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Wien | 3.2.2008 | 10:42 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Ausgerechnet Alaska
  Ich verehrte den Schauspieler Sean Penn lange Zeit für seine unkonventionellen Rollen, sein fanatisches Method Acting, seine stets präsente Verweigerungshaltung. Bis es dann in dem verschachtelten Drama '21 Grams' einen Moment gab, wo mich der Mann plötzlich ein wenig zu nerven begann.

So wie mir großartige Bands einfallen, bei denen das ununterbrochene Beharren auf der eigenen Verzweiflung irgendwann zur Leidenspose erstarrt, störte mich auf einmal bei Penn dieser stets depressive Dackelblick, die heruntergezogenen Mundwinkel, die Trademark-Trauer in den verweinten Augen.

Aber das hat jetzt nur am Rande mit dem eigentlichen Thema zu tun. Diese Zeilen hier drehen sich nämlich um den Regisseur Sean Penn, dessen 1991 veröffentlichter Debütstreifen 'The Indian Runner' mich seinerzeit faszinierte. Ein kleines Meisterwerk war das, eine filmische Countryballade zwischen Ruhe und Sturm, Liebe und heftiger Gewalt, die sich wie eine dunkle Wolke über die Figuren schiebt. Der fantastische Viggo Mortensen brillierte als verstörender Outlaw in seiner ersten großen Rolle.
 
 
  Das Familiendrama 'The Crossing Guard' erreichte danach nicht die Dichte des Vorgängers, bestimmte Szenen haben es aber auch in sich. Dafür gelang Penn 2001 mit 'The Pledge' (Das Versprechen) ein beklemmender Thriller zwischen meditativer Langsamkeit und mitreißender Spannung, inklusive einem grandiosen Jack Nicholson.

Leider kommen zu meiner klitzekleinen Skepsis gegenüber der Entwicklung des Schauspielers Sean Penn nun gewaltige Zweifel hinzu, was seinen Part hinter der Kamera angeht. Nicht dass sein neuestes Werk 'Into the Wild' kein brillant inszenierter und virtuos gespielter Streifen wäre.

Aber ich habe von einem Künstler, der zu Recht als kompromisslose Gegenstimme zum Hollywoodkonsens gilt, schon lange keinen so dummen Film mehr gesehen.
 
 
 
Supertramp goes Alaska
  Schon immer ging es in den Arbeiten von Sean Penn auch um traumhaft schöne und gleichzeitig unerbittliche Landschaften, in die die Menschen hineingeworfen sind. Jetzt rückt die Natur völlig ins Zentrum. 'Into the Wild' erzählt nach dem gleichnamigen Bestsellerroman von Jon Krakauer die wahre Geschichte eines Vorzeigestudenten, der Anfang der 1990er mit seiner Mittelklasse-Existenz radikal bricht und zum Aussteiger wird.

Seine Ersparnisse schenkt Christopher McCandless der Wohlfahrt, seine Ausweise vernichtet er, das Auto lässt er in der Wüste verrosten. Während die wohlhabenden Eltern um ihren Sohn bangen, verwischen sich bald dessen Spuren auf staubigen Landstraßen.

"Alexander Supertramp" nennt sich Chris auf seiner jahrelangen Reise durch den amerikanischen Kontinent. In regelmäßiger Folge lernt er dabei Menschen kennen, die ihm Zuneigung entgegenbringen, Freundschaft und Unterschlupf anbieten, von seinem Ziel kann ihn aber niemand abbringen: Der Supertramp will in der einsamen Wildnis von Alaska zu sich selbst finden.

 
 
  Mit 'Into the Wild' porträtiert Sean Penn erneut einen obsessiven Außenseiter, der seinen Weg störrisch bis zum Untergang geht. Aber anstatt wie in seinen vorherigen Streifen verschiedene Perspektiven anzubieten, hängt der Regisseur diesmal distanzlos an den Fersen seines Protagonisten und verrennt sich dabei selbst.

Denn im Grunde ist Chris McCandless, den Penn zu einem ikonenhaften Wald- und Wiesen-Heiligen stilisiert, eine echte Nervensäge. Einerseits feindet er in endlosen Tiraden die Ellbogengesellschaft an und spricht von der Pflicht, Gutes in der Welt zu tun. Auf der anderen Seite versteckt sich hinter der grinsenden Bubenfassade ein selbstgefälliger Egozentriker. Dieser vermeintlich libertinäre Rebell und Prediger einer grenzenlosen Freiheit wird eigentlich von einem rigiden Moralismus angetrieben, der fundamentalistische Züge trägt.

