1) Der Verfasser dieser Geschichte ist schon seit Dienstag, dem 6. August wieder zurück in diesem unserem geliebten mitteleuropäischen Binnenstaat. Leider habe ich mir aber aus Spanien eine derbe Erkältung davongeschleppt, und in den vergangenen Tagen hatte ich teilweise so derbes Kopfweh gehabt, dass ich vor meinem geistigen Auge zuweilen nur noch "Tilt-Tilt-Tilt" sah. Das alles hat sich etwas gebessert, *hust*, thankyouverymuch, und sorry für die Verspätung.
2) Dies ist eine Geschichte ohne Bilder. Der Grund: Ich bin der sachgemäßen Anpassung einer Kamera an die bestehenden Lichtverhältnisse nicht kundig. Ich kann nicht mit Photoapparaten umgehen. Einmal haben sie mich mit einer Digicam losgeschickt, um Rocko Schamoni ins Visier zu nehmen, und ich habe ihn prompt gegen das pralle Sonnenlicht photographiert. Sorry, Sorry, Sorry.
Die Anreise
Eine durchaus erheiternde Anekdote zum Flug nach Barcelona: Der Musikmix, der in Flugzeugen vor take-off und nach (plangemäßer) Landung aus den Lautsprechern normalerweise etwas sedierend dahertönt, beinhaltete diesmal "The One I Love" von R.E.M. Kurzweilige Konfusion, als sich die Passagiere in den Reihen vor mir bei der Zeile "Fire!!!!" verwirrt umdrehen. Liebe Grüße an die Kollegen von 88.6, die das gezaubert haben.
Und nun für alle, die sich von den ekstatischen Berichten ihrer Freunde und Bekannte beeindrucken lassen, und nächstes Jahr auch nach Benicàssim fahren wollen: Das Gelangen nach Barcelona ist wirklich nur die halbe Miete. Es gibt nur ca. 5,6 Züge, die täglich von Barcelona aus abfahren und direkt in Benicàssim halt machen. Und die waren drei Tage vor dem Festivalwochenende für die Zeitspanne bis zum Beginn des Festivals fast komplett ausgebucht. Öfter halten Züge in der 10 km von Benicàssim entfernt gelegenen Ortschaft Castellón. Man kann aber auch den Bus nach Castellón nehmen, was aber fast doppelt solang dauert. Jedoch kann auch die Reise von Castellón nach Benicàssim Tücken bereit halten, denn Shuttle-Busse stehen nicht etwa permanent bei Fuß, und der Regionalbus nach Benicàssim fährt von einer ganz anderen Stelle als dem (Bus-) Bahnhof in Castellón ab. Und Taxis scheinen auch nur alle heiligen Zeiten aufzukreuzen.... Alles schon erlebt....
Schlussfolgerung: Es ist am klügsten, sich neben dem Flug-/Zugticket nach Barcelona auch das Ticket direkt bis Benicàssim lange im Vorhinein zu sichern...und das für die Rückfahrt nach Barcelona gleich dazu....Was? Spontaneität? Hatte ich denn jemals so etwas wie Spontaneität versprochen?
Die Einquartierung
Es gab doch nicht zwei, sondern ganze drei Campingplätze. Von denen öffnete der, der unmittelbar am Festivalgelände lag, einen Tag vor Festivalbeginn (also der FibStart! - Party), nachmittags. Es lohnt sich, diesen Zeitpunkt abzuwarten, denn von den anderen beiden muss man doch schon bis zu einer halben Stunde Fußmarsch miteinberechnen. Die (Freiluft-)Duschen sind auch hier kalt, *hatschi*, die Dixie-Klos sind dafür zahlreich und stehen allesamt auf der nächsten technischen Entwicklungsstufe (das heißt, man kann den Genuss vom Vortag runterspülen).
