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Wien | 1.1.2005 | 16:06 
Die Stadt als Spielplatz: vom Auswandern und Einwandern, von der Mitte bis zum Rand - und zurück.

Hedi, Schoenswetter

 
 
Die Stadt, die es nicht gibt
  "2004 wird mein Jahr!" hatten mir vor genau einem Jahr unzählige Plakate einer großen Bank entgegengerufen, oben zwischen Nord- und IJsselsee. Aber besonders gut gelaufen, so en gros, ist die niederländische Version des Jahres wohl nur für Pim Fortuyn, der vor zwei Jahren ermordete Politiker wurde nämlich posthum von den angry white men zum GröNaZ gewählt. Das real existierende gesellschaftliche Klima in den Niederlanden gehört hingegen zu den großen VerliererInnen 2004, sein sichtbarstes Opfer wurde der Regisseur Theo van Gogh, auf offener Straße erschossen von einem fanatisierten muslimischen Amsterdamer.

Doch so plötzlich, wie es von außen scheint, rollte die Welle der Intoleranz und des Konflikts nicht auf die dünnen Deiche und Dämme der Amsterdamer Gesellschaft zu, die Vorboten waren selbst für mich vorübergehend Zugereisten das ganze Jahr über irgendwie zu spüren.
 
 
Klammheimliche Freude
  Als am 2. November die Schüsse auf Van Gogh fielen und wenig später sowohl Moscheen als auch Kirchen in Flammen standen, wusste es mit einem Schlag ganz Europa ganz genau: Multi-Kulti-Land sei abgebrannt, die sagenumwobene niederländische Toleranz gescheitert. Überall wurden Kommentare zum Krisenland Holland verfasst, angesiedelt meist irgendwo im Niemandsland zwischen Häme und klammheimlicher Freude. PolitikerInnen, denen scheinbar genau ein Beweis für ihre Thesen gefehlt hatte, konnten nicht umher, mit Holland als warnendem Exempel zu wedeln und ihrer WählerInnenschaft zu demonstrieren, wohin Migration und "Multi-Kulti" ihrer Meinung nach zu führen hat.

 
 
Sie wollen uns erzählen...
  Während meiner Zeit in Amsterdam hab ich von dieser mythisch verklärten, angeblich so erdrückenden Toleranzgesellschaft wenig gemerkt, ganz im Gegenteil. Konflikte wurden nicht etwa im Sinne einer -unterstellten- falschen Toleranz verschwiegen, sondern offensiv diskutiert, nicht nur in meinem selbstgewählten, geschützen Umfeld, sondern auch im Supermarkt gegenüber oder im Coffeeshop ums Eck. Nicht multi-kulti sollte es idealerweise sein, sondern interkulturell, miteinander statt nebeneinander in der toleranten Gesellschaft.


 
 
If you tolerate this...
  Wenn jetzt von deren Scheitern gesprochen wird, dreht sich der Diskurs fast ausschließlich um den muslimischen, genauer: den marokkanischen Teil der Gesellschaft, dessen Integration so folgenreich gescheitern zu sein scheint. Da hört man von grassierendem Antisemitismus, der marokkanischstämmige Jugendliche dazu bringt, jüdische Metro-Benutzer zu bespucken und anzugreifen und mit den Grabkränzen am Befreiungstag Fußball zu spielen. Als Rechtfertigungsvehikel dient -wie so oft- auch hier der Konflikt im Nahen Osten.

Eigentlicher Hintergrund ist für den Amsterdamer Stadtsoziologen Paul Scheffer aber die fatale Situation junger Einwandererkinder marokkanischer Eltern in den Niederlanden: schon in der dritten Generation im Land, sehen sie sich noch immer mit einem eklatanten sozialen und wirtschaftlichen Rückstand konfrontiert, mehr als ein Drittel der jungen "Allochtonen" ist arbeitslos.
 
