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Wien | 27.12.2002 | 09:19 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
rewind.2002<<Pop eats itself
  Pop Will Eat Itself hat sich mal eine Band in den Achtzigern bemüht prophetisch genannt. Inzwischen hört sich das schrecklich nostalgisch an. Denn wie oft hat sich Pop nicht schon selbst gefressen und wieder ausgespuckt? Wieviel Pop ist zwischen hirntoten MTViva-Awards, Castingshows und Star-Manufakturen überhaupt noch möglich? Ein Begriff, der irgendwann mal für ein utopisches Rückzugsgebiet aus der muffigen Wirklichkeit gestanden ist, für eine imaginäre Zone, wo lauter gelebt, intensiver getanzt und vor allem befreiter gedacht wird als im tristen Alltag, ist zum schmutzigen Wort geworden.

"Es gibt keine Erkenntnis. Keine Rettung. Nur Ware und Entwertung", schreibt Paul Poet im neuen "Skug" zum Thema Pop-Politics. Gerade aus diesem Gefühl des Eh-schon-alles-wurscht heraus passierte 2002 dann doch etwas. Natürlich keine Revolution, kein Erdbeben. Aber ein paar kleine tektonische Verschiebungen in Entertainment-Land.
 
 
Hallo, schimmliger Proberaum
  Ganz viele Bands, die sich alle ein "The" vor den Namen klebten, versuchten mit klirrendem Feedback gleich mehrere Generationen aus der Post-Millenniums-Narkose zu holen. Das funktionierte zum Teil ganz prächtig. Turntables wurden heuer hipnesstechnisch gegen Verstärker getauscht, Gott war plötzlich kein DJ mehr, sondern ein vielköpfiges Wesen, das in einem schimmligen Proberaum hauste.

Wobei die obsessivsten und fiebrigsten Sounds dann erst doch nicht von The Datsuns, The Hives oder The Vines kamen, sondern von Gruppen ohne "The" im Vorspann: Siehe die Liars und Yeah Yeah Yeahs, beide miteinander verbandelt, aus New York und um den Thron der besten Livecombo des Planeten kämpfend. Wer jetzt noch Interpol dazuzählt, ebenfalls aus dem großen Apfel, darf bei G wie Gitarre auch an G wie Gänsehaut denken.

 
 
Hallo, Electro, Sex und Glamour
  Eine Gänsehaut konnte man plötzlich auch wieder dort kriegen, wo zuletzt eher Konformität und Berechenbarkeit regierten: im Club. Das verdankte sich Freigeistern wie DJ Hell, Miss Kittin, oder Black Strobe, die ihre Technosozialisation mit einer frisch entdeckten wilden Lust auf Melodien mischten. Das antiseptische, ausgelutschte, beliebige P-Wort poppte wieder ordentlich, bis der inflationäre Stempel "Electroclash" die guten Kräfte wieder zurück ins Labor trieb.

2003 werden sie von dort sicher mit neuen, elektrisierenden Forschungsergebnissen zurückkehren. Was auch für österreichische Jungforscher wie Twinnie, Princess Him oder Satellite Footprintshop gilt. Sie brachten bereits heuer Glamour, Sex und einen gewissen Punkspirit auf euphorische Weise zurück ins heimische Nachtleben. Und verknüpften die Clubkultur auf selbstverständliche Weise mit dem Bandmodell. Das gelang hier ansonsten wieder nur den Sofa Surfers überzeugend, die sich mit ihrem "Encounters"-Programm selbst übertrafen.

 
 
Hello punk, do you feel lucky?
  Apropos Punkspirit. Der war ja auch allgegenwärtig, weil 25 Jahre "God save the Queen" und die Gift- und Gallespuckereien der Sex Pistols, blablabla. Wobei sich gleichzeitig wichtige Veteranen verabschiedeten (Johnny Rotten in Richtung Altersdemenz, Dee Dee Ramone und Joe Strummer ins Jenseits) und andere wie Wire triumphal aus der Versenkung kamen. Siehe im deutschen Sprachraum auch das neue Album der Fehlfarben.

Das Comeback der letzteren verdankte sich einem neongelben Büchlein, das tatsächlich den Geist von Punkrock und New Wave kondensierte: "Verschwende deine Jugend" von Jürgen Teipel. Klar setzte diese Interviewsammlung die Nostalgiemaschine in Bewegung, mit Ausstellungen, Film- und Theaterprojekten. Aber das Buch hinterlässt abseits davon vor allem ein brauchbares Motto für die Gegenwart: Scheiß dir nix. Don't care. Erfinde dir deine eigene Existenz. In diesem Sinn strahlte Punk als Idee (und nicht als Sound) auf unterschiedliche Musiker wie Alec Empire, Primal Scream, Dälek oder Terranova ebenso aus wie auf Künstler, Filmemacher und Freakshows wie "Jackass".

 
 
Hallo Pop, darf ich dich bastardisieren?
  Zugegeben, sämtliche bisher erwähnten Erschütterungen des Hier und Jetzt kamen ausnahmslos aus der Vergangenheit. Brandnew is still retro und umgekehrt. Wie im Zeitreise-Thriller "Donnie Darko", einem der schönsten Filme des Jahres, wo vergangene Ereignisse die Gegenwart und Zukunft manipulieren, steuern uns noch immer die Gespenster des Sixties-Garagenrock, des Seventies-Punk und des Achtziger-New Wave.

