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Wien | 4.10.2004 | 16:48 
Die Stadt als Spielplatz: vom Auswandern und Einwandern, von der Mitte bis zum Rand - und zurück.

Hedi, Schoenswetter

 
 
Die Mauer: revisited
  Vor kurzem war ich in Berlin, schwache sechs Stunden Zugfahrt von Amsterdam sind ja fast ein Katzensprung, den ich noch ausnutzen musste. Ich nahm in diesem Fall auch gerne die indirekte Route in Kauf, vor allem weil man beim Umsteigen im Ruhrpott so fein die deutschen Bahnhofskioske auf ein paar lange versäumte Zeitschriften abgrasen kann. Aber eigentlich bin ich ja nach Berlin gefahren, um endlich mal die Mauer zu sehen.
 
 
 
  Jedenfalls stand ich dann müde, aber up-to-date in Berlin, am Alex(anderplatz). Und schräg neben der famosen Weltzeituhr stand sie dann in der Abendsonne, die Mauer.
 
 
  Copyright: Cord Pagenstecher
 
 
Die neue Mauer
  Eine Mauer? Am Alex? Naja, nicht diese Berliner Mauer versperrte mir die Sicht, der "antiimperialistische Schutzwall" steht ja seit gut 15 Jahren nicht mehr. Die neue Mauer ist eine Ausstellung und ein Symbol. Kurz nach dem Abriss der Berliner Mauer wurde Anfang der 1990er Jahre nämlich eifrig an einer neuen Mauer gearbeitet, diesmal nicht, um Menschen in einem Land einzusperren, sondern um sie aus der Festung Europa auszusperren. Die Grenzen dieser Festung verlaufen nicht mehr mitten durch Berlin und Deutschland. Die neue Mauer zieht sich von den Wellen vor Gibraltar über das italienischen Inselchen Lampedusa und das Minenfeld zwischen der Türkei und Griechenland, bis hinauf zu den neuen Ostgrenzen der EU. Die neue Mauer trennt das "reiche" EU-Europa vom "armen" Rest.
 
 
 
  Baut da jemand die Mauer wieder auf?
 
 
  Copyright: Cord Pagenstecher
 
 
Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!
  Das meinte zumindest Walter Ulbricht im Sommer 1961, bevor dann wenige Wochen später die Berliner Mauer aufgebaut und die Grenzen geschlossen wurden. Der Mann war zu diesem Zeitpunkt übrigens DDR-Staatschef. Und heute? Haben die EU-Staaten etwa die Absicht, eine Festung Europa zu errichten?
 
 
 
Schengen macht's möglich
  Wie erleben wir heute die Grenze, die den reichen Teil Europas von der Armut und illegaler Einwanderung abschotten soll? Eigentlich gar nicht, ohne Zwischenstopp ans Meer oder zum Oktoberfest. Schengen macht's möglich, unbeschränkte Bewegungsfreiheit wird für the lucky few, also "uns" EU-BürgerInnen, großgeschrieben.
 
 
 
Die Festung Europa
  Und der Rest der Welt? Wer sich von den fast unerfüllbaren EU-Asylkriterien nicht abschrecken lässt, der (oder die) versucht es mit der sogenannten illegalen Einreise in die EU, mit dem Schiff nach Gibraltar etwa oder im Lastwagen versteckt nach England oder durch die Wälder ins Burgenland. Der Flüchtlingsstrom nach Europa wird nicht abreißen, je schärfer die Asylpolitik der EU-Staaten agiert, desto mehr "Illegale" riskieren den gefährlichen Weg über Meer, Stock und Stein.


 
  Copyright: Cord Pagenstecher
 
 
Mindestens 5.000 Tote
  Viele bleiben aber schon an den Mauern der Festung Europa hängen. Im Sommer sind hunderte afrikanische und asiatische Flüchtlinge vor den Küsten Italiens und Spaniens ertrunken, insgesamt hat UNITED seit 1994 mehr als 5.000 dokumentierte Tote an den Grenzen Europas gezählt. Die Dunkelziffer liegt wesentlich höher.
 
 
 
  Zurück zur Mauer am Alex. MitarbeiterInnen des Instituts für Nomadologie und der Berliner Geschichtswerkstatt erklärten den oft verdutzt blickenden BetrachterInnen den Sinn und Zweck der Aktion und ließen die Interessierten mit inszenierten Grenzkontrollen einen Hauch Fortress Europe einatmen. Videoinstallationen, Listen, Bilder und eine abschließende Demonstration erinnerten an die Opfer der neuen Mauer, innerhalb und außerhalb Europas.
 
 
 
Und wozu das ganze?
  Eine Mauer am Alexanderplatz in Berlin, das lenkt Aufmerksamkeit auf das Thema, das hinter dem grauen Ungetüm steckt und nur dann Beachtung erfährt, wenn die Schiffe der Flüchtlinge schon sinken. Die InitiatorInnen vom Institut für Nomadologie und der Berliner Geschichtswerkstatt haben es jedenfalls geschafft, das Thema der neuen Mauer dorthin zu bringen, wo es hingehört: in die Köpfe der Menschen.
 
 
  Copyright: Cord Pagenstecher
 
 
  Im Gegensatz zur echten Berliner Mauer wurde das Imitat am Alexanderplatz schon nach zwei Tagen wieder abgetragen. Die Mauer rund um Europa bleibt aber vorerst, wo sie ist.
 
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