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Wien | 21.9.2005 | 12:44 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Die Toronto-Files (2)
  Cannes hat den Glamour, Venedig den legendären Ruf, die Berlinale bietet auch immer wieder Sehenswertes. Aber es ist das Toronto International Film Festival, das sich zu einem Favoriten der echten Kinojunkies entwickelte. Abseits von promenierenden Starlets und auch angestrengtem Cineastentum sind dort im September einfach neue und spannende Produktionen galore zu sehen.

Eigentlich wollte ich Joel Kairo, den vertrauenswürdigen Filmspion aus meinem Freundeskreis, heuer in die kanadische Metropole begleiten, aber dann kam leider einiges dazwischen. Und so entwickelte sich stattdessen wieder eine ausführliche Plauderei über etliche der Toronto-Highlights und Flops...hier der zweite Teil davon.
 
 
Hier bei FM4 wurde ja unlängst über den Autor Jonathan Safran Foer berichtet, du hast die Verfilmung seines Bestsellers 'Everything Is Illuminated' in Toronto gesehen...
  Ich habe den Roman bestimmt schon fünfmal in der Hand gehabt und wieder zurückgelegt. Obwohl mir durchaus vertrauenswürdige Bekannte versichert haben, Jonathan Safran Foers Suche nach fehlenden Teilen der eigenen jüdischen Familiengeschichte in der Ukraine sei sehr gelungen. Die Verfilmung ist es auf jeden Fall und erweist sich vor allem in der Nachbetrachtung als kleines, aber feines Juwel.

 'Everything Is Illuminated'
 
 
Erzähl mehr...
  Mehrfach habe ich mich beim Schmunzeln erwischt, als ich über die im Laufe des Films immer sympathischer werdenden Figuren und den immer weiter vereinnahmenden Wortwitz des Films nachgedacht habe. Selbst dann, als es ernst, sogar bitterernst wird, kommt es dank der behutsamen und liebevollen Inszenierung des Regiedebütanten Liev Schreiber zu keinem Bruch. Trotz aller Tragik, in der der Film endet, bleibt ein hoffnungsvolles Grinsen über der Geschichte. Das, was der Erzähler und eigentliche Star des Films, Eugene Hutz, als ukrainischer Trainingsanzugträger von sich gibt, dürfte jedoch sehr sehr schwer treffend und witzig zu übersetzen sein.
 
 
 
Klingt gut. Viel weniger interessant hört sich 'Proof' an, das neueste Gwyneth Paltrow-Vehikel...
  "Hi John. Gwyneth spricht. Ich hab doch damals den Oscar bekommen, wo ich so weinen hab müssen. Ich hätte gern noch einen. Hast du vielleicht was für mich?"

"Lass mich überlegen. Dieses Mal müssen wir uns aber mehr anstrengen. Schenken, wie damals bei 'Shakespeare in Love', werden sie ihn uns sicher nicht noch einmal. Vielleicht sollten wir ein bisschen in Richtung 'Beautiful Mind' gehen, weißt schon, mit einem geistig verwirrten Mathematiker und so. Dann bauen wir noch ein paar Rückblenden, eine Familien- und sogar eine Liebesgeschichte ein."

"Boah, ja, des machen wir. Ich üb schon mal tragisch schauen. Wird bestimmt ursuper."

Ursuper nicht, vollkommen misslungen nicht. Irgendwo dazwischen im großen Feld der 'Passt schon, es gibt Schlimmeres'-Filme.

 'Proof'
 
 
Es gibt ja wirklich Schlimmeres, oder? Was fandest du denn besonders öde?
  Dass ich mir zum Beispiel 'Bee Season' überhaupt fertig angesehen habe, lag an zwei Dingen. Zum einen saß ich in der Mitte der Reihe. Und zum anderen war ich der festen Überzeugung, dass die faden Handlungsfäden am Ende zusammengesponnen werden und in einem Shyamalan-artigen Schluss kulminieren. Dem war bei der Geschichte um Richard Gere als selbstgerechtem Religionsprofessor, dessen Tochter es bis zum US-Finale des Buchstabiertests schafft, woraufhin er so von seinem Ehrgeiz bessesen ist, dass er nicht mitbekommt, dass sein Sohn zum Hare Krishna wird und seine Frau kleptoman ist, leider nicht so.

 'Bee Season'
 
 
Viel gelobt wurde dagegen der neue Atom Egoyan-Streifen 'Where The Truth Lies', dessen explizite Sexszenen gerade in den USA die Zensoren erregen...
  Wirklich überzeugende Darsteller, eine gute Story, ein tatsächlich nicht zu geringer und durchaus expliziter Anteil an Sex und Crime und trotzdem mag dieser Film nicht zu 100 Prozent zünden. Ich bin mir nicht einmal sicher, woran es liegt. Vermutlich hat es Egoyan mit den falschen Fährten einfach zu gut gemeint und ein paar zu viele gelegt. Dennoch sicher sehenswert.

