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Wien | 8.9.2003 | 16:42 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Peaches rockt!
  Ich gestehe, ich war ein bisserl verstört, damals im Wiener Chelsea. Eigentlich wollte ich mir an jenem Abend, irgendwann im Frühjahr 2000, ja nur den Herrn Gonzales anschauen. Der goldkettenbehängte Meister des Indie-Entertainertums hatte gerade sein charmantes Debütalbum veröffentlicht. Und genau dessen bittersüßen Lo Fi-Pop erwartete ich mir. Es kam dann aber ganz anders.

Eine Frau in pinkfarbenen Latexshorts, wie aus einem New Wave-Porno entsprungen, betrat die leere Bühne. Mit einem CD-Player und einem alten Drumcomputer als einzigen Requisiten. "Hi, I'm Peaches" brüllte sie ins Mikrofon und mit einem brutalen Eighties-Stumpfbeat aus der Konserve verflogen alle bisherigen Erwartungen.

Welcome to the freakzone. Rawk'n'Roll, Baby. Schwitzend, stampfend, auf der Bar herumtanzend und sich die Seele aus dem Leib brüllend, krönte sich Peaches in dieser Nacht selbst zur Queen of Sleaze. Der wenig später dazukommende Chilly G. gab im schlabbrigen Frottee-Trainingsanzug den perfekten Schmuddelpartner.
 
 
Zieht euch aus, Motherfuckers
  Nach etwa neunzig Minuten brachialem Retro-Trash und unzähligen Versuchen in Sachen Publikums-Animation ("Get undressed, Motherf****s!") wurde es mir dann aber doch zu viel. Mit gemischten Gefühlen kehrte ich den beiden potentiellen 'Boogie Nights'-Darstellern den Rücken zu. Freunde berichteten mir später, dass der Stage-Exzess von Peaches 'n' Gonzales noch schier ewig andauerte.

Nun gehört Verstörung, oder milder formuliert Verwirrung, bekanntlicherweise zum Besten, was ein Konzert auslösen kann. Denn obwohl ich mir nicht sicher war, ob es sich bei Peaches um eine etwas nervige Performancekünstlerin oder um the real thing handelte, der Auftritt blieb unvergesslich.

 
 
Fuck The Pain Away
  Drei Jahre später stellen sich viele Fragen nicht mehr. Längst ist klar, dass Peaches beides ist: eine 36-jährige Exil-Kanadierin namens Merrill Nisker mit einschlägiger Vergangenheit im Kunst- und Theater-Bereich. Aber auch ein unkontrollierbares Bühnenmonster mit Authentizitäts-Zertifikat. Da wäre auch noch ihre Zeit als Kindergärtnerin und Folksängerin in Toronto zu erwähnen, sowie der jugendliche Background zwischen hedonistischen Disco-Vorlieben und radikaler Punk-Revolte.

Spätestens auf ihrem Debütalbum 'The Teaches Of Peaches' kollidieren alle diese Gegensätze bereits, dass die Funken sprühen. Und die Schweißtropfen herumfliegen. Mit 'Fuck The Pain Away', 'Set It Off' und 'Lovertits' enthält die Platte mindestens drei eventuell lebensverändernde Hymnen in Sachen hysterisch ausgelebter Körperlichkeit.

 
 
I don't give a fuck
  Das ist aber noch alles nichts gegen das neue Peaches-Meisterwerk 'Fatherfucker'. It's the down and dirty shit, aber echt. Ganz besonders bemerkenswert ist dabei, wie sehr die Platte auf einer rein musikalischen Ebene funktioniert, abseits des Image-Beiwerks. Mit unerhörter Lässigkeit definiert Madame Nisker gleich so viele Genres neu, dass es eine Freude ist. Sie sucht den Rock im R'n'B und den Pop im Electropunk und lässt dabei ganz viele Konkurrenten arm aussehen: um einen Hauch Dreck bemühte Neo-Rock'n'Roll-Buben ebenso wie die Popo-Wackel-Fraktion, die hinter Laptops versumpernden Knöpfchendreher oder auch die wandelnde Achtziger-Zitatabteilung.

Die schnittigsten Gitarrensamples seit Tone Loc und den frühen Run DMC sind da zu hören, die luftigste und reduzierteste Produktion abseits der Neptunes und Timbaland, schließlich das manischste Duett der Gegenwart: 'Kick It!', featuring Peaches versus Iggy Pop.

Und natürlich hagelt es kongeniale Slogans und Textfetzen, die mit vorgefertigten Rollenbildern und Geschlechterzuordnungen spielen, wie Peaches on stage mit ihrem umgeschnallten pinkfarbenen Dildo. Ohne Rücksicht auf Verluste. "I don't give a fuck about my reputation" schreit die Frau mit dem Bart auf dem Cover gleich im Opener.

 
 
  Peaches rockt. Nicht im Sinne biederer Revivalfetischisten, die froh sind, endlich wieder die Lederhose aus dem Schrank holen zu können. Sondern in der Tradition von meinetwegen Joan Jett, Lydia Lunch, Hanin Elias, und wenn ich an ihr aktuelles Video denke, dann müsste jetzt auch noch ein Exkurs über diverse Aktionistinnen folgen. Ich spare mir das und gebe einfach eine Empfehlung von ihr an euch weiter: Shake your tits. Shake your dicks.

 
 
  'Fatherfucker' von Peaches erscheint Mitte September. Am 10.9. gibt es ausführliche Hörproben daraus im FM4-House of Pain.
 
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  peachesrocks.com
   
 
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