Es gibt ja Menschen, die glauben tatsächlich, beim Filmspion Joel Kairo handelt es sich um ein Alter Ego des Schreibers dieser Zeilen. Nun, dann wäre mein Leben wohl sehr nahe am Plot von 'Fight Club' dran. Und ich würde mir an manchen illuminierten Abenden in Wiener Lokalen wohl ganz Tyler Durden-mäßig selber zuprosten.
Joel Kairo existiert, meine Damen und Herren, und im Gegensatz zu meiner Wenigkeit düst er von internationalem Festival zu Festival. Jetzt war wieder Toronto dran, wo sich abseits vom Glamour die echten Kinojunkies treffen.
Hallo Joel, welche Filme haben es dir heuer in Toronto besonders angetan?
Nun, da sind Produktionen, über die bereits im Zusammenhang mit Cannes und Venedig ausführlich berichtetet wurde. Besonders 'Auf der anderen Seite', Fatih Akins zweiter Teil seiner "Liebe, Tod und Teufel"-Trilogie begeisterte mich. Liebe, Nächstenliebe, die Suche und das Scheitern verbinden die Figuren, wobei jeweils das Handeln des einen das Schicksal des anderen bestimmt.
'Auf der anderen Seite'
Und der neue, vielfach gefeierte Ang Lee?
'Lust, Caution' konnte mich wegen der etwas zähen ersten Hälfte insgesamt nicht zu hundert Prozent überzeugen. Ein paar anfängliche Längen trüben auch den insgesamt sehr positiven Gesamteindruck von 'The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford', selbst wenn es nachvollziehbar ist, dass Andrew Dominik bei durchkomponierten, fast malerischen Bildern, einem atmosphärischen Soundtrack von Nick Cave und zwei fantastischen Darstellern so wenig Zelluloid wie möglich auf dem Boden des Schneideraums lassen wollte.
Enttäuscht hat mich auch leider 'Sukiyaki Western Django' von Takashi Miike, der seine großartigen Ideen letztendlich einem doch faden Drehbuch opfert. 'Sleuth' will einem in jeder Sekunde zeigen, was für ein großartiger Regisseur Kenneth Branagh doch ist und scheitert ebenso wie der (mir grundsympathische) Jude Law, der versucht, gegen Michael Caine anzuspielen.
Jodie Foster zu kritisieren, gleicht einem Sakrileg, aber dennoch hat sie mich in 'The Brave One' als weiblicher Charles Bronson nicht überzeugen können. Ihr und Neil Jordans Name dürften trotzdem helfen, dass der Film intelligenter rezipiert wird, als er ist.
'Lust, Caution'
Hmm... sprechen wir über deine Entdeckungen des Festivals, besonders auf deine Meinung zum neuen Cronenberg bin ich gespannt...
Mit 'Eastern Promises' schließt Cronenberg dort an, wo er bei 'History of Violence' aufgehört hat. Gewalt und Brutalität halten Einzug in das Leben einer Durchschnittsperson. Und wenn Cronenberg Brutalität sagt, dann meint er auch Brutalität. Naomi Watts schickt er in eine Hitchcock'sche Thrillergeschichte, in der sie als Hebamme Anna mit ansehen muss, wie ein 14-jähriges Mädchen bei der Geburt ihrer Tochter stirbt, und beschließt, die Familie des Mädchens ausfindig zu machen. Ein Tagebuch auf Russisch führt sie schließlich zum Restaurantbetreiber Seymon (Armin Müller-Stahl, mit großartigem Sohn Vincent Cassel), der sich als einer der gnadenlosesten Bosse der Londoner Russenmafia herausstellt.
Diese Entwicklung von Cronenberg hin zum Regisseur ungewöhnlicher Thriller finde ich ja höchst spannend, dem Körperkino bleibt er ja weiterhin treu...
Stimmt. Könnte Annas Suche stellenweise ein wenig mehr Tempo vertragen, streut Cronenberg immer wieder blutige, schonungslose Gewaltszenen, nah an der persönlichen Schmerzgrenze, ein, die sich gewaschen haben. Viggo Mortensen überzeugt wieder als ein Mann, der nicht ist, was er zu sein scheint, und hat mit seinem Nacktkampf (ja, er kämpft nackt gegen zwei mit Messern bewaffneten Mobster in der Herrensauna) einen Standard geschaffen, der in absehbarer Zeit kaum zu schlagen sein dürfte.
'Eastern Promises'
Kommen wir zu einem Film, von dem ich bete, dass er im Viennale-Programm zu finden ist...
Mir ging es im Vorfeld anders. Aus irgendeinem Grund war mir 'Control', Anton Corbijns Film über das kurze Leben von Ian Curtis, ein wenig suspekt. Der Regisseur und die Tatsache, dass er in Schwarz/Weiß dreht, haben mich geschmäcklerisches Fotografenkino befürchten lassen.
Zugegeben, diese Bedenken verstehe ich.
Doch Corbijn, der es sich natürlich nicht nehmen lässt, auch seine ästhetischen Vorlieben zu filmen, tritt weitgehend hinter seine Figuren, beziehungsweise hinter den überzeugenden Sam Riley zurück. So widmet er Ian Curtis' musikalischer Karriere und ihren Schattenseiten genauso viel Platz wie dessen Privatleben, immer hin- und hergerissen zwischen seiner Frau und seiner Geliebten, und hält gekonnt die Balance zwischen düsteren und heiteren Sequenzen.
