Sie reiten seit geraumer Zeit wieder, die Kuhbuben mit den breitkrempigen Stetsons. Allerdings knüpfte das Westernkino der Gegenwart bislang nicht an die gängigen Klischees des Genres an.
In 'Brokeback Mountain' verliebten sich zwei junge Viehhüter ineinander. 'The Assassination Of Jesse James By The Coward Robert Ford' zeigte Brad Pitt als lebensmüden Outlaw in einem existentialistischen Zeitlupen-Drama. Und der australische Outback-Western 'The Proposition' schockierte mit einer gänzlich nihilistischen Sicht auf die Welt.
Entschieden klassischer gibt sich nun Hollywoods neuester Ausflug in den Wilden Westen. In '3:10 To Yuma' scheinen die porösen Grenzen zwischen Gut und Böse wieder intakt zu sein, die althergebrachten Männerideale ebenso.
Gefahren am Wegesrand
Auf der einen Seite steht Christian Bale als verarmter Rancher, der mit seiner Frau und den zwei Söhnen eine kleine Farm betreibt. Dan Evans ist ein einfacher Mann mit Prinzipien, der lieber seine Existenz aufs Spiel setzt, bevor er sich korrumpieren lässt.
Der verkommene Gegenspieler wird von Russell Crowe gespielt. Ben Wade zieht mit seiner Gang raubend und mordend durch das Land, sein Steckbrief hängt überall.
Durch eine Verkettung von Ereignissen wird der integre Dan Evans gezwungen, einen äußerst riskanten Gefangenentransport zu begleiten. Denn es ist der berüchtigte Mr. Wade, der von einer Gruppe Gesetzeshüter zum Bahnhof eskortiert werden soll, wo ihn der Zug zur Verhandlung erwartet. Vigilanten lauern ebenso am Wegesrand wie Indianer und vor allem die gefährliche Bande des Inhaftierten.
Lektionen gelernt
Regisseur James Mangold begeisterte zuletzt mit seinem leidenschaftlichen Johnny Cash-Biopic 'Walk The Line'. Mit '3:10 To Yuma' gelingt ihm aber etwas besonders Wundersames. Plötzlich kommt da aus dem Nichts ein völlig straighter Old-School-Western daher, mit allem, was dazugehört: Postkutschenüberfälle, Desperados, die in den Sand spucken, laszive Saloondamen, sogar amerikanische Ureinwohner mit Kriegsbemalung.
Und diese scheinbare Ansammlung von Stereotypen, sie funktioniert, fasziniert und fesselt zwei spannende Kinostunden lang.
Wer jetzt auch eine Rückkehr zu manchen reaktionären Untugenden der John Wayne-Ära befürchtet, damit hat James Mangold nichts am Cowboy-Hut. Natürlich hat er auch von den besten Anti-Western der Filmgeschichte seine Lektionen gelernt. Manchmal flackert da ein Hauch von der Härte eines Sam Peckinpah auf und eine Spur vom Zynismus der Italowestern. Auch der Soundtrack kann eine gewisse Affinität zu Ennio Morricone & Co. nicht leugnen.
Moralischer Konflikt
Aber gleichzeitig ist 'Todeszug nach Yuma', wie der deutsche Titel lautet, an keiner Stelle eine ironische Western-Hommage oder gar ein postmoderner Zitatexzess à la Tarantino. Der Radikalhumanist James Mangold nimmt den moralischen Konflikt zwischen dem aufrechten Dan Evans und dem asozialen Ben Wade hundertprozentig ernst.
Und so eine Ernsthaftigkeit wieder mal auf der Leinwand zu sehen, mitten im gänzlich abgeklärten und von ideologischen Konfusionen verwirrten Hier und Jetzt, darin liegt eine der Schönheiten dieses Films.
Dabei unterwandern die beiden Hauptdarsteller auf großartige Weise ihre archetypischen Figuren. Christian Bale verwandelt den braven Farmer in einen manischen, gehetzten Verlierer, der vom Leben geprügelt wird. Russell Crowe brilliert in seiner besten Rolle seit Jahren als cleverer, belesener Killer mit einem schelmischen Augenzwinkern.
Großes Schauspielerkino
Nur einer stielt Bale und Crowe beinahe die Show: Ben Foster, der sich spätestens seit 'Alpha Dog' als einer der getriebensten Schauspieler seiner Generation erweist. Als psychopathischer Revolverheld, der seinen Boss abgöttisch anhimmelt, erinnert er an Klaus Kinski in besten Spaghettiwestern-Tagen.
Mit unter anderem Gretchen Mol, Peter Fonda und dem blutjungen Logan Lerman sind aber auch sämtliche Nebenrollen perfekt besetzt. '3:10 To Yuma', das ist großes Schauspielerkino, spektakuläre Breitwandaction, Pathos und Psychologie zugleich.
Ob die weitläufigen Landschaften des amerikanischen Westens demnächst vermehrt als Kulisse dienen, bleibt abzuwarten. Derzeit rauchen die Colts rauchen wieder und das ist gut so. Yippie yeah.