Das Setting
Vom Festivalgelände aus kann man nicht direkt zum Strand sehen. Stattdessen wird alles von einer kahlen, pittoresken Berglandschaft überragt. Der Ort Benicàssim ist 5 Minuten zu Fuß entfernt, wenn man vorher nicht 5mal von einem daherrasenden Auto überfahren wird. Das Fiberfib liegt nämlich direkt an einer Stelle, an der sich drei Bundesstraßen, oder so, kreuzen. Die maßregelnden Verkehrspolizisten, die extra für diese Gelegenheit dort aufgestellt werden, setzen alles daran, dich mittels Pfeiferei auf einen 30minütigen Fuß-/Umweg zu schicken. Ungefähr so lange dauert es in jedem Fall bis zum (tadellos sauberen) Meeresstrand.
Das Musikfestival hat nun schon eine fast 10jährige Tradition. Deswegen haben sich die Gastronomen in diesem Straßendorf trotzdem keine phänomenalen Fremdsprachenkenntnisse angeeignet. Man hat lieber anderweitig Innovation einkehren lassen: In manchen Restaurants gibt es zum Beispiel Multiple Choice Speisekarten - zum Ankreuzen.
Die unmittelbaren Rahmenbedingungen
Dass man sich bei einem der 5 größten Musikfestivals Europas befindet, merkt man spätestens dann, wenn man nach 20-minütigen Anstellen einen Speisebon bekommen hat, und sich zwecks Einlösen desselben nochmal für 15 Minuten einreihen muss. Für die schiere Größe dieser Veranstaltung ist das kulinarische Spektrum eindeutig zu schmal. Nur der Cous-Cous - Biofutter Stand bietet Abwechslung von den ewigen, nicht mehr ganz so warmen bocadillos (=gefüllte Baguettes). Die Getränkepreise halten sich gerade noch im Rahmen. Geradezu lächerlich sind auch die Ausmaße des (offiziellen) Band-Merchandisingstandes - ca. so breit wie zwei nebeneinandergestellte Smarts. What, no stuff from Primal Scream, Paul Weller, the Chemical Brothers???
Sonst ist noch zu sagen, dass es insgesamt gibt es 1 Freiluft-Hauptbühne, 2 Zeltbühnen und noch 2 Clubzelte gibt, und die Action startet nicht vor frühestens 18 Uhr, die Hauptbühne wird überhaupt erst um 20.30 Uhr aufgesperrt, der Headliner-Act beendet seinen Gig dafür stets erst gegen ca. 3.30. In der Früh.
Die Musi - Tag 1: Abstürzende Luftschiffe, wirkungsloses Gras, MuSecure & Dirty Mani
Gerne hätte ich mir I am Kloot angesehen, wenn es zu diesem Zeitpunkt nicht Komplikationen um mein Einlass-Bändchen auszuräumen gegolten hätte. Die drei Jungs aus Manchester werden mit später erzählen, dass dies, eh klar, ihr "fucking best concert ever" gewesen sei.
Anstatt dieses also anscheinend historischen Auftrittes beginnt mein Festival Internacional de Benicàssim 2002 mit den Montgolfier Brothers auf der kleineren der beiden Zeltbühnen. The Montgolfier Brothers, das sind das Duo Mark Tranmer/Roger Quigley und ihr Live-Gitarrist Otto Smart. Bei diesem Konzert kam die böse Fratze des fiberfib zum Vorschein - technische Querelen. Anstatt dass Sänger Quigley ungestört seinen Kurs durch die majestätischen, leichtfüßigen und zugleich ungeheuer schwermütigen, Scott Walker-on-downers Orchestralpopwolken flüsternavigieren konnte, musste er sich mit ständigen Rückkopplungen und zeitweisen Totalausfällen (Mikrophon, einige Lautsprecherboxen) herumschlagen. Und dabei wirkte er eh schon so fertig mit den Nerven, den Weltschmerz seiner Zigarette entschmauchend, ein verächtliches Lächeln der Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Hört mehr Montgolfier Brothers.
