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Wien | 2.11.2005 | 13:14 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Die Schönheit der Arroganz
  Ich werde nie diese ganz besondere Nacht im Juni 2000 vergessen. Unzählige Menschen drängeln sich damals beim Sonarfestival in Barcelona auf dem Openair-Gelände. Die üblichen DJ-Verdächtigen wie Gilles Peterson oder Stereo MCs legen unter freien Himmel auf, während in einer vollgestopften Halle die Stimmung eines Großraum-Raves herrscht.

Gelangweilt von diesen beiden gegensätzlichen Sounds landen meine Freunde und ich vor einer kleinen Bühne. Hier, wo das Münchner Disko B-Label zur Party lädt und mit Patrick Pulsinger & Co. auch eine Wiener Abordnung gastiert, passiert dann etwas Ungewöhnliches.

Zwei Herren kommen gemeinsam mit einem Leihschlagzeuger on stage, deren Dandylook so gar nicht zur Armyhosen-T-Shirt-Uniformierung des Festivals passt. Und sie frustrieren die vollgedröhnte Technoposse in diesen frühen Morgenstunden erst einmal mit einem kurzen Soundcheck, der das Non-Stop-Bumm-Bumm unterbricht. Als der blonde Sänger dann zum Mikrofon greift und mit der spanischen Menge auf Deutsch zu sprechen beginnt, ist klar: Dakar & Grinser biedern sich nicht gerade an ihr Publikum an.
 
 
  Was dann folgt, bringt alles zurück, was ich in den Jahren zuvor so schmerzlich bei vielen Liveauftritten vermisste: Provokation, Attitude und Sexyness. Manchmal kippt das Ganze auch in offenherzige Obszönität. "Ich onanier dir ins Gesicht und du gehst für mich auf den Strich" singt Christian Kreuz alias Dakar einmal den verstrahlten Ravern entgegen. "Ich hasse euch alle, Fahrradfahrer dieser Stadt" folgt er an anderer Stelle den Spuren von Tocotronic.
 
 
 
Ich möchte dein Hund sein
  Wären Dakar und Grinser eine typisch verschwitzte Rockcombo, diese Ansagen hätten etwas Peinlich-Berührendes. Aber wie immer im Pop ist es der Kontext, der alles ausmacht. Statt offener Aggressivität oder gar martialischem Teutonentum strahlt Kreuz eine verkommene Blasiertheit aus, die an meine Lieblingsfiguren in alten Münchner Fernsehkrimis erinnert: verkokste Strizzis, mörderische Buben aus chicen Villenvierteln, Jungzuhälter in edlem Tuch.

Dazu zaubert Michael Kuhn aka Grinser eine zwingende Mixtur aus Electrofunk, Techno und Disco aus seinen Maschinen und der kongeniale Drummer arbeitet wie ein von Giorgio Moroder programmierter Computer. Als dann auch noch die Stooges-Hymne "I wanna be your dog" ertönt, lächle ich vollends glücklich.

 
 
  Der Rock'n'Roll, der lange Zeit zurecht in der Retrohölle schmorte, ist für mich damals im Juni 2000 wieder auferstanden. Aber nicht im Originalgewand, wie es heute wieder von so vielen Mando Diaos des Planeten getragen wird. Sondern auf eine wirklich neue Weise, die von den alten Fehlern gelernt hat.

Die Neunziger dagegen und vor allem ihre zweite Hälfte wirken plötzlich unendlich weit weg.
 
 
 
Die Subversivität der Pose
  Dakar & Grinser spalten nicht nur in jener Nacht die Meinungen. Sind die einen begeistert, finden andere ihre Livespektakel machomäßig und poserhaft. Und sie übersehen dabei, dass die beiden Herren in der Tradition von so unterschiedlichen Größen wie dem früheren David Bowie, dem Roxy Music-Brian Ferry oder dem Mittsiebziger-Iggy Pop stehen, gar nicht zu reden von vielen Achtziger-Ikonen. Was diese Leute verbunden hat, war ein offensiver Bruch mit der Natürlichkeits-Verklärung der Hippieära.

Das Chamäleon Bowie erkannte, dass jeder Auftritt auf einer Bühne immer einen artifiziellen Akt der Inszenierung darstellt, ob unfreiwillig oder bewusst, so wie ja auch Bekleidung sogar in der unmodischsten Verweigererform automatisch in Modekategorien beschreibbar ist.

Wenn es also gänzlich unmöglich scheint, sich als Popstar "natürlich" zu geben, warum nicht subversiv mit Stereotypen spielen?

 
 
  Nun, dieses Spiel beherrschen Dakar & Grinser perfekt, Popstars sind sie leider nicht geworden. Zu früh dran für den späteren TodesdiscoPunkfunkElectrocash-Hype läuft nach einem famosen Start bei den beiden alles schief. Egos knallen aufeinander, diverse Substanzen dürften die Sinne vernebelt haben. Und während manche Kollegen reüssieren, gehen die Münchner getrennte Wege.
 
 
 
Triumph des Fleisches
  Michelle Grinser trifft auf our very own Florian Horwath und macht mit dem warmherzigen Tiroler das dementsprechend schmoove Projekt Grom. Christian Kreuz nimmt ein deutschsprachiges Soloalbum auf, das zwischen völligem Größenwahn und niederen Instinkten schwankt und zumindest mit dem Titelsong 'Koks und Prada' einen tollen Hit abwirft. Richtig glücklich scheinen die Sleazekönige aber dabei nicht zu werden.

Also haben sich Dakar & Grinser wieder zusammengefunden und legen erneut los. Slicker und souliger klingt die Rückkehr der Electro-Schlawiner. Trotzdem finden sich unter der vermeintlich glatten Oberfläche noch genügend Schmutzspuren, Drogenreste und eingetrocknete Körperflüssigkeiten. 'Triumph Of Flesh' heißt das Album passenderweise. Ach ja, und einige wirklich tolle Nummern reanimieren tatsächlich die Beasts Of Bourbon und Sisters Of Mercy im Schein der glitzernden Spiegelkugeln.

Da ist sie wieder, diese Schönheit der Arroganz, die in der Wintersaison 2005 Cowboyboots trägt. Welcome back, boys.

 
 
  Dakar & Grinser live am Freitag, 4. November 2005, bei Satellitenstadt@Slopes Club, Schönbrunnerstraße 175, 1120 Wien. DJs: Erdem Tunakan, 3Volt, Wunderknabe Felix, Brat und MarfloW.

Vor ihrem Auftritt sind Dakar & Grinser am Freitag außerdem im FM4 La Boum de Luxe Studio zu Gast.

Und ein Radiobeitrag von Robert Glashüttner zu 'Triumph Of Flesh' ist am 15. November in der FM4 Homebase zu hören.
 
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