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Wien | 20.2.2004 | 17:05 
Die Stadt als Spielplatz: vom Auswandern und Einwandern, von der Mitte bis zum Rand - und zurück.

Hedi, Schoenswetter

 
 
Holland's Pride
  So manches, was in Sachen (Ess-)Kultur anfangs unwichtig und verallgemeinernd klingt, stellt sich bei näherer Betrachtung als wichtig und zumindest historisch durchaus nachvollziehbar dar. Kulturelle Unterschiede werden oft durch Gewohnheiten manifest und liefern auf - im wahrsten Sinne des Wortes - untrockene Weise Links in die Vergangenheit und Einblicke in die persönliche Zukunft. Ich zum Beispiel kann mir ein Leben ohne Vla nicht mehr vorstellen.
 Der Schleier
 
 
Aus der Zentrifuge ...
  Vla ist schlichtweg umwerfend. Punkt, schluck. Vla ist eines der wenigen Genussmittel, deren Anwendung Amsterdam-BesucherInnen zurück am platten Land nicht in Verlegenheit bringt (sondern höchstens fragende Mienen). Dabei lässt sich die zähflüssige Masse aus Milch und Maismehl ganz und gar nicht als psychoaktiv oder anderweitig stimulierend bezeichnend. Vla ist eher der süße Schleier, der sich über gereizte Enden der Atemwege genauso wie trübe Mienen legt. Braun, weiß, gescheckt oder sogar orange.

 Ham, lecker!
 
 
... in die Regale
  Vla ist (fast) ständig verfügbar und verliert trotzdem seine Reize nicht. Die Kühlregale in den Supermärkten biegen sich unter allerlei verschiedenen Sorten, Farben, Geschmäckern und Packungsgrößen.

 Chose right!?
 
 
Reim in der Tube - Pudding aus dem Packerl
  Vla ist Pudding in der Packung, gemein verkürzt ausgedrückt. Dabei ist Vla doch viel mehr als die Liebe vom Land, Vla ist Religion. Oder zumindest ein wohlschmeckendes Ergebnis religiös geprägter Ernährungsgewohnheiten. Über die Jahrhunderte hat sich nämlich in den Niederlanden eine ausgeprägte und selbstbewusste Nachspeisenkultur entwickelt, teilweise aus Gründen der jeweiligen Bibelinterpretation, teilweise schlichtweg aus Mangel an Hauptspeisen. Noch heute geben Menschen in den Niederlanden vergleichsweise wenig Geld für Ernährung aus - als sättigende und preisgünstige Quelle für extra Kalorien und Eiweiß passt der Vla prima ins Konzept.

 
 
Drei Wünsche auf einmal?
  Vla ist flexibel. Vla lässt sich in den unterschiedlichen Erscheinungsformen beobachten. Die Stichprobe im Supermarkt gleich neben dem Dam ergab folgende Bandbreite an Vla-Variationen: die Klassiker Schoko, Vanille, Hopjes (denk an Kaffee, denk an Karamel, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen) und Mocca. Weiter oben die junge Garde der friesischen, mit Schokobolletjes (denk an kleine Schokolademurmeln, die nicht in der Hand, sondern im Mund zergehen) aufgemotzten Nobelvlas.

 Der Klassiker
 
 
Vla fördert die Wahrnehmung
  Vla bildet. Denn abgesehen von der Wahl der verbrauchsadäquaten Packungsgröße sollte man auch das Wetter beobachten, welches nun draußen, vor den Türen des supermärktlichen Anwesens herrscht. Wenn's draußen regnet (Anmerkung: halt, das ist in Amsterdam eigentlich ein ungünstiger Indikator für die Jahreszeit) oder schneit, sollte man an den/die SofasurferIn in sich denken und zum Winter-Vla greifen: Bitterkoekjes, Birne und Karamel heischen um des experimentierfreudigen Vla-Essers Gunst und zugreifende Hand, beige Wintertöne auf den Packungen sollen Lust auf Harmonie, Wärme und Familienfest machen. Gegen Durst gibts Drinkvla, gegen den großen Hunger Schep-Vla mit der Extraportion Schlagobers und gegen schlechtes Gewissen Light-Vla. Auch die Tageszeitung sollte in der Einkaufstasche parat liegen, denn werden Königskinder geboren, gibts Oranje-Vla mit Orange-Geschmack (wie originell!). Und ich bin mir sicher, dass auch rechtzeitig zur Fußball-Europameisterschaft im Sommer oranger Vla wieder hoch im Kurs stehen wird.

 ... und der ist auch ein Klassiker, ja
 
 
Gegessen, nicht getrunken
  Die Zutaten Milch und Maismehl lassen auf den nicht benötigten Einsatz der Kaumuskulatur sowie der Zähne schließen, ein Umstand, der sich auch beim handelsüblichen niederländischen Brot feststellen lässt. Vla wird aber, gegen landläufige Meinung und die trügerische Erscheinungsform im Packerl, nicht getrunken, sondern gegessen. Wer also des Sommers durch die Stadt wandelt und außergewöhnlich große Lust auf süße, zähflüssige Nahrung verspürt, der/die möge doch bitte von Zuhause ein Löffelchen mitbringen und den Vla am Dach des zuvor aufgesuchten Beschaffungsortes am Museumsplein verspeisen.

 Das Werkzeug
 
 
The boundaries of good taste ...
  Aber: einfach Packerl aufreißen und Inhalt runterschlucken, das geht schon mal gar nicht, das machen nur AnfängerInnen. So liberal ist Amsterdam dann auch nicht. Aber wie über so vieles hier wird auch über die unterschiedlichen Methoden des Vla-Konsums im Falle des Falles das Mäntelchen des Schweigens geworfen und über so manchen faux pas hinweg gesehen.

 Für die RockerInnen ...
 
 
Fragen über Fragen
  Kann mir bitte mal jemand erklären, warum Vla schon zwei Zugstunden ostwärts nicht mehr in den Kühlregalen zu finden ist? Haben Menschen außerhalb des Königinnenreichs einfach nur mehr Hauptspeise am Teller oder auch weniger Bedürfnis an dickflüssigen Süßpeisen? Wie konnte ich ohne Vla mein Auskommen finden? Warum nur kennt in Österreich kein Mensch Vla? Lässt sich Kultur exportieren, wenn sie so zähflüssig daherkommt?
 
 
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