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Wien | 15.12.2002 | 10:09 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Lesestoff: 'Them'
  Sind Verschwörungstheorien nicht einfach ein Weg, sich die Welt aufregender und zugleich übersichtlicher neu zu erfinden? Anstatt der Auseinandersetzung mit immer komplexeren Strukturen in Ökonomie und Politik ist es doch Gänsehaut erregender, an eine dunkle Gruppierung zu glauben, die geheim sämtliche Fäden zieht. Die alle Mächtigen des Globus kontrolliert. Die sich regelmäßig an einem versteckten Ort trifft, um unser Schicksal zu planen.

Von derartigen Überlegungen bis zum Punkt, wo die Verschwörungstheorie zum Religionsersatz wird, ist die Grenze fließend. Immerhin steht hinter der Angst vor außerirdischen Invasoren und Mottenmännern ja auch die Überzeugung, es gebe ein ein Leben da draußen im dunklen Nichts. Das ist doch schon was in so gründlich entzauberten Zeiten wie diesen. Ob es die Wahrheit ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber Wahrheit, höre ich bereits die Hobby-Paranoiker flüstern, ist ohnehin nur ein mediales Konstrukt, gesteuert von wahlweise Illuminaten, Freimaurern oder Aliens.
 
 
Ein lustiges Buch über gefährliche Leute
  Ganz egal, wie skeptisch man selbst zu abstrusen Konspirationsgeschichten steht, es gibt Menschen, die sind bereit, dafür über Leichen zu gehen. Und zwar nicht erst seit dem 11. September des Vorjahrs. Die Angst vor der 'New World Order', einer internationalen Verschwörung aus westlichen Wirtschaftsmagnaten und Spitzenpolitikern, trieb bereits den Oklahoma-City-Bomber an. Sie speist militante Rednecks in den amerikanischen Wäldern ebenso wie islamische Fundamentalisten. Zieht man den latenten Antisemitismus dieser Fraktionen ab, kämpfen nicht wenige radikale linke Globalisierungsgegner gegen den selben Feind.

Der britische Journalist Jon Ronson, Mitarbeiter von Channel 4, BBC und diversen Zeitungen, wollte herausfinden, wie Extremisten ticken. Was sie antreibt. Wo die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit liegen. "Am Anfang stand die ganz banale Motivation, ein lustiges Buch über gefährliche Leute schreiben", erzählt Jon am Telefon. "Ich habe über die Jahre viele Extremisten getroffen und fand es komisch, mit ihnen abzuhängen. Sie waren überraschend und irgendwie viel menschlicher als erwartet." Dieses Statement deutet bereits an, dass es sich bei 'Them' nicht um ein trocken-investigatives Werk handelt. Ganz im Gegenteil.

 
 
Us and Them
  "I wanted to join them as they went about their everyday lives", schreibt Jon Ronson im Vorwort. "I thought that perhaps an interesting way to look at our world would be to move into theirs and stand alongside THEM while they glared back at us." Der Autor nimmt seine Absicht sehr ernst. Seinen feinen Humor verliert er aber auch nicht, als man ihn in einem Jihad-Camp als Jude enttarnt und beim Ku Klux Klan bittet, eine Kapuze aufzusetzen.

Was nicht heißen soll, dass Ronson in irgendeiner Weise das derangierte Personal verharmlost, das sich in 'Them' so tummelt. Vielmehr demystifiziert der Bestseller seine Protagonisten, reißt ihnen die bedrohliche Schutzmaske vom Gesicht. Mit Omar Bakri, dem Chef der extremsten islamistischen Zelle in London und Anhänger von Bin Laden, geht der Autor Windeln kaufen. Mit rechtsradikalen Waffennarren guckt er Walter Matthau-Videos. Anders aber als sein Kollege Michael Moore ('Bowling for Columbine') versucht Ronson, SIE nicht nur bloßzustellen. Er will auch verstehen, wie es sich am Rande der Gesellschaft anfühlt. "Ich glaube in jeder Situation, Leuten auf einem menschlichen Level gegenübertreten zu müssen. Insofern bin ich wirklich ziemlich naiv, ich versuche mit allen auszukommen, auch wenn es sich um Klan-Anführer handelt."

 Jon Ronson
 
 
The secret rulers of the world
  Eine Haltung, die Ronson so tief ins Herz der Finsternis treibt, dass er zeitweilig den Boden unter den Füßen verliert. Mitten in den Recherchen passiert nämlich eine Wendung, die das Buch in eine andere Richtung treibt: "All diese Leute - ob Neonazis oder Fundamentalisten - waren von der selben Leidenschaft erfüllt, dieser bestimmten Verschwörungstheorie, von der ich noch nie gehört hatte. Dass es einen 'secret room' gibt, von dem die Welt aus regiert wird. Sie fragten mich, ob ich jemals was von den Bilderbergern gehört hatte. Ich dachte, das hätte was mit der Area 51 und UFOs zu tun, irgendwas in die Richtung. Ich habe mich eben nie für Verschwörungstheorien interessiert, geschweige denn, ihnen ernsthaft geglaubt."