 'Where The Truth Lies'
 
 
Die charmante Frau Theron setzte in Toronto wieder mal auf Anti-Glamour, was in 'Monster' ja sehr erfolgreich war...
  Charlize Theron ist in 'North Country' eine Working-Class-Mum namens Josey Aimes, die einen Job in einem Stahlwerk annimmt und schließlich die erste Sammelklage wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz durchsetzen kann. Bei den Stichworten "basierend auf einer wahren Geschichte" und "vor Gericht erkämpft" läuten bei mir an und für sich alle Alarmglocken.

 'North Country'
 
 
Oh ja...
  Regisseurin Niki Caro räumt jedoch Josey Aimes privatem Schicksal, ihrem Kampf ums tägliche Überleben, gegen die Geister ihrer Vergangenheit und ihren Konflikten mit der eigenen Familie sehr viel Platz ein, ohne dabei ihren Kampf gegen die Institutionen zu vernachlässigen. So kommt es zu einem erträglichen Anteil an Courtroom-Szenen einerseits, viel privatem Schickal und einer gehörigen Portion Pathos und Kitsch andererseits. Was mir zumindest nicht zu viel war. Manchen allerdings schon. Darüber, dass man sich eine solche Besetzung öfter wünschen kann, waren sich jedoch alle einig.
 
 
 
Apropos Pathos, was mich ja brennend interessiert, ist das Johnny Cash-Biopic 'I Walk The Line', dem ich gleichzeitig auch sehr skeptisch gegenüber stehe. Wie war der Film?
  Es gibt überhaupt nichts auszusetzen an 'Walk The Line'. Mit dem legendären Folsom Prison-Konzert als Klammer steht Johnny Cashs Beziehung zu June Carter im Mittelpunkt. Eine Liaison, die erst zu einer richtigen Beziehung werden konnte, nachdem Cash die eigenen Dämonen besiegt, genügend Drogen konsumiert, Groupies vernascht und ebenso viele Täler wie Gipfel durchwandert hat. Stoff, der sich für eine Melange aus Biografie und Drama förmlich anbietet.

Dass dabei viel musiziert wird, sollte keine Überraschung sein, dass mich Dauergrinsekatze Reese Witherspoon das erste Mal nicht genervt hat und Joaquin Phoenix Cashs Mimik und Gestik derart einstudiert hat, dass er ihm in weiten Teilen des Films sogar ähnlich sieht, allerdings schon.

 'Walk The Line'
 
 
Hmm, bin wirklich sehr gespannt. Aber auch auf den neuen Larry Clark, der sich als alter Herr ja erwartungsgemäß wieder unter sehr junge Menschen gemischt hat...
  Fast dokumentarisch zeigt Larry Clark in 'Wassup Rockers' das Leben einer Latino-Skater-Gang, die einen Ausflug von South Central nach Beverly Hills wagt. Natürlich heißen die Themen wieder Pubertät, Sex und Gewalt, nur werden sie weniger in-your-face visualisiert als zuletzt bei 'Ken Park'.

 'Wassup Rockers'
 
 
Das leuchtet ein, denn sämtliche Extreme hat er ja schon ausgelotet...
  Clark rückt die Jungs und ihren Trip in den Vordergrund und verzichtet dieses Mal komplett auf die Szenen, die ihm seine Kritiker so gerne vorwerfen. Was passiert, passiert eher zufällig, unaufgeregt, fast nebensächlich, auch wenn es sich doch um Mord, Tod und Rassismus handelt. Vielleicht Clarks zurückhaltendster und dennoch ein gleichzeitig intimer Film, bei dem man sich anfangs durchaus fragt, warum einen das interessieren sollte, langsam jedoch Sympathien entwickelt, um am Ende festzustellen, dass es ein guter, sympathischer Streifen ist.
 
 
 
  'Everything Is illuminated', USA 2005, Regie: Liev Schreiber
Darsteller: Elijah Wood, Eugene Hutz, Boris Leskin

'Proof', USA 2005, Regie: John Madden
Darsteller: Gwyneth Paltrow, Jake Gyllenhaal, Anthony Hopkins, Hope Davis

'Bee Season', USA 2005, Regie: Scott McGehee, David Siegel
Darsteller: Richard Gere, Juliette Binoche, Flora Cross, Max Minghella, Kate Bosworth

'Where The Truth Lies', Kanada 2005, Regie: Atom Egoyan
Darsteller: Kevin Bacon, Colin Firth, Alison Lohman, Rachel Blanchard

'North Country', USA 2005, Regie: Niki Caro
Darsteller: Charlize Theron, Frances McDormand, Sean Bean, Richard Jenkins, Woody Harrelson, Sissy Spacek, Michelle Monaghan

'Walk The Line', USA 2005, Regie: James Mangold
Darsteller: Joaquin Phoenix, Reese Witherspoon, Ginnifer Goodwin, Robert Patrick, Shelby Lynne

'Wassup Rockers', USA 2005, Regie: Larry Clark
Darsteller: Jonathan Velasquez, Francisco Pedrasa, Milton Velasquez, Eddie Velasquez, Usuvaldo Panameno

 
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