Nein, ich hege keinerlei Vorfreude auf all die Historien-Schinken, die im kommenden Jahr die Multiplex-Säle verstopfen werden. Warum auch? Hat mich doch die eben zu Ende gehende Kinosaison schon sensibilisiert gegen sterbenslangweilige Massenschlachtszenen und dazugehöriges Heldentod-Gefasel.
Und warum soll ich mir von 'Troy', der Hollywoodversion der Ilias-Saga, etwas erwarten, wenn ausgerechnet Wolfgang Petersen im Regiestuhl sitzt? Mir fällt auch nach längerem Nachdenken kein Film des biederen deutschen Auftragshandwerkers ein, der mir irgendetwas bedeutet.
'Troy', Regie: Wolfgang Petersen
Jedenfalls steht uns das alles massiv bevor. Staub und Sandalen, Männer und Muskeln, asexuelle Umarmungen und grimmige Eroberungen. Nachdem in Mittelerde wieder Ruhe herrscht und die Hobbits und Elfen ihre Fadgas-Existenz weiterführen, nachdem in der Matrix Friede, Freude und Eierkuchen an der Tagesordnung sind, werden die Geschichtsbücher geplündert. Alexander der Große darf Berge auf und ab reiten, antike Griechen und Römer sind auch höchst gefragt.
John Wayne, bitte kommen
Natürlich wird man uns gigantomanische Bilder vorsetzen, an die in der Prä-CGI-Ära niemand zu denken gewagt hätte. Aber, meine Damen und Herren, es hilft kein Vorbeischwindeln mehr an den Inhalten. Da bahnt sich kein bizarrer, unfreiwilliger Surrealismus an, wie in den knallbunten italienischen Herkules-Streifen der Sechziger. Und auch keine sarkastische, progressive Perspektive auf die guten bösen alten Zeiten, wie sie etwa Patrice Chéreau in 'La Reine Margot' (Die Bartholomäusnacht, 1994) pflegt. Nicht zu vergessen Stanley Kubrick und sein 1975 gedrehtes Meisterwerk 'Barry Lyndon'.
Ich behaupte mal: Das Monumentalkino des Hier und Jetzt unterscheidet sich von seiner Figurenzeichnung und den aufgepfropften Botschaften kaum von dem der fünfziger Jahre. Was auch für die nahende Welle der Neo-Western gelten dürfte ('The Alamo', 'The Missing'), denen die düstere Illusionslosigkeit eines Peckinpah oder Leone herzlich wurscht ist. Die Frontierepoche gehört wieder den ungebrochen guten und gerechten Haudegen. John Wayne, bitte kommen.
Fast scheint es, als ob diese Filme neben dem Hauptzweck der Gewinnmaximierung noch andere klitzekleine Aufgaben erfüllen wollen. Etwa, uns unbedeutende Arbeitsdrohnen zu animieren. Umzupolen. Einzuschwören. Auf einen gemeinsamen westlichen Konsens in Sachen Religion, Familie, Verteidigungspolitik.
'The Alamo', Regie: John Lee Hancock
Leo in Quarantäne
Das hört sich alles ein wenig kulturpessimistisch an? Sorry, es ist auch so gemeint. Jedenfalls hilft es meiner bescheidenen Meinung nach wenig, im Gegenzug das Gewissen mit Michael Moore-Filmen zu beruhigen, die senile Gladiatoren durch den Kakao ziehen. Viel gefragter wären große Hollywoodproduktionen, die in Stein gemeißelte Werte in Frage stellen. Vielleicht hat ja diesbezüglich Oliver Stones 'Alexander' (featuring Colin Farrell) etwas zu bieten, aber ich bin eher skeptisch.
Wie ein Historienepos mit einem ungewöhnlichen Blickwinkel funktioniert, bewies Martin Scorsese heuer in 'Gangs Of New York'. Dass ein Film, der Ganoven, Halsabschneider und korrupte Politiker als Gründerväter des modernen Amerika präsentiert, bei den Oscars nicht sehr super abschneidet, ist eine andere Sache. Jedenfalls gelang es dem legendären Regisseur, dank der erneuten Mithilfe eines gewissen Leonardo Di Caprio, trotzdem, sich ein aufwändiges Nachfolgeprojekt zu sichern.
2004 soll 'The Aviator' bereits anlaufen. Ob Leo als Hauptdarsteller des berüchtigten Milliardärs Howard Hughes in diesem Biopic die richtige Wahl ist, darüber spalten sich logischerweise die Meinungen. Besser als Tom Hanks in der Rolle von Dean Martin jedenfalls scheint diese Besetzungsentscheidung, um ein anderes Projekt von Scorsese ins Spiel zu bringen.
Die Geschichte des neurotischen Hughes jedenfalls, dem Überproduzenten und Regisseur des frühen Hollywood, ist ein perfekter Stoff für Altmeister Marty. Sind doch auch Mafiakontakte und desaströse Affären im Spiel, nicht zu reden vom unwürdigen Ende des Mr. Hughes, in der selbstgewählten Quarantäne.
Howard Hughes
Mel Gibson lässt kreuzigen
Auf die Gefahr hin, meinen eigenen Eingangsworten zu widersprechen: Ein bestimmtes reaktionäres Historienmachwerk reizt mich dann doch im nächsten Jahr. Weil dieser Streifen so jenseitig daherkommt, dass er auch nicht in den allgemeinen konservativen Konsens passt.
Ich meine Mel Gibsons Regiearbeit 'The Passion Of The Christ', die im Vorfeld wegen angeblicher antisemitischer Tendenzen schon mächtig Staub aufwirbelte. Ob diese Vorwürfe berechtigt sind, wird sich beim geplanten Start im Sommer 2004 zeigen. Fest steht, dass es sich bei dem Film um ein ganz besonders wahnwitziges Opus handelt. Ausschließlich in Latein und Aramäisch gedreht (der Einsatz von Untertiteln wird noch diskutiert!), widmet sich 'Die Passion' den letzten zwölf Stunden im Leben des Jesus Christus. Jim Caviezel leidet als Gottessohn, Monica Bellucci mimt die Maria Magdalena.
Der Punkt ist: Gibson, der nicht gerade für sein liberales Weltbild bekannt ist, wollte den ultimativen Kreuzigungsfilm drehen. Den Fiebertraum eines Fundamentalisten auf die Leinwand bringen.
Mel Gibson
Und wenn man der Vorabpresse Glauben schenken darf, sind die meisten Splatterfilmchen Kinderkram gegen 'Die Passion'. Da wird Blut geschwitzt im Stil wunderschön-morbider religiöser Malerei, wir sehen Dornenkronen in full effect und Martereien en detail. Auf die Frage nach Wundern während der Dreharbeiten, antwortet Mad Max Mel: "Viele ungewöhnliche Dinge passieren, gute Dinge. Zum Beispiel: Leute wurden von Krankheiten geheilt; einige haben das Sehvermögen und das Gehör wiedererhalten. Ein anderer wurde während der Verfilmung der Kreuzigungsszene vom Blitz erschlagen, stand einfach auf und ging weiter."
The real stuff. Da können mir Gandalf und Neo doch den Buckel runterrutschen.