Ronson sieht plötzlich eine weitere Aufgabe, er will den Extremisten ihre Vision nehmen. Mit dem Macher einer durchgeknallten Website reist er nach Portugal, um die angebliche Bilderberg-Gruppe bei einem Treffen zu stellen. Bald hat er ein Problem: Das Meeting findet wirklich statt, Konzernbosse und diverse Politiker reisen in dicken Limousinen an. Und der freundliche Channel 4-Journalist wird von schwarzgekleideten Bodyguards durch die Stadt gejagt...

 Behauptet in 'Them' die Welt wird von Reptilien regiert: der ehemalige BBC-Sportmoderator David Icke
 
 
The Way Things Are Done
  Die Bilderberg-Gruppe, so Jon Ronson im Buch, wurde 1954 ins Leben gerufen, Industrielle wie David Rockefeller oder auch der damalige niederländische Prinz Bernhard gehörten zu den Gründern. In den folgenden Dekaden wurden gern mal Gäste wie Margaret Thatcher oder Bill Clinton zu den streng geheimen Sitzungen in Nobelhotels eingeladen, alle wohlgemerkt vor ihren Wahlkandidaturen. "Ich denke, sie haben Einfluss", meint Jon. "Sogar mehr, als sie selber annehmen. Ich glaube, die Bilderberger sind eine Verschwörungsgruppe, ohne es wahrhaben zu wollen, denn das macht einfach ihr Leben aus: verschwörerische Treffen."

Während die verschiedenen Interviewpartner in 'Them' die Bilderberger wahlweise für jüdische Satanisten oder außerirdische Reptilien halten, sieht Ronson die Sache natürlich anders. "In der Praxis sieht das so aus: Die Bilderberger sitzen zusammen und beraten über Themen wie den Irak, Serbien und so weiter. Dann formt sich eine gemeinsame Meinung und wenn die einzelnen Mitglieder wieder in ihren politischen Alltag zurückkehren, dann fließt diese Meinung dort ein. Sie beeinflusst dann Entscheidungen in der WTO oder innerhalb der G-8 oder wo auch immer."

 Von schwarzgekleideten Bodyguards durch Portugal gejagt: Autor Ronson
 
 
Alte Männer treffen sich im Wald
  Letztendlich ist 'Them' ein selten faszinierendes Buch über verwirrte Zeiten wie diese. Wo klassische Ideologien einerseits am Ende zu stehen scheinen und anderseits neue, bizarre Positionen entstehen. Die rechten US-Milizverschwörer gegen den rechten Präsidenten Bush und gegen CIA und FBI. Der neue, marketingorientierte Ku Klux Klan-Lite gegen den alten Lynchjustiz-Klan. Rechte und Linke und islamische Kämpfer gegen die Globalisierung, USA und Israel. "When I was coming up, it was a dangerous world", zitiert Ronson ironisch den US-Präsidenten im Vorwort, "and you knew exactly who they were. It was us vs. them, and it was clear who THEM was. Today, we are not so sure who they are, but we know they're there."

We know they're there, genau. Wo sich Mr. Bush dagegen jedes Jahr zum Sommerbeginn aufhält, hat Jon Ronson auch rausgefunden. Mit tausenden anderen Veteranen aus westlicher Wirtschaft und Weltpolitik pinkelt er in einem Waldgebiet in Kalifornien gegen die Bäume. Dort, in Bohemian Grove, findet ein mystisches Geheimtreffen statt, das im unfassbaren Schlusskapitel von 'Them' erstmals beschrieben wird. Unser Mann von Channel 4 hat sogar versteckt gefilmt: "Mir kommt es rückblickend unwirklich vor, dass Henry Kissinger oder George W. Bush da Seilziehen spielen oder mit Fackeln durch den Wald marschieren, um dann eine riesige Steineule anzubeten. Ich hab das alles beobachtet."

 Seltsame Rituale in Bohemian Grove...
 
 
  Jon wird nachdenklich am Telefon. "Wenn ich heute zurückdenke, schockt mich besonders die Tatsache, dass da alle diese alten Männer dämonisch kichernd zusammensaßen und die Zeremonie beobachteten, während sie sich an den Händen hielten. Warum begeistern sich die Supermächtigen so sehr für esoterischem Hokuspokus? Warum glauben die alle an diesen verrückten Nonsens?" 'Them' gibt keine Antworten darauf, wirft aber Fragen auf, die den Blick auf die Realität doch ein klein wenig verschieben.

Jon Ronson: 'Them: Adventures With Extremists' (Picador Books)

 Politiker bei Fackelspielen in der Wäldern...
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