Bitte überzeugt mich vom Gegenteil. Aber ich habe das Gefühl, dass popkulturelles Geheimwissen schon lange keinen Pfifferling mehr wert ist. Ich rede etwa vom Memorieren obskurer Bandnamen, vom Aufzählen vergessener Comicartists, von verschwörerischen Debatten zum Gesamtwerk bestimmter Outsider-Regisseure.
Ein Know-how in solchen Bereichen sorgt heute höchstens noch für die Aufnahme in diverse Nerd-Clubs. Für die Geek-Medaille in Gold. Oder in Ausnahmefällen für einen unbezahlten Job bei einem liebevoll gemachten Selbstausbeutungsmagazin. Ernsthafte Arbeitgeber im Mediengeschäft verschrecken allzu profunde Kenntnisse über verschrobene finnische Experimentalelektroniker aber nur. Und einen potentiellen Lebens- oder Liebespartner erst recht.
Im Bemühen, nicht nostalgisch zu werden, sage ich jetzt mal: Das war nicht immer so. In den zuletzt massiv reanimierten Achtzigern beispielsweise.
Wer damals nicht die poststrukturalistischen Bezüge verstand, die sich hinter einer Plattenkritik im ehemals noch strengen 'Spex' verbargen, MUSSTE SO TUN ALS OB. Es war eine Zeit des geschickten Schummelns und vorsätzlichen Täuschens. Schließlich hing der Hipnessfaktor einer Person nicht nur vom schicken New-Wave-Haarschnitt ab, sondern auch vom Namedropping. NATÜRLICH hatte man von der Band XY schon gehört, die irgendein britischer Schreiberling in den Himmel lobte.
Gut, dass dieser Druck, der zu lächerlichen Posen führte, längst Geschichte ist. Ein bisschen befremdlich wirkt aber, wie stark das Pendel in die Gegenrichtung ausschlägt. Speziell wer als Jugendlicher heute in den Archiven des Pop herumstierlt, scheint sich damit keine Bonuspunkte mehr zu holen. Schon gar nicht bei Angebeteten vom anderen (oder gleichen) Geschlecht. Weil Ignorantentum lässiger kommt. Beschränkheit is the new cool.
Die Erotik der Diskussion
Wie gesagt, ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Aber die unterschiedliche Bewertung solcher erwähnter Privatobsessionen in vergangenen Dekaden wurde mir unlängst im Kino wieder bewusst. Und zwar bei Bernardo Bertoluccis 'The Dreamers'. Einer keineswegs makellosen Aufarbeitung des Schlüsseljahres 1968 durch die italienische Regielegende.
Trotzdem hat mich etwas an dem Streifen gepackt und gerührt. Und zwar die Erotik der Diskussion, die Sinnlichkeit des Fantums, die Euphorie des gegenseitigen Austauschs.
'The Dreamers'
Matthew, ein amerikanischer Austauschstudent, trifft im aufgewühlten Paris auf zwei Gesinnungsgenossen. Isabelle und ihr Zwillingsbruder Theo haben sich ebenso total dem Kino verschrieben, stilisieren ihr bürgerlich behütetes Leben zum neverending Filmzitat. Während auf der Straße die Demonstrationen losbrechen, kommt es in der Wohnung der Geschwister zu verbotenen Annäherungen, zu Sauf- und Fummelgelagen, letztlich einer Menage à trois wie aus dem Sixties-Bilderbuch.
Und vor allem zu unzähligen Gesprächen über Gott, die Welt, Philosophie und Film, Film, Film, mal bekleidet, mal gemeinsam in der Badewanne.
Bertolucci, mittlerweile 63, inszeniert all das nicht als Erinnerungsstück für vergreisende Ex-Revolutionäre. Die Ästhetik des Films orientiert sich eindeutig an poppigen Gegenwartsstreifen, will ein Publikum im Alter der jungen Protagonisten erreichen. Und das führt zu einem eigenartigen, sehr spannenden Bruch.
Fachsimpeln ist saugeil
Michael Pitt, wahlweise als biederer Collegeboy ('Dawson's Creek') oder abgefuckter Herumhänger ('Bully') bekannt, parliert plötzlich über Godard und Buster Keaton und Sam Fuller. Die Debütantin Eva Green gibt kokett und kettenrauchend ihre Vorliebe für Marlene Dietrich preis. Ihr dekadenter Leinwand-Bruder Louis Garrel beschwört mit dem Rotweinglas in der Hand die Nouvelle Vague.
Cineastisches Wissen ist sexy, das ist die Idee hinter "The Dreamers'. Juveniles Fachsimpeln ist saugeil. Und wer sich nicht vor Mitte Zwanzig in hitzige und erhitzende Wortgefechte verstrickt, wie die Charaktere dieses Films, verpasst später etwas. Auch das sagt der weißhaarige Großpapa Bertolucci zwischen den Zeilen und hat nicht unrecht.
Nochmal, geißelt oder beschimpft mich, vielleicht liege ich mit meinem Eindruck völlig falsch. Möglicherweise ist das hier nur ein sinnloser Anflug von Kulturpessimissmus und nichts hat sich da draußen verändert. Wahrscheinlich deliriert (und hoffentlich nicht: doziert!) gerade in diesem Augenblick da und dort eine Gruppe von Träumern vor sich hin. Und sektiererische Gemeinschaften von heranwachsenden Bohemiens ganseln sich irgendwo mit secret pop knowledge auf, von dem die Profi-Journaille keinen Tau hat.
Aber als ich das Kino verlasse und in die U-Bahn steige, hinein in die Vorhölle der grenzdebilen Klingeltöne und Small-Talk-Stammeleien, bin ich ganz kurz am Zweifeln.