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Wien | 19.8.2008 | 11:02 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Die Königsklasse
  "Und, ist er wirklich so gut?" Kaum eine Frage hörte ich zuletzt so oft von Freunden und Bekannten, wenn ich ihnen erzählte, dass ich den neuen Batman-Film bereits kenne.

Der ungeheure Hype, der rund um 'The Dark Knight' entfacht ist, dreht sich nicht nur um phänomenale Einspielergebnisse. Es geht auch nicht bloß um die Befriedigung nostalgischer Bedürfnisse wie bei der Rückkehr von Indiana Jones und etlichen anderen bewährten Action-Aushängeschildern.

'The Dark Knight' eilt der Ruf eines schlicht großartigen Films voraus, den man einfach gesehen haben muss.

Ja, antworte ich an dieser Stelle dann, die Vorfreude ist durchaus berechtigt. Christopher Nolan hat tatsächlich so etwas wie ein Meisterwerk geschaffen, vor allem für diese Kategorie von Kino.

Dieser Nachsatz ist mir extrem wichtig. Denn wir reden hier von einer Art von Film, dessen Budget wohl einen kleinen Staat sanieren könnte und dessen Misserfolg einen Konzern gefährden kann, bei dem jede künstlerische Entscheidung in hunderten Marketingsitzungen hinterfragt wird und wo jeder einzelne Satz im Drehbuch von unzähligen Männern in grauen Anzügen abgesegnet werden muss.

Ein Film wie 'The Dark Knight' ist eine gigantische wirtschaftliche Unternehmung in einem Ausmaß, das die meisten gar nicht begreifen können, und hat mit Kino, wie es beispielsweise auf der Viennale läuft, nur ganz am Rande zu tun.

Und dennoch, genau auf solchen Cineasten-Festivals machte sich Christopher Nolan mit 'The Following' und 'Memento' einst einen Namen.

Und dass es dem Regisseur und Co-Autor, der sich das Drehbuch mit seinem Bruder Jonathan teilt, gelungen ist, seinen Hang zu undurchschaubaren Charakteren und verwickelten Plots, seine Intelligenz und seine komplexe Weltsicht in das neue Batman-Abenteuer zu retten, in den beinahe 200 Millionen Dollar teuren Teil einer Blockbuster-Franchise, all das macht 'The Dark Knight' erst richtig bemerkenswert.
 
 
 
 
 
  Ich hab das hier schon oft kundgetan, kann es mir aber erneut nicht verkneifen: Natürlich sind es die vielen kaum bekannten oder einfach nur einer elitären Minderheit vertrauten Künstler, die mit ihren Experimenten und radikalen Brüchen immer wieder das Kino oder die Musik vorantreiben.

Aber die tatsächlichen großen popkulturellen Veränderungen kommen von ebensolchen Visionären, die es aus den hermetischen Nischen raustreibt auf das aalglatte Parkett der Mehrheitstauglichkeit und des breiteren Geschmacks.

Weniger den rauen Pionieren Mudhoney verdankte sich die Grunge-Revolution, sondern Nirvana und ihren Melodien, die auch in Kinderzimmern funktionierten. Ein Bestseller-Autor wie Michel Houellebecq dringt mit seinen Büchern auch in Bereiche ein, die sich dem Existentialismus generell versperren. Und TV-Serien wie 'Six Feet Under' gelingt die Balance zwischen Qualität und Quote auf atemberaubende Weise.
 
 
 
  Die Schwierigkeiten, die sich für einen ernsthaften Künstler ergeben, wenn er sich in das Haifischbecken des Kommerz begibt, sind enorm. Einerseits ist die Möglichkeit, zuerst mit einem Erfolg den guten Ruf und dann mit einem Flop die Existenz zu verlieren, immer nur einen Hauch entfernt. Auf der anderen Seite wimmelt es vor miserablen Vorbildern, die den einfachsten Weg gehen und damit die ganz große Kohle einfahren.

Gelingt die diffizile Gratwanderung aber, wie bei Stanley Kubrick, James Cameron, Martin Scorsese, Steven Soderbergh oder David Fincher, um nur einige blitzgescheite Leinwand-Populisten zu nennen, dann ist das für mich die Königsklasse des Kinos.

Christopher Nolan gehört hier schon länger dazu, mit 'The Dark Knight' hat er nun, so melodramatisch das klingen mag, tatsächlich Geschichte geschrieben. Ein kassensprengendes Comicaction-Spektakel, in dem um nichts weniger ernsthaft und erwachsen als etwa bei Ingmar Bergman Moral und Ethik und Gut und Böse diskutiert werden, das muss ihm erstmal wer nachmachen.
 
 
 
Christopher Nolan
 
 
  Wer einen kleinen Film dreht, hat Christopher Nolan unlängst sinngemäß gesagt, darf und soll sich nur um seine ganz eigene Agenda kümmern. Wer aber einen Blockbuster für einen Gutteil der Weltbevölkerung plant, hat auch eine gewisse Verantwortung auf seinen Schultern ruhen.

Wer Nolan als Regisseur besser kennt, weiß, dass er mit solchen Aussagen nicht in eine Kerbe mit dem Gros des europäischen Bildungsbürgerkinos schlägt. Der gebürtige Londoner macht glücklicherweise keine Filme, die fein abgeschmeckte liberale Botschaften verbreiten, und weder seine Storys noch die Figuren müssen politisch korrekten Idealen genügen.

