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Wien | 8.9.2008 | 13:00 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
FM4 Kinopremiere: "Gomorrha"
 
 
 
 
Die Banalität des Bösen
  Matteo Garrone wirkt unerwartet relaxt. Mit einem breiten Grinsen schüttelt mir der italienische Regisseur die Hand, als ich seine Altbauwohnung in Rom betrete. Im Hintergrund werkeln emsig Arbeiter, ein privater Schneideraum wird gerade zum Kinderzimmer umgebaut. "In zwei Wochen ist es so weit", lächelt Garrone stolz und just in dem Moment kommt auch seine hochschwangere Frau in den Raum.

"In dieser pechschwarzen Kammer habe ich 'Gomorrha' geschrieben und geschnitten", deutet der preisgekrönte Filmemacher hinter sich. "Jetzt, mit dem Baby, kommt Farbe rein."

Irgendwie habe ich mir die Stimmung hier nicht so gemütlich vorgestellt, deute ich an. Schließlich lebt Roberto Saviano, der junge Autor, auf dessen gleichnamigem Enthüllungsroman 'Gomorrha' beruht, seit Veröffentlichung des Buches von Leibwächtern geschützt in einem Versteck. Die Camorra, jene süditalienische mafiose Organisation, deren Machenschaften der Bestseller bloßlegt, hat ihn auf eine Todesliste gesetzt.

"Drohungen mir gegenüber hat es bis jetzt eigentlich keine gegeben", erzählt Matteo Garrone. "Auch weil der Film im Gegensatz zum Buch überhaupt nicht aufdeckend in einem journalistischen Sinn sein will. Es ging vielmehr darum, universelle Themen am Beispiel der Figuren zu behandeln."

Diese angepeilte Allgemeingültigkeit gelingt dem Regisseur durchaus. Auch für Nicht-Italiener bleibt am Ende von 'Gomorrha' ein erstickendes Gefühl zurück. Selten gab es in letzter Zeit einen derartig düsteren und zugleich völlig unpathetischen Befund zum Untergang der westlichen Zivilisation.
 
 
 
 
 
  Fünf Geschichten, fünf Schicksale, fünf höchst unterschiedliche Einblicke in den alltäglichen Terror bietet 'Gomorrha' in erschütternden zweieinhalb Stunden.

Ein alternder Geldbote klappert die Elendsviertel von Neapel im Auftrag der Camorra ab, während er selbst unter dem Klima der Angst zu zerbrechen droht. Ein kleiner Bub aus den Vororten bewundert die Kriminellen in seinem Wohnblock und sucht Anschluss. Ein junger Mann arbeitet für einen Giftmüll-Experten, der illegale Geschäfte abwickelt, bis ihn sein Gewissen quält. Ein schlecht bezahlter Schneider gerät zwischen die kriminellen Fronten. Zwei Teenager provozieren als Möchtegern-Gangster, die gerne große Hollywood-Schurken wären.

Matteo Garrones verstörendes Meisterwerk verknüpft diese Storys nicht im modischen Stil eines Tarantino oder Iñárritu. Wer sich ein klassisch opulentes Mafia-Drama erwartet, wird ebenso enttäuscht.

In diesem Film gibt es keine cool gekleideten Ganoven, die über ihren Ehrenkodex faseln und schon gar keine leinwandgerechte Action. 'Gomorrha' zeigt in trostlosen, dokumentarisch anmutenden Bildern die Banalität des Bösen. Matteo Garrone hat aus dem Buch von Roberto Saviano, das 2006 in Italien riesiges Aufsehen erregte, ein beklemmendes Stimmungsbild destilliert, eine Studie der Furcht und Paranoia.

Während die Bestsellervorlage mit Unmengen von bestürzenden Daten und Fakten besticht, bleiben die Fädenzieher im Film unsichtbar. Garrone zeigt die Umtriebe der Camorra als Sinnbild für einen ungebremsten Turbokapitalismus, der für seine wirtschaftlichen Interessen über Berge aus Müll und Leichen geht.
 