Der Schnitt zu der nominellen Good-Time Gitarren-Popband Supergrass auf der Hauptbühne war kurz und heftig. Die drei aus Oxford lieferten eine solide Performance ab, nur leider ging das Publikum nicht im geringsten mit; und so war ich bei "Sun Hits The Sky" der einzige in meinem Blickfeld, der auch nur einen Muskel bewegte - und dabei frage ich mich, welches andere Lied der Popgeschichte überhaupt mehr zum Auf-und-ab Hüpfen einlädt als eben dieses?
Supergrass
Dann Muse. Bis zur Hälfte deren Auftrittes fühlte ich mich gepflegt gelangweilt, dann, heureka!, entdeckte ich wohl den Schlüssel zum Appeal dieser Band: Muse sind eine Mitmach-Band. Dies eröffnete sich mir, als ich anfing, meinerseits himmelragende Falsetto-Walkürengesänge ("Jaaaaa! Jaaaa! Jaaaaa!") anzustimmen und dazu versponnen-theatralische Bewegungen oszillierenderweise parallel zu den dargebotenen Songs durchzuführen. Es geriet alles immer mehr außer Kontrolle, und ich hatte am Ende noch einen Riesenspaß. Ähnlich hatten wohl auch viele andere gedacht, und so provozierte der Muse-Auftritt weniger einen mosh-pit als die Aufführung eines surrealen postmodernen Ballett-Musicals.
Muse
Das Wichtigste, was man zu The Cure sagen kann, ist, dass sie ihre Würde gewahrt haben. Durch die Absage der Post-Headliner Gus Gus zu einem über 2-Stunden Auftritt gezwungen, sahen sie dies als Chance, die weniger unmittelbaren Seiten ihres Sounds zu zelebrieren. So ließen sie die Hits fast ausschließlich in der Gruft liegen. An deren Stelle packten sie überwiegend Album Cuts ihrer Alben "Wish" und "Bloodflowers" aus und zogen sie noch länger, als sie es eh schon sind. Dabei förderten sie einige der normalerweise übertönten Schichten dieser komplexen Lieder zu Tage, und bauten dabei solche zwingenden Spannungsbögen auf, für die Godspeedyoublackemperor! normalerweise Lorbeeren verliehen bekommen. Eine gelungen weitläufige Operation also, nur muss man dann auch Verständnis dafür aufbringen, wenn selbst dem zähesten Goth nach einenhalb Stunden die Gliedmaßen eingeschlafen sind.
The Cure
Viele von ihnen machten sich dann auch um ca. 3 Uhr aus dem Staub, also zu der Stunde, als Ex- Stone Rose und jetzt-Primal Scream bassist Mani die Decks im "Pista Mond"-Zelt stürmte. Dieser entblödete sich nicht, prompt alte Primal Scream- und vor allem alte Stone Roses-Gassenhauer aufzulegen, und sich selbst zu dieser Untermalung unerklärlicherweise mit seinen Fingern Teufelshörnchen aufzusetzen. Es war wundervoll.
Tag 2: Ein folkiger Aufbruch, pelzige Apathie, kindliche Popmagie, befriedigte und befriedigende Radioköpfe und ein Sound wie der Urschrei
Im Falle der folkig angehauchten Rocker Departure Lounge kann ich mich nur noch daran erinnern, dass Sänger Tim Keegan in seinem Holzfällerhemd wohl recht süß aussah und so ziemlich alles und jeden mit einem charmanten Augenzwinkern anpackte - so auch die Destiny's Child Coverversion "Survivor".
Und dann der Super-Saturday auf der Hauptbühne; eingeleitet durch die Super Furry Animals, die ein Set ablieferten, das fast ident zum letztdezembrigen Wien-Gastspiel war. Also leider wieder etwas zu viele Songs aus ihrem letzten Album, zu viele "rings around the concert". Aber auch, wenn ich persönlich nach mehr altem Liedgut gegiert habe, die dramatischen und epischen Qualitäten von Stücken wie "It's Not The End Of The World" und "Presidential Suite" positionieren dieses walisische Kreativzentrum in der internationalen Rockwelt nach wie vor ganz vorne. Dem Publikum war's sowieso egal, die standen sogar bei "The Man Don't Give A Fuck" wie angewurzelt herum. Schade.