Zwischen Curtis' Ringen mit Selbstbewusstsein gegen Selbstzweifel, mit Lebensfreude gegen Selbstzerstörung, mit dem Ruhm gegen den Druck, der mit dem Ruhm kommt, baut Corbijn die Songs geschickt ein. Dass am Ende 'Atmosphere' ertönt, dürfte hierbei niemanden überraschen.
'Control'
Der Nächste bitte...
Nach seinem Oscar für 'Tsotsi' zeigt Gavin Hood in seinem US-Debüt 'Rendition', wohin für ihn die Reise gehen soll und er sich offenbar wohlfühlt: dort, wo man im Allgemeinen von "intelligenter Unterhaltung" spricht. Ein in den USA lebender und mit einer Amerikanerin verheirateter Ägypter wird wegen Terrorverdachts von der CIA verschleppt und außerhalb der USA in ein Gefangenenlager geworfen. Seine Frau versucht in den USA, seine Unschuld zu beweisen, während ein junger CIA-Analyst vor der heiklen Frage steht, ob er die Folterung dulden kann und so eventuell tausenden von Menschen das Leben rettet oder ob er an die Unschuld Anwars glauben soll.
Ein brisantes Thema, raffiniert, aber nicht zu komplex inszeniert, sodass es ein Mainstream-Publikum nicht überfordert, sowie ein überzeugender Cast mit einer Mischung aus bekannten Gesichtern und No-Names helfen Hood, seine Message vermutlich an Zuseher zu bringen, die Politthriller per se nicht als ihr Lieblingsgenre bezeichnen würden. Routiniert gemachtes, solides Kino mit abgeschliffenen und gepolsterten Ecken und Kanten.
'Rendition'
Dann ist da noch ein gefeierter Beitrag zu meinem Beinahe-Lieblingsgenre der dysfunktionalen und charmant gestörten Romantic Comedy mit tragischem Touch...
Retrospektiv fragt man sich, warum man sich bei 'Juno', dessen Kinoeinsatz, wie Kollegin Reiser vermutet, wieder an der Hasenfüßigkeit der Verleiher scheitern wird, so wahnsinnig amüsiert hat, denn eigentlich ist die Geschichte zusammengefasst eher unspektakulär. Die schlagfertige, 16-jährige Juno wird schwanger und entschließt sich, das Kind auszutragen und zur Adoption an ein Vorzeigeehepaar freizugeben.
Aber die unglaublich charmante Ellen Page, ein großartiges Drehbuch voll geistreicher, mit Bonmots gespickter Dialoge und bis in die letzte Nebenrolle perfekt besetzte Darsteller lassen den Zuseher über 92 Minuten darüber grübeln, ob die Tränen in den Augen vor Lachen oder vor Rührung stammen. Perfekt aufeinander abgestimmt bilden Komödie und Drama eine kurzweilige und deswegen nicht weniger intelligente Symbiose, in der selbst Jennifer Garner nicht fehlbesetzt wirkt.
'Juno'
Sehr schön. Neues vom Filmemacher Sean Penn war auch in Toronto zu sehen...
Ich bin ein großer Freund aller seiner drei bisherigen Regiearbeiten, aber in dem auf einem wahren Fall basierenden Road-Movie 'Into the Wild' lässt er sich schon sehr viel Zeit. Christopher McCandels meint es mit seiner Gesellschafts- und Konsumkritik ernst, verbrennt nach seinem Collegeabschluss Ausweis, Führerschein und Geld, reist per Autostopp durch die USA, macht neue Bekanntschaften, arbeitet hin und wieder, lässt sich jedoch hauptsächlich einfach treiben. Sein Ziel ist die Einöde Alaskas, wo er sich schließlich allein in die Wildnis begibt, um von dem zu leben, was die Natur hergibt.
'Into the Wild'
Na, ich weiß nicht, ich glaube, da bin ich nicht die richtige Zielgruppe, betrachte ich solche Aussteigerfantasien doch mit äußerster Skepsis...
Gelangweilt habe ich mich nicht bei der Kerouac'schen Odyssee und dem letztendlichen Scheitern des Protagonisten, mit den immer wieder eingestreuten Reaktionen der Familie des jungen Antihelden, aber ich nehme es niemandem übel, wenn er es tut.
Joel, danke auf jeden Fall für deine Eindrücke und bis zum nächsten Festival.
'Eastern Promises', UK/Kanada 2007, Regie: David Cronenberg
D: Naomi Watts, Viggo Mortensen, Vincent Cassel, Armin Müller-Stahl
'Control', UK 2007, Regie: Anton Corbijn
D: Sam Riley, Samantha Morton, Alexandra Maria Lara
'Rendition', USA/Südafrika 2007, Regie: Gavin Hood
D: Jake Gyllenhaal, Reese Witherspoon, Alan Arkin, Meryl Streep, Peter Sarsgaard, Omar Metwally
'Juno', USA 2007, Regie: Jason Reitman
D: Ellen Page, Michael Cera, Jason Bateman, Jennifer Garner
'Into The Wild', USA 2007, Regie: Sean Penn
D: Emile Hirsch, Marcia Gay Harden, William Hurt, Jena Malone, Catherine Keener