 
 
 
 
  Gangsterfilme haben meist etwas Eskapistisches an sich. Dein Film handelt zwar von Ganoven, entzieht sich aber allen Gesetzen des Genres. War das von Anfang an wichtig?

Ich tu mir schwer, den Film zu definieren. Aber die Prämisse war, die Camorra von innen zu zeigen, auf eine vorher noch nie gesehene Weise. In diesem Sinne war das Buch von Roberto Saviano eine gute Basis und Inspiration, er hat ja auch am Skript mitgeschrieben. Die Konzentration lag sicher von Anfang an auf der menschlichen Seite. Die Gewalt hat immer eine inhaltliche Funktion, sie steht nie für sich selbst.

In Genrewerken wie 'The Godfather' oder 'Scarface' gibt es immer diese charismatischen Mafia-Paten, die eine Art negativen Glamour ausstrahlen. In deinem Film fehlen solche Charaktere völlig, war das zentral für dich?

Es ging uns natürlich darum, die völlige Abwesenheit einer Glamour-Dimension zu zeigen. Aber gleichzeitig wollten wir auch zeigen, wie sehr diese in Filmen als glamourös dargestellte Ganovenwelt für die Camorra selbst ein Vorbild ist. Wie Saviano richtig bemerkt: Es ist nicht das Kino, das sich von der Camorra inspirieren lässt. Sondern die Camorra schaut sich viel vom Kino ab. Es gibt dazu im Film eine Schlüsselszene, wo zwei Jungs in einer Villa Szenen aus 'Scarface' nachspielen. Diese Villa, in der wir drehten, hat sich tatsächlich ein mittlerweile inhaftierter Camorraboss bauen lassen, exakt im Stil dieses Films."
 
 
 
 
 
  Bei 'Gomorrha' kann ich mir dagegen nicht vorstellen, dass ihn potentielle oder echte Mitglieder der Camorra anstachelnd finden. Welche Reaktionen gab es von Seiten der Kriminellen?

Es war wirklich überraschend, dass man uns beim Dreh an den Originalschauplätzen gar nicht behindert hat, ganz im Gegenteil. Die Leute im Elendsviertel Scampia haben sogar begeistert mitgearbeitet und diskutiert. Diese Reaktionen haben mir dann wieder gezeigt, dass ich mit meinem Zugang richtig liege, dass ich ihre Realität in einem emotionalen Sinn sehr korrekt wiedergebe.

Die Alltäglichkeit des Geschehens ist für mich ein Schlüsselthema des Films, diese Banalität des Bösen. Wie wichtig war dieser Ansatz für dich?

Ich wollte einfach zeigen, wie sich die Gewalt aus einer Art von tierischen Urzuständen entwickelt, wie in einem primitiven Dschungel, wo eine Kettenreaktion die andere ergibt. Ich würde auch sagen, wenn man diese Welt von innen betrachtet, dann gibt es da eine ganz breite Grauzone, wo sich das Gute mit dem Bösen vermischt und das Legale mit dem Illegalen.

Man kann also keine genauen Grenzen ziehen...

Ja, dieses System ist auch sehr hermetisch. Immer wieder gibt es darin Menschen, die sich einfach aus Faulheit oder Ignoranz oder anderen banalen Gründen von dem Strudel mitreißen lassen. Irgendwann werden sie unweigerlich von diesen Mechanismen aufgefressen. Dieser Aspekt der Unentrinnbarkeit, um den ging es mir vor allem. Und ich wollte alles sozusagen von der Sklavenseite erzählen, nicht von jener der Bosse und Entscheidungsträger.
 
 
 
 
 
  Matteo Garrone ist kein Nanni Moretti, der von einem linken Blickwinkel kommend, eindeutige Wertungen trifft und seine Filme oft als Polemiken gegen den regierenden Rechtskonservatismus sieht.

Anstatt an den berühmten italienischen Autorenfilm-Guru erinnert Garrone viel mehr an den Österreicher Ulrich Seidl. Wie der heimische Ausnahmeregisseur verharrt der Macher von 'Gomorrha' bewusst in der Perspektive des Beobachters, der sich sogar in den schlimmsten Momenten einer Wertung enthält. Denn die richtigen Schlüsse soll und muss alleine der Zuschauer ziehen. Trotzdem ist Garrone alles andere als ein unpolitischer Filmemacher.