Super Furry Animals
Ganz anders bei Belle & Sebastian, die euphorisch begrüßt wurden. Angespornt durch das größte Publikum, das sie jemals hatten, bestritten sie das für mich persönlich beste Konzert dieses Festivals. Sänger Stuart Murdochs unschuldig ausschweifender Blick, gleich einem Kind, das die Wunder einer ganz neuen Welt für sich entdeckt, die Fröhlichkeit, die die schätzungsweise 10 Bandmitglieder kollektiv auszeichnete, ein Geist, wie er manch einem/r von längst vergangenen harmonischen Weihnachtsfeiern aus Kindheitstagen her in der Erinnerung vergilbt. Das kindlich-naive Grinsen auf den Antlitzen all jener um mich herum, als sie im Takt zu "Legal Man" klatschen. In diesem Lichte erschien jeder der delikaten Songs so vertraut und so nah wie, äh, "Ihr Kinderlein Kommet". Zwei japanische Mädchen kletterten nach "The Wrong Girl" unbemerkt auf die Bühne, und tanzten bis zum Schluss einfach mit. Es war die vielleicht schönste Party, auf der ich jemals war.
Belle & Sebastian
Paul Weller bot einen Querschnitt seiner gesamten Solokarriere, überwiegend rockig interpretiert. Ich fand ihn toll, weil seine Stücke erfrischend direkt daherkamen, was nach der übermäßigen Sensibilität von Belle & Sebastian und der verqueren Subtilität der Super Furry Animals für eine angenehme Abwechslung sorgte. Gitarre, Bass, Schlagzeug, fette Klaviertöne, die kraftvolle Stimme, alles da. Die meisten anderen Besucher indes wünschten ihm in Erwartung der darauffolgenden Band mit fortschreitender Dauer seines Auftritts immer mehr einen Kloß in den Hals. Der stellte sich nicht ein, dafür fiel zu einem Zeitpunkt die komplette Technik aus.
Paul Weller
Wenn man sich zum ersten Mal Radiohead gibt, ist die Erwartungshaltung zwangsläufig riesengroß. Nicht viele große Bands haben nach ihrem 10-jährigen Bestehen noch immer keinen Fuß nach Österreich gesetzt. Und diese Absenz ist es, die den Besuch einer Radiohead-Show in manchen Kreisen hier geradezu zu einem Statussymbol erwachsen lässt.
Und ich wurde nicht enttäuscht. Thom Yorke kommt auf die Bühne, mit ganz anderem Look als auf den zuletzt veröffentlichten Bandfotos (lange Haare), und guckt zu Beginn gleich mal ungemein glücklich und zufrieden drein. Als ob er gerade den besten Sex seines Lebens gehabt hätte. Und dann. Eine fantastische Darbietung von "Idioteque", "Like Spinning Plates" ebenso lebendig wie auf ihrem Live-Album, "Karma Police", "Paranoid Android", und "Just", mit dem ich ganz und gar nicht gerechnet hatte, weil es so "in-your-face" ist, so ganz anders ist als alles auf den letzten beiden Alben. "Just", auch mein persönlicher Favorit des Konzerts. Generell schien es so, als ob die Band es dem Publikum so angenehm wie möglich machen wollte. Nur miteinander gingen sie härter ins Gericht: Thom Yorke enthüllte kurz seine diktatorische Ader, als er bei "Pyramid Song" mittendrin abbrach und Colin Greenwood brüsk zurechtwies, weil er ihn aus irgendeinem Grund für eine Rückkopplung verantwortlich machte. Dieser führte dann einige Befehle seines Chefs zur Besserung der Lage aus, halb genervt, halb beschämt. Und das vor all den Leuten...
