botticelli und den Eisenzeitmenschen von Willendorf krass unterschiedliche Resultate gezeitigt, was es nachvollziehbar macht, dass Donald-Erfinder Al Taliaferro, Tony Strobl, Vicar, Jan Gulbranson, Marco Rota, dem legitimen Barks-Nachfolger Don Rosa und all den anderen an dieser Stelle kein oder kaum Platz eingeräumt wird. Helnwein selbst vergleicht Barks gerne mit Shakespeare, weil dieser ebenfalls eher unbekannte, prosaische Volkssagen um bereits existierende oder erfundene Protagonisten als Vorlage genommen und diese zu bewegenden, poetischen Stoffen aufgepeppt habe.

Immerhin hat aber Barks die meisten seiner Akteure nicht ausgeliehen; die Schöpfung von Onkel Dagobert, Daniel Düsentrieb, Oma Duck, Franz Gans uvm. steht ihm zu Buche.
 
 
 
Ob sich Barks' Protagonisten, allen voran Donald, trotz oder wegen Barks' fast 50 Jahre währender, selbstauferlegter Isolation in der Prärie von Oregon einen immer vielschichtigeren Charakter angeeignet haben, ist die zentrale Studienfrage vieler Barks-Chronisten.
 
 
  Der biographische Raum der Ausstellung porträtiert Carl Barks als prototypischen amerikanischen Spielball höherer Mächte im 20. Jahrhundert, gleich exemplifzierten Kunst-Figuren wie Studs Lonigan, Harry Angstrom, oder, wenn man möchte, Forrest Gump. Während seiner Jugendjahre in den 20er Jahren als Aushilfskraft an durch ausgedehnte Dürreperioden ausgetrockneten Farmen am Hungertuch nagend, chronisch arbeitslos zur Zeit der großen Wirtschaftskrise, schließlich im Zweiten Weltkrieg als Propagandist zur Stärkung patriotischer Moral instrumentalisiert. Carl Barks jedoch lassen diese Einflüsse eine, wie man es heute einstufen mag, eher unamerikanische kreative Tangente einschlagen; anders als die Gestalter heutzutage als typisch amerikanisch angesehener Comics (wenn man mal Snoopy oder Garfield außen vor lässt, die es in gedruckter Form nie über einzelne Tageszeitungs-Stripes hinaus geschafft haben) wie Spiderman, Hulk oder anderer Superhelden-Stories, verleitet ihn die Erfahrung dieser Extreme nicht dazu, seine Charakter zu dramatisieren oder gar zu heroisieren. Auch aktuelle politische Kommentare sucht man in seinem Werk weitestgehend (anders als zum Beispiel bei - Gott hab ihn selig - Capt'n America) vergeblich.
 
 
 
Auch der geistreiche Wortwitz der deutschen Barks-Übersetzerin Dr. Erika Fuchs zwischen klassischen lyrischen Zitaten und alltäglicher Slang-Verballhornung erfährt hier selbstverständlich seien obligatorische Huldigung.
 
 
  Barks' Sache sind von Anfang an allgemein menschliche Motive, Wesenszüge, Verhaltensformen, Reflexhandlungen, und deren Darstellung in moralischen Gleichnissen. (Onkel Dagobert zum Beispiel ist nicht etwa das Sinnbild des außer Kontrolle geratenen Kapitalismus, sondern einfach "nur" der historisch immer wiederkehrende Typ des vom Reichtum degenerierten Geizhals'.) Die restriktiven sittlichen Standards und die damit zusammenhängende Zensur im Amerika der 50er Jahre verbannt auch nur jeglichen gedanklichen Anstoß in Richtung Sexualität (deswegen auch die durchgehende Veronkelung und Vervetterung der Entenhausener Verwandtschaft) und Tod aus kinderorientierter Unterhaltung (feindliche deutsche Stellungen bombardierende Cartoon-Jets waren den lieben Kleinen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs aber ganz offensichtlich zuzumuten) zwängt Barks' Geschichten von vornherein in ein präpubertäres, non-transgressives Korsett. Gerade diese Einschränkungen bewegen ihn aber dazu, andere charakterliche Abgründe (Wut, Gier, Eifersucht, Wahnsinn) auf immer orginellere und komplexere Weise auszuleuchten. Unerschütterlicher Rahmen für all diese Abhandlungen ist aber der unverrückbare moralische Kodex, dank dem die Leserschaft sich schon am Anfang der Erzählung in der Sicherheit wiegen darf, dass jedwede vorkommende Maßlosigkeit angemessen vergolten wird und jede Figur am Ende genau das bekommt, was sie verdient. Jede noch so unbedeutende Übersprungshandlung und jeder noch so flüchtige Gedanke hat bei dieser Abrechnung Gewicht und ist entweder positiv oder negativ codifiziert.
 
 
 
  Barks hat die Lehrfunktion des Neuen Testaments genau genommen nur durch die Mechanismen einer (manchen Geschichten zugrunde liegenden) eigentümlich-gewundenen Logik erweitert, die erst recht wieder dazu dienen, "Gut" und "Böse" ihr entsprechendes Verdienst zukommen zu lassen (siehe z. B. die siegreiche Methode des Goldgrabens in "Das Goldschiff"); sowie um die amerikanische Erfindung des Happy End. Alleine die zentrale Figur des Donald Duck muss, trotz mancher relativer Erfolge, grundsätzlich immer mit dem Manko immerwährenden Pechs und daraus resultierender Frustration behaftet bleiben, damit seine Leser und Anhänger das Ihrige an dieser willig für sie leidenden Gestalt abstreifen, und ein befreiteres Leben führen können. Das Passions- ("Der wackere Postbote") sowie das Compassions-Motiv ("Weihnachten Für Kummersdorf"). Diesen von der Religionslehre vertrauten Mechanismen ist es im Zusammenspiel mit dem Barks'schen am Kindchenschema angelehnten Mimik-Zeichenstil und Dr. Fuchs' archaischer Sprache zuzurechnen, dass sich Barks' geneigte Leser so stark von seinen Fabeln prägen lassen haben und bei deren Durchblättern eine so intensive Sensation von Rückhalt und Geborgenheit verspüren.
 
 
 
Vorne: U-Kunst,
Hinten - scharf getrennt - : E-Kunst
 
 
  Was diese Eckpfeiler aber für die Zukunft einer solcherlei gearteten Comic-Tradition in einer Zeit bedeuten, in der die Zahl der rituellen Kirchgänger ungefähr so rasch abnimmt wie jener der Micky Maus-Leser, ist ungewiss bis Unheil dräuend.

Und so harrt Carl Barks' fantastisch reicher, komplexer Ideenfundus in dem Jahr, in dem die Simpsons endlich 20 Jahre nach ihrer Kreation endlich für die große Leinwand adaptiert werden, noch immer einer adäquaten audiovisuellen Umsetzung abseits von eindimensionalen Slapsticks und platten Klischees.
 
 
 
Kontroversiell: Das Anbringen von Zell-Szenen bekannter Entenhausener Bösewichter wie der Panzerknacker an der Außenmauer der Haftanstalt Stein. Ironische Brechung des "zivilisatorischen" Akts der Internierung, oder doch eher ein geschmackloser Publicity-Gag auf Kosten der nicht-partizipierenden Insassen (oder gar deren Opfer)? Die Meinungen sind gespalten.
 
 
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