Wenn es um ein universelles Thema geht, ist der Film in diesem Sinn ein Spiegelbild des ungezügelten Neoliberalismus?

Natürlich, es geht grundsätzlich um die Verlogenheit der reichen Länder. Der Wirtschaftsaspekt ist wahnsinnig wichtig, weil die Camorra eben kein lokales Phänomen ist, sondern eine global vernetzte Organisation mit unzähligen Verästelungen. Sie haben ja auch versucht, das Geld in den Wiederaufbau der Twin Towers zu investieren, sie haben ein unheimliches Know-how und arbeiten mit modernsten Managertaktiken.

Die realistische Bildsprache scheint extrem wichtig, sie verherrlicht oder stilisiert nie, ganz im Gegenteil...

Wir haben durchaus versucht, dramatischer zu arbeiten und filmischer, aber das hat alles nicht funktioniert. Bis uns klar wurde, dass absolute Einfachheit wichtig ist und wir uns unsichtbar machen müssen, dass wir als reine Beobachter die Realität einfangen müssen. Auch mit der Musik war das so, ein kommentierender Soundtrack hat einfach nicht funktioniert. Trotzdem ist das keine Dokumentation. Es sieht nur so aus. Wir haben inszeniert, aber das soll man nie sehen.
 
 
 
Matteo Garrone
 
 
  Gab es Momente beim Dreh, wo ein starkes Angstgefühl überhand nahm?

Die größten Sorgen hatte ich vor Drehbeginn. Dann lockerte sich alles, weil wir einfach Beziehungen mit den Leuten knüpften. Es haben sich sogar tolle Situationen und menschliche Momente ergeben, die wir alle nicht so schnell vergessen werden. Natürlich gab es eine gewisse Anspannung, weil wir an Orten drehten, wo es alle drei Tage einen Toten gibt, wo ständig geschossen wird. Es ist ja wirklich ein Kriegsgebiet. Und da sterben dann eben Menschen um die Ecke und natürlich prägt das. Aber eine direkte Gefahr gab es für uns nicht, muss ich sagen.

'Gomorrha' lässt einen verstört zurück, ohne Lösungen anzubieten, was beabsichtigt scheint. Aber wenn man selber in diesen Gegenden ist, zeichnen sich da Hoffnungsschimmer ab oder sieht man die Sache noch auswegloser als zuvor?

Analysiert man das Problem der Camorra, muss man sich mit den wirklichen Ursachen auseinandersetzen, mit der mangelnden Bildung vor allem und der daraus erwachsenden Sprachlosigkeit der Menschen, man muss die Arbeitslosigkeit bedenken und das Problem der fehlenden sozialen Institutionen. Die Politik vernachlässigt diese Menschen und ohne grundsätzliche Änderungen wird nichts passieren, Pseudolösungen sind nur Fassadenverschönerungen. Man kann das nur bei der Wurzel anpacken, sonst ist es sinnlos.
 
 
 
  Als ich mein Mikrofon bereits einpacke, erzählt Garrone dann noch weiter. "Viele der Probleme, die der Film anreißt, verfolgen uns alle und überall. Das Problem der Müllentsorgung, der Drogen, des Realitätsverlusts durch virtuelle Welten, der Ausbeutung von ärmeren Ländern. Ich kann da leider nur wenig Optimismus entgegensetzen."

Trotzdem ist da zum Abschied wieder dieses einnehmend freundliche Lachen. In seinen kurzen Hosen, mit dem heraushängenden Hemd und dem Lockenkopf sieht Matteo Garrone nicht wie ein verbitterter Verkünder der Apokalypse aus. Wird der nächste Film vielleicht sogar eine hoffnungsvolle Story in leuchtenden Farben und inklusive Happy End, frage ich, mit Blick auf das gerade entstehende Kinderzimmer. "Vielleicht", grinst Garrone, "gut möglich."


 
 
 
  Heute, 11. September gibt es in Connected (15-19) ein Porträt des Regisseurs Matteo Garrone
 
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