All das verschwindet bei 'Into the Wild' aber hinter dem hübschen Antlitz von Shootingstar Emile Hirsch, hinter malerischer Roadmovie-Romantik und knackigen Revoluzzerslogans, die auf die Rückseite eines Che Guevara-T-Shirts passen würden.
 
 
 
Trust No One
  Dieser Film hat anscheinend einen Nerv bei dir getroffen, meinten FM4-Kolleginnen, mit denen ich hitzig darüber diskutierte. Und das stimmt tatsächlich. Bevor ich nun angesichts der allgemeinen hymnischen Wahrnehmung von 'Into the Wild' auf völliges Unverständnis stoße, möchte ich also zu einem kleinen persönlichen Exkurs ausholen.

Es muss wohl etwa mit Anfang Zwanzig gewesen sein, im Alter von Chris McCandless, als ich den Kreis meiner potentiellen Feindbilder erweiterte. Bis dahin hatte sich mein Spott als zorniger junger Mann einzig gegen den unterdrückenden Konsens und seine konservativen Vertreter gerichtet. Dann dämmerte mir schlagartig, nach eindringlichen Erlebnissen und Beobachtungen, dass ich auch der guten Seite nicht trauen konnte.

Denn in den Reihen all der unterschiedlichen Gegenkulturen, die den politischen und popkulturellen Mainstream bekämpften, wimmelte es ebenso vor reaktionären, verbohrten und engstirnigen Figuren.

 
 
  Während ich die Beschränktheit und Heuchelei bei den Anhängern des Status Quo aber ohnehin voraussetzte, entsetzte sie mich bei den potentiellen Gesinnungsgenossen aus der alternativen Ecke. Über die Jahre wandelte sich der Frust über die ideologische Desillusionierung bei mir in einen giftigen Zynismus, der hauptsächlich als Selbstschutz dient.

Auf die Palme bringen können mich aber nach wie vor weniger jene Fraktionen, die offen mit der Ausbeutung des Individuums hausieren gehen. Bei denen weiß man wenigstens, woran man ist. Die ach-so-befreiten, integren und aufmüpfigen Klassensprecher der Revolte, die ihren fiesen Kontrahenten in Wirklichkeit sehr nahe stehen, sie regen mich mehr auf.
 
 
 
Jesushafte Märtyrerfigur
  Um das Ganze auf das Kino umzulegen: Während mich ein Propaganda-Epos aus dem Hause Michael Bay in seiner erwarteten Stupidität zum Schulterzucken bringt, kann ich mich über ein pseudosubversives Machwerk von Hans Weingartner durchaus ärgern. Denn hinter dem umstürzlerischen Anspruch, den etwa 'Free Rainer' verkündete, stecken auch nur geballte Plattheiten.

Höchst trivial sind auch die Sprüche, die Chris McCandless in 'Into the Wild' von sich gibt. Besonders penetrant wird die Besserwisserei des Parade-Aussteigers, wenn er Frauen gegenübertritt oder in einer Schlüsselszene einen deprimierten alten Mann (Hal Holbrook) mit Ratschlägen überhäuft. Man möchte den belehrenden Mr. Supertramp an den Ohren ziehen für seine Arroganz.

Es ist die von ihm so verklärte Natur, an der Chris letztlich überaus tragisch scheitert. In einem verfallenen Bus, mitten in der eisigen Einöde Alaskas, geht die Story des keuschen Verweigerers kläglich zu Ende. Aber bis zu diesem Punkt hat Sean Penn seine Hauptfigur schon derart mystifiziert, dass er nicht als armes Opfer, sondern als jesushafte Märtyrerfigur übrigbleibt.

 
 
  Schade um den an sich interessanten Stoff. Regisseure wie Dennis Hopper oder Michelangelo Antonioni näherten sich bereits Ende der Sechziger sowohl dem Establishment als auch den Versprechungen der Love & Peace-Apostel mit differenzierten Sichtweisen. Durch Streifen wie 'Easy Rider' oder 'Zabriskie Point' zieht sich nicht nur geballte Kritik an Rednecks und Technokraten, sondern auch eine Verbitterung, was antiautoritäre Bewegungen betrifft.

Sean Penn, der den Supertramp als spirituellen Bruder betrachtet, ist mit seiner picksüßen Neo-Hippie-Idylle ganz weit weg von diesen Filmen. Wenn die Schlusstitel abrollen und wieder eine schwülstige Ballade von Eddie Vedder einsetzt, werden alle simpel gestrickten Zivilisationsgeschädigten wohl ergriffen sitzen bleiben und ihrem Idol gedenken.

Ich empfehle in Sachen Kapitalismuskritik, Landschaftskunde und Studium der menschlichen Seele lieber 'No Country For Old Men' und 'There Will Be Blood'. Aber das ist eine andere Geschichte, demnächst in diesem Theater.
 
 
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