Was der Brite mit Verantwortung meinte: Blockbuster-Epen rund um Superhelden wie Batman, Spider-Man oder die X-Men stellen das moderne Pendant zu den Märchen und Sagen der Vergangenheit dar. Aus diesen Filmen speisen sich die zentralen Mythologien unserer Tage, die etliche Generationen prägen.

Und wenn einer wie Michael Bay das ungeheure Potential dieses Massenkinos in herzlosen und hirntoten Streifen verschenkt, die sich mit einem bloßen Action-Formalismus begnügen, dann beraubt er damit Millionen Menschen um ein Stück ihrer Fantasie.
 
 
 
 
 
  Betrachtet man 'The Dark Knight' dagegen in diesem Kontext moderner Mythologien, dann gehört Christopher Nolan zu den wichtigsten Erzählern zeitgenössischer Märchen und Sagen überhaupt.

Denn wie bei den Gebrüdern Grimm oder auch bei Homer geht es neben dem Thrill, der Spannung, der Dramatik vor allem um eines: um Moral und Ethik.

Moral, erklärt der Joker in einem seiner vielen formidablen Monologe in diesem Film, ist ein bloßes Konstrukt, eine Schimäre, eine philosophische Fleißaufgabe. Warum nicht einfach ohne Grund und völlig sinnentleert ein Krankenhaus in die Luft sprengen? Warum nicht einfach töten ohne monetäre Gründe, denen gewöhnliche Verbrecher nachjagen? Warum, wenn es keinen Gott gibt und man der irdischen Strafe entkommt, nicht einfach blindwütiges Chaos erzeugen?

Batman alias Bruce Wayne weiß auf diese Frage nicht nur keine schlüssigen Antworten, er lässt sich von ihnen auch in die Ecke drängen. Und trotzdem gibt er dieses moralische Konstrukt nicht auf.

'The Dark Knight' schildert diesen Konflikt nicht bloß nebenbei in einem Subtext, er stellt ihn in den Mittelpunkt des Films.
 
 
 
  Ich würde es umdrehen und sagen: Die (durchaus zahlreichen und sensationellen) Kämpfe und Verfolgungsjagden sind der Subtext.

Langweilig, schreien nun die Actionfans, sofern sie bis hier überhaupt gelesen haben, und rascheln besonders laut mit ihrem Chipssackerl. Nun, es ist nur dieses Konstrukt, das den genervten Sitznachbarn eventuell davon abhält, mit einer Faustwatsche zu reagieren. Es ist dieses wackelige Konstrukt der Moral, das möglicherweise Morde und Gewalt und Kriege verhindert. Oder eben Batman zu seinem Kodex zwingt, auch die brutalsten Gegner nicht zu töten.

Ich persönlich stehe in weiten Teilen zu diesem Konstrukt, halte aber ständiges Hinterfragen für essentiell. Deswegen braucht das Kino - und lebt die Kunst im Allgemeinen davon - subversive Charaktere, die alles völlig auf den Kopf stellen.

Es braucht Figuren in der Tradition von Nietzsche, De Sade und der bösen Schwiegermutter von Schneewittchen, Typen wie Hannibal Lecter oder eben den Joker, die sämtliche unserer moralischen und ethischen Regeln und Normen als Fassade entlarven.
 
 
 
 
 
  Und ja, damit auch diese Frage beantwortet ist: Heath Ledger ist als Gegner sämtlicher gesellschaftlicher Werte fantastisch und charismatisch. Christian Bale spiegelt in seinem versteinerten Milliardärs-Antlitz perfekt die bürgerliche Ratlosigkeit, wenn irrationaler Terror ausbricht und auch die eiskalten Reaktionen des Kapitalismus auf die Anarchie.

Aaron Eckhart überzeugt in jeder Sekunde als Staatsanwalt und Vertreter des Systems, der auf die dunkle Seite gelockt wird. Maggie Gyllenhaal besticht als die klügste und selbstbewussteste Frauenfigur in einem Batman-Film, die Dekors und Ausstattung faszinieren, die unglaublich elegante Kameraführung verzichtet auf sämtliche modischen Torheiten der Blockbuster-Konkurrenz, der Soundtrack frisst sich dunkel ins Gehör.

Christopher Nolan, muss ich jetzt noch anmerken, ist keiner dieser Geek-Regisseure, die ausschließlich mit Comics, Splattermovies und Stallone-Krachern aufwuchsen und dann, nach einem stylischen Zwischenstopp in der Werbung und im Musikvideogeschäft, beim Spielfilm landeten.

Einst gehörten diese Filmemacher mit ihrem dezidierten Anti-Cineasten-Standpunkt zu meinen Hoffungsträgern, heute haben viele von ihnen mit ihren gänzlich formelhaften Actionvehikeln das Kino verraten.

Nolan steht aber für Substanz und Inhalte, auch oder gerade in der Verpackung des Mainstreams. Das ist die Königsklasse in Sachen Unterhaltung und all die Jerry-Bruckheimer-Schüler werden es in Zukunft noch schwerer haben, uns ihre blutleeren Substitute zu verkaufen.
 
 
 
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