Der junge Mann mit den platinblond gefärbten Haaren schiebt einen gewaltigen Stapel über die Ladentheke. Fünf oder sechs Videokassetten türmen sich da, das lässt auf eine lange Nacht schließen. Blitzschnell holt der Verkäufer die Filme aus dem Lager: "The Gore Gore Girls", "The Horrible Sexy Vampire", "Bad Girls Go To Hell" sind einige der Titel. Ein kurzer Blick in die Pupillen des Kunden genügt, um eine Laiendiagnose zu stellen: schwere Videosucht im fortgeschrittenen Stadium.
Filmjunkies dieser Art machen aber nur einen Teil des Publikums bei Kim's Video aus. Die Klientel der New Yorker Kultvideothek setzt sich aus allen Schichten zusammen. Vom East Village-Intellektuellen zum Businessman, vom Riotgirl bis zum japanischen Touristen - sie alle suchen bei Kim's ein Kino, das es im Big Apple so nicht mehr gibt.
Schätze der Filmgeschichte
Das war irgendwann mal anders, als sich bei den Mitternachts-Vorstellungen der alternativen Filmtheater das Publikum noch drängelte. Und wer sich in das sleazy Universum des Genrekinos begeben wollte, egal ob Actionreißer, Zombiestreifen oder Soft Sex-Schinken, der brauchte nur in die 42nd Street zu fahren. Heute gehört die einstige Trashkino-Sündenmeile dem Disney-Konzern, der sie mit Milliardenaufwand "säuberte". Die 42nd Street ist jugendfrei geworden, Programmkinos gibt es nur mehr wenige - der Mainstream regiert New Yorks Leinwände.
Wer statt dem berechenbaren Einheitskino die einstige Melange aus Kunst, Kommerz und Underground sucht, der muss eine der vier Filialen von Kim's aufsuchen. Die Auswahl an CDs, Büchern und Kaufkassetten ist schon exquisit, aber das Herzstück sind die Verleihabteilungen. In Regalen mit liebevoll handgeschriebenen Etiketten ruhen Schätze der Filmgeschichte. Blaxploitation, Bikermovies, Italo-Western, Dokumentationen, Autorenkino, japanische Monsterfilme, Splatter, Hongkong-Action: Kim's got it. Über die beliebte europäische Trennung von Kunst und Kommerz schmunzelt man hier nur. Da stehen rare Fassbinder- und Godardstreifen Rücken an Rücken mit Horror-Machwerken und derben Porno-Klassikern. Zwischen "Panzerkreuzer Potemkin" und "Bloodsucking Freaks" liegt nur eine Handbreite.