Paul W.S. Anderson, Wes Anderson und Paul Thomas Anderson: Es gehört wohl zu den sträflichsten Fehlern, die ein Kinointeressierter begehen kann, diese drei Herren miteinander zu verwechseln. Gewiss, alle drei sitzen im Regiesessel, gehören vage der selben Altersgruppe an und wuchsen als manische Filmnerds auf.
Aber damit hören die Gemeinsamkeiten schon wirklich auf.
Paul W.S., der vernachlässigenswerteste der drei, symbolisiert auf perfide Weise die künstlerischen Probleme, die viele Filmemacher zwischen Mitte zwanzig und Anfang vierzig belasten. Aufgewachsen in Videotheken und geprägt von Comics, Rock'n'Roll und Fernsehserien, kennt diese Generation zwar glücklicherweise nicht mehr den intellektuellen Snobismus älterer Cineasten. Gleichzeitig scheinen Typen wie Paul W.S. inmitten des Sperrfeuers popkultureller Einflüsse aber die Wirklichkeit vergessen zu haben.
Der kommerziell erfolgreichste der drei Andersons steht für knallhart kalkulierte und bis zur Sterilität designte Spektakel wie 'Resident Evil' oder 'Alien Vs. Predator'. Von der fiebrigen Energie, der Getriebenheit und dem Wahnwitz, der die besten Genrestreifen auszeichnet, findet sich in diesen leblosen Streifen keine Spur.
Paul Thomas Anderson
Mit Wes Anderson ist es so eine Sache. Unzweifelhaft handelt es sich bei dem Schöpfer von filmischen Exzentrizitäten wie 'The Life Aquatic With Steve Zissou' oder jüngst 'The Darjeeling Limited' um eine höchst eigenwillige Stimme innerhalb des avancierten amerikanischen Gegenwarts-Kinos. Und unter der Oberfläche seiner charmant-schrulligen und humorvollen Streifen wimmelt es vor dysfunktionalen und latent melancholischen Losern.
Gleichzeitig neigt Wes A. auch zu einer betulichen Biederkeit, die seine sorgfältig konstruierte Verschrobenheit manchmal ermüdend macht.
Wenn es nach mir geht, dann ist Paul Thomas Anderson mit gehörigem Abstand der wichtigste Filmemacher in diesem Trio. Mehr noch, ich halte ihn für einen der zentralen zeitgenössischen Regisseure, Seite an Seite mit Ikonen wie Scorsese, Cronenberg oder Lynch.
'Boogie Nights'
Monster von Film
Aus Paul Thomas Andersons Durchbruchsfilm 'Boogie Nights' (1997) bin ich seinerzeit hingerissen rausgetänzelt, mit dem Electric Light Orchestra im Ohr und unvergesslichen Leinwand-Momenten im Kopf. Wie dieses Epos die kalifornische Porno-Industrie über Dekaden mit der Kamera verfolgte, faszinierte, amüsierte und fesselte mich wie sonst nur 'Good Fellas' oder 'Casino' vom großen Marty.
'Magnolia' (1999) erschlug mich in seiner Flut an Themen, geballter Emotionalität und formalen Innovationen beim ersten Ansehen beinahe. Heute ist klar, dass die diversen tragikomischen Vignetten dieses 188-Minuten-Reigens, das Timing, die atemberaubenden Einfälle, einen unübersehbaren Einfluss sowohl auf die schönsten Indie-Romantic Comedies als auch auf TV-Meilensteine wie 'Six Feet Under' hatten.
'Punch-Drunk Love' (2002) brachte mich zum Heulen, gleich in zwei Vorführungen. Weil dieses Meisterwerk auf poppig-poetische Weise von all den irrationalen oder naiven Dingen erzählte, die man im Alltag besser nicht tut. Und weil Regisseur und Autor P. T. Anderson, mit einem hinreißenden Adam Sandler in der Hauptrolle, klar machte, dass all jene, die im entscheidenden Moment vernünftig reagieren, eventuell sterben, ohne wirklich gelebt und geliebt zu haben.
'Magnolia'
Drei derartig großartige Filme hintereinander zu drehen, reicht eigentlich für eine ganze Karriere. Mit seinem neuen Epos hat mich Herr Anderson aber gänzlich sprachlos gemacht.
Dabei ist 'There Will Be Blood' kein Streifen, den man gernhaben kann, den man umarmen kann wie einen Freund, der einen zum Lachen und Weinen bringt, so wie 'Boogie Nights', 'Magnolia' und 'Punch-Drunk Love'.
Die Geschichte des kleinen Minenarbeiters Daniel Plainview, der am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zum texanischen Ölbaron aufsteigt, während sich ihm ein junger Laienprediger entgegenstellt, sie irritiert, beklemmt, verstört. Es ist ein Monster von Film über ein Monster von Mann.
'There Will Be Blood'
Krieg ohne Sieger
Da ist kein Platz für Tränen oder gar erheiternde Augenblicke. 'There Will Be Blood' wirkt wie ein Gefrierschrank, aus dem einem Eiseskälte entgegenbläst, auch wenn die Handlung in der flirrenden Luft des sonnenverbrannten Südens spielt.
Aber was P. T. Anderson mit 'There Will Be Blood' beweist, nicht zuletzt dank der atemberaubenden Leistungen der Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis und Paul Dano, dem meisterhaften Score von Radioheads Jonny Greenwood und der einzigartigen Kamera von Robert Elswit, das ist etwas höchst Rares: Dieser Filmemacher versteht die menschliche Befindlichkeit so gut wie nur wenige seiner Kollegen.
Keine ideologische oder psychologisierende Schicht klebt auf den Figuren, dem Zuseher wird kein Standpunkt aufgedrängt oder eine Botschaft eingehämmert. Niemand predigt, dass der Kapitalismus schlecht ist oder die Religion böse. Aber wir sehen, völlig unkommentiert, wie die Gier den manischen Protagonisten verformt und zerfrisst. Und wie auch der Glaube aus Bubengesichtern verzerrte Fratzen macht.
Partei ergreift der Regisseur nie. Wenn es in 'There Will Be Blood' zum Wettstreit von Materialismus und Spiritualismus kommt, dann fließt nicht nur wirklich Blut. Es gibt auch keine Sieger.
Paul Dano und Daniel Day-Lewis
Wir begreifen, dass Mitgefühl, Nächstenliebe und Familiensinn nur Errungenschaften unserer Zivilisation sind, die in archaischen Augenblicken, wenn Männer um ihre Haut kämpfen, zerbröseln.
Frauen dagegen blitzen nur kurz auf in diesem Film, gerade mal minutenlang. Daniel Plainview, der Herr über unzählige Ölfelder, meidet jegliche weibliche Gesellschaft. Höchstens um nach außen hin seine bürgerliche Fassade zu wahren, lässt er seinen kleinen Sohn an seine Seite. Aber der stammt nicht von ihm. Der Raubtierkapitalismus und der Glauben, diese beiden Gegenspieler in 'There Will Be Blood', auf denen gleichzeitig das moderne Amerika gründet, sie sind nur um den Preis der Asexualität und Körperverachtung zu haben.
Genug jetzt, ich könnte noch lange hier vor mich hindelirieren.
Paul W.S. Anderson verschont uns sicher demnächst nicht mit einem neuen Hochglanz-Trash-Schinken. Auf Wes Andersons nächste verschrobene Charakterstudie freue ich mich durchaus. Aber Paul Thomas Anderson, um ihn gerecht zu werden, genügen nicht mehr Vergleiche mit lebenden Kinogöttern. Da müssen schon Namen wie Kubrick, Bergmann oder Peckinpah her.