Radiohead
Nach Radiohead verzog ich mich, so wie ein großer Teil der Anwesenden, in die hinteren Reihen - ich hatte mich einfach zu sehr verausgabt, und glaubte mich für den vollen Primal Scream-Exzess nicht mehr fit genug. (Überhaupt, nach Radiohead auch noch Primal Scream nachzuschmeißen, was für ein Wahnsinn....) Und diese Einschätzung war auch vollkommen richtig, denn wäre ich das ganze Konzert über vorne gestanden, ich wäre nun tot. Explodiert und tot. Bobby Gillespie und seine Mannen, verstärkt durch Ex-My Bloody Valentine Kevin Shields, waren laut, aggressiv, brutal, brachial, wie Maschinenpistolen. Und das alles ohne allzugroße persönliche Anstrengung der Bandmitglieder - keine zerbrochenen Gitarren, oder sonstige energetische Mätzchen ihrerseits, Mr. Gillespie guckte manchmal sogar recht desinteressiert drein - die Power kam ganz allein aus dem gloriosen Aufeinanderprallen sinisterer Gitarren und unnachgiebig krachender, aber auch groovender Electronica (das Repertoire bestand nämlich hauptsächlich aus dem Xtrmntr-Fundus und den neuen Stücken von "Evil Heat"). Dieser bastardisierte Hybrid stellte sich breitschultrig hin und forderte unerbittlich zum apocalyptischen Tanz. Diese Art von Musik ist im hier und heute dazu geschaffen, sich live kicks zu holen - sie scheint dazu besser geeignet als jede andere Spielart zeitgenössischer Musik. Das extremste Konzert, dem ich jemals beigewohnt habe.
Abgerundet wurde der Abend durch ein düsteres DJ-Set von Death In Vegas' Richard Fearless. Das hat gepasst.
Primal Scream
Tag 3: Vorstellungsgespräch im Hef'n, den Motorrollern geht das Benzin aus, Möwen kratzen die Kurve, Suede hypnotisieren, die Chemical Brothers spielen Gott, Air unter der Dusche
Haven wollten das Publikum von ihrem altbackenen, pathetischen Rock überzeugen. Und das, sagten sie sich wohl, würde sich nur durch harte Arbeit bewerkstelligen lassen. Also kamen sie, um zu arbeiten. Es war dann auch ein Konzert wie ein Vorstellungsgespräch: Gut versteckte Emotion, ein großes Bemühen, sich die Job-Routine anmerken zu lassen, falsch wirkende Höflichkeit. Und falsch wirkende Rotzigkeit. Kommt auf Platte besser.
Dot Allison habe ich (neben Miss Kittin, glaub ich, wirklich die einzige Frau auf diesem Mammut-Festival.....) ärgerlicherweise wegen eines Interviewtermines verpasst.
Den Black Rebel Motorola Club hatte ich heuer schon einmal auf dem Southside Festival in einem vergleichsweise kleinen Zelt gesehen. Da waren sie frisch und erfrischend. Nachdem sie nun schon monatelang in Europa durch eher kleine bis mittelgroße Clubs getingelt sind, waren sie zwar angesichts der Zehntausenden, die sich bis halb 11 vor der Hauptbühne versammelt hatten, sichtlich bewegt, und ließen sich zu einigen emotionalen statements hinreißen. Die Tourmüdigkeit forderte jedoch schlussendlich ihren Tribut, und ich habe ihren Auftritt eher als laues Lüftchen im gedächtnis.
Black Rebel Motorcycle Club
Doves haben sicherlich ein Gespür für herzerwärmende Xylophonriffs et al. Nur sieht man diese Band eher selten auf Bildern, in Musikvideos oder dergleichen. Sie hat kein optisches Image in der Öffentlichkeit, und lässt sich auch nicht auf einen eindeutigen Frontman festnageln. Das macht sie nicht gerade zu offensichtlichen Anwärtern für den pre-Headliner Posten. Und, schade, aber ihr Konzert war denn nicht nur unglamourös, sondern auch weitgehend unspektakulär. "Weitgehend" deswegen, weil immerhin die letzte Nummer grandios geklappt hat: "Space Face" ist ein alter Cut, den sie aus den Zeiten ihrer früheren Inkarnation als Techno-Outfit Sub Sub herübergerettet haben, und dessen wuchtigen Rhythmus sie an den richtigen Stellen mit Gitarren unterlegten. Erhellend.
