Moment mal, '39,90', auch schon wieder eine Weile her. Da stapelte sich doch am Anfang dieser Dekade etwas in der Neuigkeitenecke der Buchhandlungen.
Mit seiner heftigen Attacke auf die Werbebranche gelang dem Pariser Frédéric Beigbeder damals der Sprung vom Insidertipp zum Bestsellerautor.
Literarisch zum Vergessen, der Roman. Und dennoch unterhaltsam und voller Wahrheiten. Eines muss man Beigbeder bis heute zugestehen: Er hat ein herrlich hasserfülltes Manifest gegen die Verblödungsmaschinerie verfasst.
Hinter '99 Francs', wie der Originaltitel lautet, stecken die Frustrationen eines Mannes, der zuvor selber als Werbetexter zu den Bestverdienern gehörte, von der dazugehörigen Selbstverleugnung aber Magengeschwüre bekam. Also reichte Beigbeder irgendwann die Kündigung ein und schrieb sich, inspiriert von Giftspritzen wie Houellebecq, Bret Easton Ellis oder Palahniuk, den Zorn und Ekel von der Seele.
Ich erinnere mich diesbezüglich auch an einen Auftritt des Autors in Wien, wo er mit dem Chef einer namhaften Werbeagentur diskutieren sollte. Wirkte er zuvor bei der Lesung noch manchmal wie ein eitler Boheme-Gockel, verhärtete sich Frédéric Beigbeder bei dem Gespräch auf beeindruckende Weise.
Der Franzose teilte Verbalschläge unter die Gürtellinie aus, knallte erschütternde Fakten und Zahlen auf den Tisch, stilisierte sein anfänglich überlegen lächelndes Gegenüber in einer knappen Stunde zum gewissenlosen Handlanger einer globalen Industrie, die sich auf geistige Umweltverschmutzung spezialisiert hat.
Da saß plötzlich kein lauer Pop-Schreiberling oder versöhnlicher Konversationspartner, der dann am Schluss seinem Feind die Hand schüttelt.
Glücklicherweise, denn so müssen nur Politiker oder auch Journalisten agieren. Ein Schriftsteller darf kompromisslos sein, kann sich Irrationalität genauso leisten wie Blindwütigkeit. Worte, und nur die, sollen, dürfen, müssen manchmal wie Kugeln einschlagen.
Eine Verfilmung von '39,90' ist seit dem erfolgreichen Erscheinen des Buchs ein Thema. Realisiert hat sie aber erst jetzt, mit gehöriger Verspätung, der belgische Regisseur Jan Kounen, ein Mann, der für obskure Genrebeiträge ('Blueberry', 'Doberman') ebenso steht wie für esoterisch angehauchte Dokus.
Das größte Problem des Romans ist leider ein noch größeres Problem für die Leinwandversion.
Bereits Beigbeder versucht im Buch, die Werbung mit ihren eigenen Mitteln bloßzustellen. Mit Parolen, Slogans, dummen Witzen und Klischees. Das funktionierte nur bedingt.
Jan Kounen setzt diese Strategie nun mit seinen Mitteln fort. '39,90' - der Film - sieht aus wie ein zweistündiger Werbespot aus der Hölle. Ein ästhetischer Overkill aus Animationen, Schrifteinblendungen, computergenerierten Halluzinationen.
Mit einem zynischen Grinsen auf den Lippen taumelt der französische Comedystar Jean Dujardin als Werbetexter Octave durch ein Delirium aufgepimpter Bilder. Seinen Spitzenjob in einer Pariser Agentur verachtet das Beigbeder-Double innerlich, er fühlt sich leer und ausgebrannt, auf das viele Gratis-Marschierpulver will er ebenso verzichten wie auf Luxusprostituierte und Partywahnsinn.
Hier ein David Fincher-Zitat, dort etwas Kubrick und Wong Kar Wai, dann wieder eine slicke Reklameeinschaltung und eine Natural Born Killers-Referenz.
Dazwischen böse Sprüche, Designersex, böse Sprüche, blutige Kokainnasen, Designerwohnungen, noch mehr böse Sprüche.
Eine sarkastische Abrechnung mit der geldgeilen Werbewelt will dieser Film sein, ein Großangriff auf die so genannten Kreativen, die auch noch die letzte emotionale Regung banalisieren und verkaufen. Aber das Konzept geht nicht auf.
'39,90' wirkt wie eine überzogene Karikatur, die man nicht ernst nehmen kann. Und so mancher Marketingmanager dürfte diesen visuellen Fiebertraum so richtig cool finden.
"39,30" startet am 17. Oktober in der österreichischen Kinos