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Wien | 2.11.2006 | 20:28 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
This Is Hardcore
  Achtung, dieser Film nimmt keine Gefangenen. Er ist brutal, knochenhart und politisch unglaublich unkorrekt. 'Hostel' oder 'The Hills Have Eyes' sind ein Lercherlschas dagegen.

Ganz nebenbei ist 'Borat: Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan' der lustigste Film des Jahres geworden.

Sacha Baron Cohen, der britische Komiker, dem wir bekanntlich auch so köstliche Figuren wie den Möchtegern-Hip Hopper Ali G. und den österreichischen Modejournalisten Bruno verdanken, steigt mit den Leinwandabenteuern seiner berüchtigtsten Figur in eine Kategorie auf, die ich die Königsdisziplin des Humors nenne.

In dieser Zone hagelt es Witze, die zwar zum Brüllen komisch sind, aber gleichzeitig für schwere Verstörung sorgen.
 
 
  Und natürlich meine ich damit nicht Derbheiten à la 'Jackass' und Nachfolger, das ist infantiler Bubenkram, der von der Königsdisziplin des Humors nicht weiter entfernt sein könnte. Nein, ich meine eine Art der Komik, für die etwa das amerikanische Duo Trey Parker und Matt Stone steht, mit dem immer noch andauernden South Park-Wahnsinn und dem großartigen 'Team America'-Film. Ich rede von britischen Comedy-Genies wie Ricky Gervais und Stephen Merchant, die das befreiende Lachen stets mit einem Gefühl der Betretenheit kombinieren, wo man sich unangenehm windet beim Zusehen.

 
 
Die Waffe der Verwirrung
  In der Königsdisziplin des Humors gibt es wenig Sicherheiten und schon gar keine klaren Fronten.

Wir können nur hoffen, dass beispielsweise die South Park-Macher im Grunde ein goldenes Herz haben, trotz ihrer Frontalattacken unter sämtliche Gürtellinien und gegen alle humanistischen Errungenschaften. Ich persönlich bin überzeugt, dass es sich bei Parker und Stone um zwei Gute handelt. Ich zweifle keine Sekunde an der Menschlichkeit von Ricky Gervais, auch wenn er in seinen Witzen weder vor Behinderten noch dem Thema Nationalsozialismus zurückschreckt.

Genauso halte ich Sacha Baron Cohen für einen großen Aufklärer, der sich der letzten subversiven Waffe bedient, die in postmodernen und ideologisch vollends verwirrten Zeiten noch existiert: der schweren Verwirrung.

 Borat Sagdiyev als Sacha Baron Cohen
 
 
  Der akademisch gebildete Cohen hat als Borat in seiner Ali G.-Show eine simple Methode perfektioniert: Er lässt seinen fiktiven Tollpatsch mit Menschen aus der wirklichen Welt zusammentreffen und verwickelt diese in entlarvende Gespräche. Die Opfer, die angeblich schon vor der Aufnahme ihre Zustimmung zur Veröffentlichung geben, sind genau ausgesucht.

Im Fall von Borat und auch des jetzt anlaufenden Spielfilms handelt es sich dabei um Amerikaner sämtlicher Richtungen, die den linkischen Ausländer mit Lebenshilfetipps versorgen: Rednecks, Homeboys, Liberale, Feministinnenclubs, Konservative. Kasachstans berühmtestem Reporter gelingt es dabei sogar noch die verbohrtesten Dumpfgummis punkto ungeheuerlicher Wortmeldungen zu übertreffen.

Was 'Borat: Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan' dabei letztendlich zeigt, ist ein ungeschminktes, finsteres Stimmungsbild Amerikas, von dem ein Michael Moore nur (alb-)träumen kann. Nicht die Kunstfigur Borat verbreitet "Sexismus, Rassismus, Schwulenfeindlichkeit und das gefährlichste aller sozialen Gifte: Antisemitismus", wie es ihm die New York Times vorgeworfen hat. Sondern viele die illustren Typen, die der rasende Reporter bei seiner Reise durchs Land der unbegrenzten Möglichkeiten trifft.


 
 
Schaf im Wolfspelz
  Natürlich betritt man ein Minenfeld, wenn man so wie Sacha Baron Cohen in die Maske eines geschmacklos angezogenen Schnauzbartträgers schlüpft, der im Film jetzt stolz von einem Karneval im (Fantasie-) Kasachstan berichtet, wo überdimensionale jüdische Figuren durch die Stadt gejagt werden.

Aber mal abgesehen von der Tatsache, dass Cohen in einem traditionell jüdischen Haushalt in Wales aufwuchs und seine Mutter gebürtige Iranerin aus Israel ist und er sich in seiner Abschlussarbeit in Cambridge mit den Schwierigkeiten ethnischer Minderheiten auseinandersetzte: Sein Schaf im Wolfspelz-Prinzip gehört für mich zu den interessantesten popkulturellen Praktiken.

 
 
  Während klar deklarierte Protestsänger, wie poetisch sie auch sein mögen, immer sofort für das "System" klassifizierbar sind und oft genug als benötigter Kontrapunkt belächelt werden, gibt es stets auch verunsichernde Künstler, die sich den Wolfspelz des Bösen überziehen. Velvet Underground etwa sorgten in der kuscheligen Love & Peace-Ära für Unruhe. Die Industrial-Ikonen Throbbing Gristle oder Foetus kippten mit deutlichen Images von Militarismus, Nazismus und Stalinismus jede Menge Feuer ins Öl einer erstarrten Subkultur.

Dieses gefährliche Spiel hatte zum einen durchaus transgressiven Charakter. Denn frei nach den Wiener Aktionisten versteht man die Schattenseiten des Menschen nur, wenn man sie - auf eine Weise, die andere nicht ernsthaft gefährdet - auch selber durchlebt. Zum anderen rüttelten Throbbing Gristle & Co. mit ihren Provokationen wirklich zum Denken und zur Auseinandersetzung auf, während der übliche Protestrock bloß zu den ohnehin Konvertierten predigte.

 
 
  Borat Sagdiyev alias Sacha Baron Cohen steht in der Tradition der radikalsten und anarchischsten Kräfte des Pop. Er enttarnt mit menschenverachtenden Scherzen den menschenverachtenden Alltag. Wenn dieser Mann eine Gefahr ist, dann nur für die Lachmuskeln.
 
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  boratmovie.com
   
 
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