 
 
Emanzipation vs. Anpassung?
  Populäre role models gäbe es durchaus, Fernsehmoderatoren mit Migrationshintergrund und PolitikerInnen wie die rechtsliberale Parlamentsabgeordnete Ayaan Hirsi Ali oder der marokkanischstämmige Amsterdamer Vizebürgermeister Ahmed Aboutaleb wirken auf viele der desillusionierten Jugendlichen aber wohl eher wie die Verkörperung des angepassten, assimilierten Einwanderers. Insofern wundert es nicht, dass gerade letztere nach dem Mord an Theo van Gogh massiv bedroht wurden.

Dass viele der jungen Amsterdamer Muslime in den lokalen Moscheen und islamischen Schulen radikalen, staatlich engagierten marokkanischen Predigern und Lehrern lauschen, wie Tahar Ben Jelloun im neuen Le Monde Diplomatique beschreibt, dient nach dem Mord am exhaltiert islamkritischen Theo van Gogh aber als geradezu unvermeidbar verlockende Gelegenheit für polemische oder vernünftige Debatten über Integration und Förderung muslimischer MigrantInnen.
 
 
 
Amsterdam als Terrorziel
  Besonders in den Tagen und Wochen nach dem 11. März und den Anschlägen auf Pendlerzüge in Madrid wurde die öffentliche Diskussion von Konfusion und Verunsicherung bestimmt. Am Königinnentag brachte es eine Urban Legend auf Kosten so manches Neverkostüms zu Headline-Ehren, kurze Zeit später wurde ein Zusammenstoß zweier Züge in der Amsterdamer Centraal Station von Ohrenzeugen instinktiv als Bombendetonation (fehl-)interpretiert.

Überhaupt sah sich Amsterdam 2004 als wahrscheinliches nächstes Ziel des islamistischen Terrors. Fatalistisch oder nicht, im Frühjahr wurde die allgemeine Hysterie mit regelmäßigen Bombendrohungen inklusive spektakulärer Evakuierungen großer Bahnhöfe in Amsterdam und Den Haag noch verstärkt. Sprengkörper wurden zum Glück zwar keine gefunden, Gründe, warum gerade die Niederlande ein Ziel für Terror abgeben sollten, dafür genügend, schließlich fungieren die Niederlande als Verbündete der USA im Irakkrieg und schlagen in Rotterdams Hafen einen Gutteil der europäischen Ölreserven um.

 
 
Akzeptanz statt Toleranz
  Der Weg zum 2. November erscheint im Nachhinein also wie vorgezeichnet, die Öffentlichkeit fühlte sich ebenso gewarnt und gewappnet wie der ermordete Regisseur.

Das Attentat auf den fahrradfahrenden Van Gogh im Herbst hat die Niederlande trotzdem völlig überraschend getroffen, auch die darauf folgenden Brandanschläge auf Moscheen und Kirchen konnten nicht verhindert werden, der gespannten Stimmung und den warnenden Geheimdiensten zum Trotz.

Eine handfeste Erklärung, warum die Dämme gerade hier und jetzt gebrochen sind, 911 Tage nach dem 11. September 2001 und knapp zweieinhalb Jahre nach dem Mord an Pim Fortuyn, gibt es nicht, gutgemeinte Ratschläge und Theorien dafür umso mehr.

Wenig konkret, recht kryptisch, trotzdem mein Favourite davon: Es liegt nicht an einem Zuviel an Toleranz, dass aus der erhofften friedlichen, interkulturellen Gesellschaft nichts werden konnte, schuld ist eher ein Zuwenig an Akzeptanz.

Aber das wäre, soviel steht fest, keine ganz neue Erkenntnis im Amsterdam des Jahres 2004.

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  Die Fotos entstanden übrigens im Dezember 2004 am Weg vom Westbahnhof zum Museumsquartier in Wien. Rassistische Schmierereien können und sollen bei ZARA gemeldet werden, manchmal reicht Antworten nämlich nicht aus.
 
 
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