Es gab einmal eine ferne Zeit, da gehörte ich zu den Abstinenzlern in Sachen Fernsehserien. Schuld daran war nicht nur das armselige Angebot in den deutschsprachigen TV-Kanälen. Oder auch die vielfach lieblose und verfälschende Synchronisation.
Es kam auch ein persönliches Problem dazu. An einem oder mehreren Abenden in der Woche regelmäßig fernzusehen passt einfach gar nicht in meinen ungeordneten Lebensrhythmus. Wenn dann Ausstrahlungen auch noch zu verschiedenen Zeitpunkten stattfinden, wie es bisweilen Unsitte ist, reduziert sich bei mir die Chance, eine bestimmte Folge zu erwischen, noch mehr. Auf Null nämlich.
Nun ist das alles längst Geschichte, wie ich hier schon des öfteren bemerkt habe. DVD-Boxsets befreien von der Diktatur der Sendezeit, sie erlauben aber auch geballte Seh-Sessions, bei denen etliche Episoden zu einem Marathonfilm verschmelzen.
Passenderweise überbieten sich amerikanische und teilweise auch britische Sender seit einigen Jahren mit Serien, gegen die der Großteil der aktuellen (Unterhaltungs-)Kinoproduktion verblasst. Da wird zum einen die Mühsal der Existenz auf eine intensive, tiefschwarze und kluge Weise abgehandelt, von der gemeine Indie-Filmer nur träumen können. Oder es geht um eine radikale Neudefinition von abgenutzten Genres, wie sie Hollywood nicht mehr zustande bringt.
Virtuose Spannungserzeugung
'Lost' gehört eindeutig in die letztere Kategorie. Den emotionalen Tiefgang von 'Six Feet Under' und anderen HBO-Wundern sucht man in diesem ABC-Mystery-Drama natürlich vergeblich. Auch die subversiven Ansätze, mit denen etwa 'Firefly' versuchte, das US-Hauptabendprogramm zu unterwandern, haben in dieser Serie kaum Platz.
Warum ich dennoch zum absoluten 'Lost'-Junkie mutiert bin? Weil J.J. Abrams ('Alias') und Damon Lindelof, die Schöpfer der Flugzeugabsturz-Saga, so virtuos Spannung erzeugen wie niemand anderer im Moment. Die vorher erwähnten und noch andere Serien bringen mich zum Weinen oder Lachen, umklammern mein Herz oder stimulieren meine Gehirnzellen. 'Lost' sorgt dafür, dass meine Hand sich in die Couch krallt. Und das schafft bei einem abgebrühten Hund wie mir auch der härteste Splatterwahnsinn nicht.
Illustre Charaktere
Der Non-Stop-Suspense beginnt mit einem der packendsten Pilotfilme der TV-Historie. Mit einem mächtigen Knall sind wir mitten dabei, als ein voll besetztes Linienflugzeug auf einer malerischen Insel eine Bruchlandung hinlegt. In dem Inferno aus Feuer, Blut und Lärm fokussiert die Handkamera auf ein Dutzend Charaktere, die dann auch im Zentrum der weiteren Folgen stehen.
Da haben wir den smarten Arzt Jack (Matthew Fox), der sich bald als Anführer der Überlebenden herauskristallisiert, ein typisches Serien-Alphamännchen. Ihm gegenüber steht als potentieller Love Interest die Powerfrau Kate (Evangeline Lilly), die sich als verurteilte Straftäterin entpuppt. Es gibt mit dem Geschäftsmann Locke (Terry O'Quinn) einen esoterischen Einzelgänger, aus dem niemand schlau wird.
Ein wortkarges koreanisches Ehepaar und ein afroamerikanischer Vater mit seinem schwer erziehbaren Sohn, eine fragile Hochschwangere und ein Ex-Soldat aus dem Irak, ein zynischer Südstaatenmacho und ein abgehalfterter Rockstar, ein übergewichtiger Geek und ein zerstrittenes Geschwisterpärchen vervollständigen das illustre Personal.
Bizarre Geräusche im Dschungel
So weit, so Soap Opera. Tatsächlich bedient 'Lost' in den Rückblenden, mit denen die Serie gespickt ist, etliche diesbezügliche Klischees. Jeweils das Schicksal eines unfreiwilligen Inselbewohners rollen die Drehbuchautoren pro Episode auf, Beziehungsgeschichten und Rassenkonflikte, Familientraumata und Drogenabgründe sorgen in diesen Flashbacks für ein Übermaß an dramatischem Potential.
Aber neben ihren individuellen Dämonen, die sie mit sich herumschleppen, und der Suche nach Nahrung und Unterschlupf sind die Absturzopfer noch mit ganz anderen Schwierigkeiten konfrontiert. Und hier wird es interessant. Bizarre Geräusche dröhnen aus dem Dschungel, flüsternde Stimmen ertönen in der Nacht, irgendetwas Riesenhaftes zerstampft draußen im Dunkel das Laub. Anscheinend sind die Frauen und Männer des Oceanic Flight 815 nicht alleine auf ihrem Eiland...
Ins Herz der Finsternis
Viel mehr sollte man 'Lost'-NovizInnen eigentlich nicht ausplaudern, denn das würde das immense Vergnügen an der eben erschienen DVD-Box rauben. Nur so viel: Abrams, Lindelof und die anderen Köpfe hinter der Serie bedienen sich weder bei Spielbergs 'Jurassic Park' noch bei den guten alten 'X-Files'. Sie kreieren im Laufe der 25 Episoden der ersten Staffel eine ganz eigene Mythologie, deren Originalität ständig überrascht.
Der zentrale Trick: Während das aktuelle Mysterykino immer zu viel zeigt, klärt 'Lost' nur Ansätze seiner unzähligen Geheimnisse auf. Auf jede Enthüllung folgen etliche neue Ungewissheiten.
Natürlich funktioniert so etwas nur bis zu einem bestimmten Punkt. Eines Tages muss das ganz große Rätsel gelöst werden oder die Zuschauer steigen entnervt aus. Irgendwann ist die Desillusion fällig. Bis dahin dürfte es aber noch dauern. Denn 'Lost' ist vor allem in den USA zu einem Massenphänomen mit gigantischen Einschaltquoten geworden. Fragen, wer "The Others" sind oder was sich zum Teufel "down in the hatch" versteckt, beschäftigen Millionen.
Ich verstehe das, seit ich zum Kreis der 'Lost'-Süchtigen gehöre. Und ich kann anderen Abhängigen bereits verraten, dass die erste Hälfte der zweiten Season keineswegs qualitativ abfällt. Es geht tiefer in den Dschungel hinein und in stockdunkle Luken hinab. Was dort an Überraschungen im Herz der Finsternis lauert, hat es in sich. Stay tuned!
'Lost - Die komplette erste Staffel' ist als 7-Disc-Set erschienen, inklusive etlicher Extras und Special Features.