Im Gegensatz zum Revival-Kater anno 2001 funktionierte der Umgang mit dem popkulturellen Geschichtsgut aber kreativer, eigenständiger und anarchischer. Allerbestes Beispiel: der Londoner DJ Erol Alkan mit seinem Trash-Club oder die belgische Band Soulwax, die sich als 2manyDJs verkleidete. Sie pulverisierten die besten Ingredienzen aus diversen Dekaden Disco, Rock und Hip Hop und vermixten sie mit Chartsfutter und aktuellem Electrogeclashe zu einem explosiven Tanzbodencocktail. Bastard-Pop brachte den Pop zurück zu seiner größenwahnsinnigen, kurzlebigen Essenz und rettete ihn eine Saison lang aus den Fängen der Castingshow-Strategen. Bis dann auch Kylie ihren Popo zum Bootlegger-Beat bewegte.

 
 
Hallo zum Kuscheln in der Krise
  Erklären konnte heuer die Allgegenwärtigkeit der Vergangenheit, ob in Rawk'n'Roll, Electro, Bastardpop oder Vintageklamotten, sogar jeder Soziologiestudent im ersten Semester. Inmitten einer Welt, die bis zu den Knien im Flutwasser steht, wo der Kopf vor Kriegsangst schwirrt und der Bauch von der Krise knurrt, wollen es alle möglichst wohlig. Erinnerungen an angeblich bessere Zeiten spenden diese Wärme, am liebsten gleich ganz weit zurück in die Kindheit und den Mutterbauch. Deshalb wird es auch 2003 weiterhin Comicverfilmungen galore geben, Hobbits und Elfen, Monster und Maschinenmenschen. Filme, gedreht von ewigen Kids wie Sam Raimi und Peter Jackson, die endlich die kühl kalkulierenden Spielbergs und Lucas ablösen.

"Wir leben im größten Gefühl der Unsicherheit ever", schrieb heuer 'The Face' irgendwann. "Die Welt ist aus den Angeln geraten und wir auch. Die kollektive westliche Psyche ist süchtig nach allem geworden: Alkohol, Drogen, Sex, Ruhm, Schönheit, Thrills, Geld, Erfolg, dem eigenen Spiegelbild." Der Gegenpol zur ultracoolen Abgeklärtheit, die oft schon 17-Jährige erfasst hat, die Antithese zum post-postmodernen Zynismus und grenzenlosen Egoismus kam ausgerechnet aus dem Hause MTV: Das früh vergreiste Drogenwrack Ozzy und seine dysfunktionale Sippe lebten ungeniert Krisen und Defekte, Gewichtsprobleme und Neurosen aus. "The Osbournes" demonstrierten aber auch Menschlichkeit, in einem Popuniversum voller verlogener Sterilität und inhumaner Perfektion. Call it Anti-Pop.

 
 
Hallo, Anti-Pop
  So versuchten britische Journalisten zuletzt auch vage die Stimmung zu beschreiben, die von diesem Jahr übrig bleibt. Anti-Pop, kein schlechter Ansatz, nachdem sich Pop längst selbst gefressen hat. Eine Haltung, die sich nicht bloß in einem gestreckten Mittelfinger äußert. Sondern vor allem in einer Kreativität, die sich nicht durch Marketingkonzepte und Werbeschubladen bremsen lassen will. Customize yourself, nicht bloß die Kleidung.

Es geht weniger um stille Verweigerer, Noise-Terroristen oder vertraute Indie-Ideologien, die gab und gibt es nämlich immer schon in eigenen Reservaten. Nein, Anti-Pop will den Pop mit seinen eigenen Mitteln attackieren, parodieren, ihm aber auch neues Leben einhauchen. Hallo, Rauheit und übersprudelnde, chaotische Energie, die in bestimmten Beats, manchen Stimmen und auch Gitarrenkreischen spürbar ist. Hallo Vergangenheit, hallo Zukunft.

 
 
Persönlicher Listenwahnsinn 2002 - ohne Reihung:
  Musik
2manyDJs: As heard on radio soulwax pt.2, The Notwist: Neon Golden, Interpol: Turn on the bright lights, Beck: Sea Change, Alec Empire: Intelligence & Sacrifice, Primal Scream: Evil Heat, Johnny Cash: The Man Comes Around, Terranova: Hitchhiking Nonstop, Queens of the Stone Age: Songs For The Deaf, Flaming Lips: Yoshimi battles the pink robots, Liars: They threw us all in a trench, Archive: You look all the same to me. Yeah Yeah Yeahs: Machine EP, Death in Vegas: Scorpio Rising.

Live
Wire im Flex, Super_Collider im Flex, Dälek im B72, Primal Scream im Shepherds Bush Empire/London, Sofa Surfers im Wuk, DJ Shadow im Flex, Bohren und der Club of Gore im B72, Soft Cell im Planet Music, Sand im Chelsea, Sneaker Pimps im Flex.

Film
Mullholland Drive, Hundstage, Spiderman, Address Unknown, Trouble Every Day, Battle Royale, Panic Room, Bully, Y Tu Mama Tambien, Lilja 4-Ever, Donnie Darko, Signs, Ken Park, The Others.

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