Am besten, ich fange mit diesem Video an. Diesem unglaublichen Clip, den ich vor längerer Zeit mal nachts auf 'Fast Forward' erwischte. Danach konnte euer Autor erstmal eine Zeit lang nicht einschlafen. In einem derart aufgeganserlten und enthusiasmierten Zustand war ich.
Dabei zeigt 'Sexualized' eigentlich nur in allerbilligster No-Fi-Ästhetik drei Typen, die in irgendeinem Club spielen. Also die denkbar langweiligste Ausgangsposition für ein Musikvideo. Aber neben einem Keyboarder im eleganten Anzug und einem Postrock-Nerd als Gitarristen steht da in der Mitte der personifizierte Wahnsinn. Seine Dekadenz Darren Spooner alias Jarvis Cocker, in einem todschicken Salzburger-Festspiele-Skelett-Trikot, mit mehr Corpse Paint, als die norwegische Black-Metal-Community verträgt. Und er tanzt und schreit und zuckt und zuckt enthemmt aus, dass es die reine Freude ist. "Sexu-sexu-sexu-sexualized!"
Bringt die Kinder in Sicherheit....
Ja, genau, der Jarvis Cocker ist das. Der große Dandy des Edel-Brit Pop, der uns nach der (vorübergehenden?) Stilllegung seiner Band Pulp erzählte, er würde nur mehr Bäume pflanzen und in Pariser Bistros dem vergorenem roten Traubensaft huldigen. Der Mann, der sich mit einem bemüht organisch klingenden Album und dazugehörigem Strickpulli-Image von der Bühne des Showbiz verabschiedete. Um jetzt als umwerfender Electropunkrock-Kinderschreck zurückzukehren, artifzieller als die Brit Pop-Polizei erlaubt.
Welcome to the wild and weird world of Relaxed Muscle.
...here comes Jarvis...
Real Pulp Fiction
Vielleicht sollte ich jetzt mal was zum Sound dieser famosen Combo sagen. Euch zum Beispiel erzählen, dass 'Sexualized' klingt, als ob der Geist des seligen Marc Bolan mit einem Haufen Deejay Gigolos und einem Dutzend abgehalfteter Prostituierter aus den Randbezirken von Sheffield eine Orgie feiert. Oder euch auch von "Rod of Iron" vorschwärmen, diesem fiebrigen Stück elektronischem Rawk'n'Roll, irgendwo zwischen Suicide, Cabaret Voltaire und Primal Scream.
Da ist das pumpende 'Heavy', die beste Untermalung im Moment für durchgemachte Nächte, Tage, Wochen. "Oh, it's gonna be a heavy night", singt Jarvis durch mindestens drei Stimmverzerrer-Kastln hindurch, "I see the future and it is not bright." Und nicht zu vergessen 'Billy Jack', ein Rache-Epos zwischen Sleaze-Disco-Zitaten und Glam-Bezügen, zu dem sich im Video schwule Cowboys in einer billigen Westenkulisse duellieren.
"The irony is over", verkündete Mr. Cocker am Ende des legendären Pulp-Albums 'This is Hardcore'. Hat der Mann damals gelogen? Nein, denn bei Relaxed Muscle geht es eben nicht um müde Scherzchen eines gutsituierten Ex-Popstars, wie manche Stimmen glauben. Genauso wenig wie die schnöde Anschuldigung "Rockkabarett" den Punkt trifft.
Ihr Auftritt, Jarvis Shocker
In Wahrheit liefert Darren Spooner mit der Hilfe von Elektroniker J.P. Buckle und dem zeitweiligen Pulp-Gitarristen Wayne Marsden das beste denkbare Vorbild für sämtliche seiner prominenten und nicht ganz so prominenten KollegInnen. Punkrock, Baby! Scheiß der Hund auf sorgfältige Pläne für eine zweite Karriere, auf reife Spätwerke und feinziselierte Akustikplatten für die 'Mojo'-Leserschaft. Dann schon lieber den Spaß am liebevoll hingeschluderten Trash wiederentdecken. Ein wüstes Sau-Rauslass-Projekt gründen. Und damit eifrig Punkte sammeln in der Leistungsgruppe "Unwürdiges Altern". Ihr Auftritt, Jarvis Shocker!
Natürlich kann auch eine derartig unterstützenswerte Mission wie die von Relaxed Muscle gehörig danebengehen. Guter schlechter Geschmack will schließlich gelernt sein. Aber unser Freund Jarvis hat nicht umsonst das Doppelstudium der Exaltiertheit und der Exzentrik mit Auszeichnung abgeschlossen. So wie sich die Band auf ihrem Debütalbum 'A heavy nite with Relaxed Muscle' präsentiert, könnten sie die schwarzhumorigen britischen Cousins eines Familienclans sein, zu dem auch Turbo Negro, Fisherspooner oder Marilyn Manson gehören. Komisch und düster zugleich, durchgeknallt und poppig und lärmig.
Dass nach dem ganzen Electrokrach gegen Ende sogar der Balladensänger Cocker zum Einsatz kommt, der Serge Gainsbourgh als Country-Crooner auferstehen lässt, macht die Sache vollends rund: 'Mary, I just call to tell ya that both our children are on drugs..." This is Hardcore.