Bevor jetzt irgend jemand anlässlich dieser Geschichte den potentiellen Totalausverkauf von FM4 oder des gesamten Abendlandes heraufbeschwört, sei wieder einmal grundsätzlich erklärt: Die diversen Hostbereiche hier stehen einzig für die subjektiven und oftmals sogar ziemlich gegensätzlichen Meinungen der dazugehörigen Menschen. Offizielle oder gar dogmatische Sender-Standpunkte sucht man vergeblich.
Alles klar? Dann kann ich endlich zum Thema kommen.
Da meldet sich doch gestern wieder einmal Joel Kairo, jener Filmspion, der zu all den lässigen Festivals dieses Planeten reist. Und sein Mail drehte sich ausnahmsweise nicht um das Kino.
"Bin ja heute bei Tokio Hotel" schreibt der mehrfache Vater völlig aufgelöst. "Joel Jr. raubt mir den letzten Nerv. Seit gestern Abend liegen Motörhead-T-Shirt, Camouflage-Hose, diverse Totenkopf-Schweißbänder, E-Gitarrenkette und schwarzer Nagellack bereits in seinem Zimmer bereit. Gestern total aufgedreht, heute ist er bereits um 06:30h grinsend in meinem Zimmer gestanden, wo ich ihn sonst jeden Tag fast aus dem Bett prügeln muss. Hammer!"
Das kommt wie gerufen. Joel, her mit einem Review. Eigentlich überlegte ich etwa fünf Minuten lang selber zu diesem Konzert zu gehen, zusammen mit meinen Kollegen David Pfister und Robert Zikmund. Aber wie auch bei sämtlichen Gigs von Blackmetalbands mit unaussprechlichen Namen trauen wir uns dann doch nicht.
Monsieur Pfister ist ja schuld daran, dass der Name Tokio Hotel in den zwielichtigen Kreisen unserer FM4-Lesegruppe seit geraumer Zeit die Runde macht. Bei unserer letzten Tournee schleppte er nämlich so eine Musikgazette für sehr jugendliche Leser in den Bus und beim lustvollen Zerfleddern dieses Hefts entdeckten wir das wundersame Universum dieser Band. Später erklärte mir beispielsweise ein echter Punkveteran der ersten Stunde frühmorgens in einem Lokal, er sei zwar hetero und alles andere als pädophil veranlagt, aber trotzdem finde er diesen Bill unglaublich sexy.
Ein generationenumspannendes Phänomen, auf das sich Eltern der (Post-)Punk-Ära mit ihren Kindern einigen können? Ich ziehe mich jetzt zurück und lasse mit Joel Kairo einen Erziehungsberechtigten ausführlich zu Wort kommen, der sich mitten ins Auge des Taifuns begeben hat:
Ich hatte mich entschlossen, Joel Jr. gestern auf das erste richtige Popkonzert seines Lebens zu begleiten. Ein Ereignis, dass bereits Tage zuvor mit akribischen Vorbereitungen begann.
Für mich bedeutete es, dass ich mir am Wochenende die ganze CD anhören musste, um festzustellen, dass ich sie - aus dem mit Tokio Hotel-Postern plakatierten - Kinderzimmer bereits so oft herausplärren gehört hatte, dass ich die meisten Songs sogar mitsingen konnte, ohne das es mir bisher bewusst war. Joel Jr. legte bereits am Vorabend die Konzertkleidung zurecht, inkl. diverser Rock'n'Roll-Insignien, um seine Nervosität zu bekämpfen.
Joel Junior
Am Tag des Konzerts hyperventilierten die ersten Mädchen bereits zu einem Moment vor der ausverkauften Wiener Stadthalle, wo sie sich eigentlich mit Jausensackerl auf den Schulweg befinden sollten.
Zeit, für einen popkulturell interessierten Vater sich einmal Gedanken über das Phänomen Tokio Hotel zu machen und dabei bereits die Hass-Postings derer vor Augen zu sehen, die gerade die Tokio Hotel-Zielgruppe verlassen haben und Mando Diao für den Gipfel innovativer Rockmusik halten.
Um es vorweg zu nehmen: Ja, ich mag Tokio Hotel. Oder besser: Ich mag die Idee Tokio Hotel.
Teeniebands hat es immer gegeben und wird es solange geben, solange es kleine, begeisterungsfähige Menschen gibt, die die Burschen auf der Bühne anhimmeln. Meist bedeutete dies in der Vergangenheit: Zielgruppenaffin gecastete Schönlings-Boygroups, die langweiligen Plastikpop mit dramatischer Mimik ins Mikro säuselten und dabei in Choreografien tanzen, für die man mich in meiner Jugend in der Kleinstadtdisko verprügelt hätte.
The Agony is the Ecstasy
Tokio Hotel bringen erstmals den Rock 'n' Roll zu den Kids und das meine ich ernst. Einen Song wie "Schrei!" hätte man vor 20 Jahren vermutlich noch in die Lade Deutschpunk gelegt. Hier und heute ist das Mainstream. Vor allem aber bringen Tokio Hotel die Relevanz zu den Kids und das meine ich noch viel ernster. Texte wie "Du stehst auf und du kriegst gesagt, wohin du gehen sollst/Wenn du da bist, hörst du auch noch, was du denken sollst/Danke, dass war mal wieder echt'n' geiler Tag/ Du sagst nichts und keiner fragt dich: Sag mal, willst du das?" sind für Kids im vielleicht schwierigsten Alter des Lebens wesentlich relevanter als beispielsweise die kreuzbiederen Spießer-Durchhalte-Hymnen der Wir sind Helden.
Vielleicht helfen den naiv-unschuldigen unter den ganz jungen Leuten solche Texte sogar, sich kurz noch einmal aufzubäumen, bevor sie realisieren müssen, dass der in "Schrei!" beschriebene Tagesablauf das ist, was sie den Rest ihres Lebens als Erwachsenensein, als Leben, zu akzeptieren haben.
Bis dahin dürfen sie noch einmal laut um Hilfe schreien und jammern: "Draußen hängt der Himmel schief und an der Wand dein Abschiedsbrief". Einmal noch, bevor sie sich selbst einreden, dass sie nur "wollen müssen", dass "dieser Weg steinig ist."
Auch wenn ihr mit hysterischem Gekreische gestern mein Trommelfell zerfetzt habt, bin ich bei euch und verstehe, warum ihr Bill, den camp-retro Mix aus Bambi und Marylin Manson sexy findet. Fehlende Authentizität wird ihm vorgeworfen. Hallo! Der Junge ist Popstar, der muss nicht authentisch sein, der muss bigger than life, größer als das Leben der Teenager zwischen Schulstress, Liebeskummer und resignierend-überforderten Eltern sein.
Wenn die Kids authentisch-sympathische Jungerwachsene wollen, können sie immer noch in die nächste Raiffeisenbank-Filliale oder aufs Christl Stürmer-Konzert gehen.
Joel Jr. und ich haben den Abend auf jeden Fall genossen. Der Junior, weil er seine Helden live gesehen hat. Ich, weil ich ihn dabei begleiten durfte. Weil ich glückliche, ekstatische und obsessive junge Menschen gesehen habe. Weil sie mir kurz die Illusion gegeben haben, dass sie sich nicht in die kapitulierenden Zombies verwandeln werden, die mit uns in der U-Bahn zum Konzert gesessen haben.