The Doves
Dann kamen Suede, die am Sonntag joint-Headliners mit den Chemical Brothers waren. Ich bin ein Rieeeeesen Suede-Fan, sah sie hier aber zum ersten Mal, und es war großartig. Brett Anderson hat sich die blonde Farbe wieder aus dem Haar herausgewaschen, und stolzierte so sexy umher wie eh und je - grad, dass er sich nicht, so wie in guten alten Zeiten, auf den Hintern klatschte.
Meine Zufriedenheit stand und fiel mit der Anzahl an frühen songs, die sie spielen würden, und am Ende war ich sehr zufrieden aufgrund von Darbietungen von frühen Meilensteinen wie "So Young", "Animal Nitrate", "New Generation", aber allen voran, "The Wild Ones". Ich weiß nicht, wie oft ich diese ultimativ unkitschige Herzschmerzballade schon des Nachts auf den Straßen Wiens laut den Fenstern der Häuser entgegengeschmettert hatte...diesmal ließ ich mich gerne gehen und kreischte mich in eine bewusst herbeigeführte Hysterie. Es war auch unabhängig davon eine sehr intensive Performance der Band, wobei ihr das phantastische Publikum hoffentlich den Glauben an ihre eigenen Stärken erneuert hat....
Suede
Sollte ich mir danach die Chemical Brothers geben? Ich war mir in der Pause nach Suede mit mir selbst uneins. Ich entschloss mich dazu abzuwarten. Nach 20 Minuten des Sets bekam ich aber regelrechte Angst - das war hier doch ganz anders als noch beim Set der Chemicals vergangenen Juni in Wien! Hier flippten die Zuschauer ja ganz und gar aus, und es waren wohl mindestens 20.000, die sich da dicht gedrängt außer Kontrolle shaketen. Es war auch ganz schön schwer, sich aus der Masse zu entfernen, nur am Rande des Geländes gab es überhaupt noch Platz, um einen Fuß vor den andern zu setzen. Ich verfolgte den Rest des Farragos aus sicherer Distanz. Der Mix war nur leicht modifiziert von dem in Wien, erzielte aber eben sichtlich andere Effekte. Also sahen Tom und Ed Chemical herab, und sie sahen, es war gut, und so waren sie zufrieden mit ihrem Werke. Es hatte sich gelohnt, zum 5. Mal in 7 Jahren erschienen zu sein, die Chemicals sind hier schon so etwas wie Lokalmatadoren.
Ich muss zugeben, dass ich bis zum Auftritt von Air schon zurück am Campingplatz war (akuter Müdigkeitsanfall). Und auf die Gefahr hin, arrogant zu klingen, es hat doch schon etwas, wenn man sich zu "Kelly Watch The Stars" duscht, und die Musik dazu nicht aus der Konserve kommt, sondern einem "extra" live gespielt wird.
Chemical Brothers
P.S.
Die Auswahl der Acts, deren Shows ich mir angesehen und hier kommentiert habe, unterliegt natürlich meinem subjektiven Musikgeschmack, und der ist, wie wohl ersichtlich, (Gitarren-)Rock/poplastig. Es soll aber nicht der Eindruck entstehen, als ob es auf dem Benicàssim nur rock thrills gäbe, im Gegenteil: Für Liebhaber der Sorte state-of-the-art electronica, die zuletzt so trendig als "Electro-Clash" bezeichnet wurde, war dieses Festival mit u. a. Felix da Housecat und Miss Kittin & The Hacker ebenso das richtige Ticket wie für Freunde des Berliner Techno-Minimalismus (Pole, Jan Jelinek). Allein HipHop und R'n'B waren bei fiberfib eindeutig unterrepräsentiert. Aber diese beiden Musikrichtungen auch noch adäquat ins das Programm zu integrieren, das käme schon einem Weltwunder an Kulturverständigung gleich. Und wir wissen ja alle, was den Erbauern des Turms zu Babel seinerzeit widerfahren ist. Amen.