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Wien | 7.11.2008 | 10:29 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
We Are Modular People!
  Ach, wie beneide ich sie manchmal, diese emotional so schrecklich gefestigten Menschen. Es gibt ja wirklich Typen, die lassen sich weder von ihrem andauernden Stress noch von der Finanzkrise oder schlechten Nachrichten aus dem Freundeskreis verstören.

Nicht einmal einer dieser stockfinsteren Wiener Herbsttage, inklusive eisigem Regenguss und frustrierten Visagen in der U-Bahn, kann ihre Laune beeinträchtigen.

Ich bin da entschieden fragiler gebaut. Mich kann eine Kombination aus nur zwei der erwähnten Tristesse-Faktoren ganz schön aus der Bahn werfen.

Ich kenne Leute, die schlucken dann Prozac oder ähnlich lustige Zuckerl, oder sie bleiben gleich im Bett liegen und melden sich krank. Andere beginnen mittags zu trinken oder suhlen sich hemmungslos in Trauermarsch-Klängen. Für mich leider ebensowenig brauchbare Katharsisvarianten wie in der Wohnung mit hochrotem Kopf herumzuschreien.
 
 
 
 
 
  Mein klitzekleiner eskapistischer Ausweg aus solchen alltäglichen emotionalen Sackgassen ist ein ganz anderer. Er hört auf den doofsten und abgenutztesten Namen des Planeten. Mein Ausweg heißt Pop. Ja, genau, Rock-Pop, Electro-Pop, Rave-Pop, Pop-Pop. Ich weiß schon, was ihr jetzt denkt, aber mit den meisten blöden Bands, die euch jetzt dazu in den Sinn kommen, will ich nichts zu tun haben.

Ich rede von Pop, der wie eine Mischung aus Punschkrapfen und zartschmelzender Noisetteschokolade und lustigen Zigaretten und Wodka zugleich schmeckt, der auch abgehärtete Männer an Pferdeposter, duftende Blumenwiesen und Regenbögen denken lässt, aber gleichzeitig verkorkst ist, versext, selten nüchtern. Ich denke an durchgemachte Nächte und an klare Morgenluft, an verschmierten Lippenstift und Tränen vor Freude.

Ich rede von Modular Records, dem besten Poplabel der Welt.
 
 
 
 
 
  Wen haben wir denn da? Die genialen The Presets, die zu zweit das Energiereservoir von Depeche Mode und LCD Soundsystem anzapfen und daraus synthetische Rock'n'Roll-Hymnen für das 21. Jahrhundert destillieren.

Die im Grunde unfassbaren Cut Copy, die mit ihrem Kitschbegriff dort ansetzen, wo die Gralshüter des so genannten guten Geschmacks erblassen, wo sich New Order und Aha auf einen stark gezuckerten Kaffee mit diversen House-DJs und Sonic Youth treffen.

Die noch viel unfassbareren Midnight Juggernauts, die zu diesem Kaffeeklatsch, der wahlweise in nordischen Berglandschaften oder auf Ibiza stattfindet, noch ihre Sammlung mit Platten des Electric Light Orchestra mitbringen. Kraftwerk und die Sparks schauen auch auf einen Sprung vorbei.

Die gänzlich unpackbare Frau Ladyhawke, die in Grungeklamotten, Wollmütze und mit schüchtern-verschlafenem Blick herumschlapft, um das stolze Erbe von Kim Wilde, Blondie und Chrissie Hynde anzutreten.

Und hab ich schon die wunderbaren Schwulst-Popper Van She erwähnt? Oder gar Eine Kleine Nachtmusik, das Bandprojekt des DJs Henry Riton, das den hypnotischen Krautrock von Neu! und Cluster auf dem Tanzboden wiederauferstehen lässt? Habe ich schon von den eh längst erschienenen Alben des New Young Pony Club oder Whitest Boy Alive geschwärmt? Und erzählte ich bereits, dass die leider aufgelösten Hardrock-Titanen Wolfmother Labelkollegen aller erwähnten Combos waren?

All diese irgendwie wahnwitzigen und gleichzeitig so ungehemmt eingängigen Bands, gehören zu den Aushängeschildern von Modular Records aus Sidney, Australien.
 
 
 
 
 
  Ich habe ja eine Theorie: Wer nie eine Punkrock-Vergangenheit hatte, wer nicht zumindest einen Punkrock-Sommer erlebt hat, wer die Idee Punkrock nicht versteht, der hat im Popbereich nichts zu suchen.

Solche Personen verwechseln dann auch gerne Pop mit Berieselung, mit purer Berechnung, mit Soundtapeten, finsteren Kommerzgedanken oder, am schlimmsten, mit dämlich grinsender Harmlosigkeit.

Steve Pavlovic, ein australischer Szeneveteran und abgefeimter Hund, hat nicht nur Punk inhaliert. Als Konzertpromoter gehörte er zu jenen, die einst die Grungebewegung in großem Stil nach down under brachten, von Nirvana bis Mudhoney. 1998 gründete Pavlovic aus dem Bewusstsein des Rock'n'Roll heraus sein Label Modular Records. Das Ziel: Mit ersten Acts wie den Avalanches, Bumblebeez oder Ben Lee die Grenzen zwischen Hip Hop, Electronica, Samplekultur und Folk nachhaltig zu verwischen.

Über die Jahre wurde Steve Pavlovic seine Agenda immer klarer, sein Motto eindeutiger. Es geht einfach nur mehr um Pop. Um Regenbögen, Feuerwerke, Explosionen, Laserstrahlen, Sternenhimmel, und es geht eben auch, weil Pavlovic ein Punkrocker war und ist, um Verwüstungen, Tragödien, Melancholie, um das rauschhafte Ausklinken, bis die Polizei kommt.

Vor allem geht es aber um den Hang zur ganz großen Geste. Subtilität ist woanders zu Hause. Modular traut sich in Zonen, wo außer dem Raumschiff Enterprise und MGMT noch nie ein Indiewuckl gewesen ist.
 
 
 
 
 
  Vielleicht sollten wir gegen Ende noch schnell einige Missverständnisse aus der Welt schaffen. Es führt etwa in falsche Richtungen, wenn man bei Modular an oberflächlich verwandte Labels wie Kitsuné oder gar Ed Banger denkt.

Auch wenn Modularbands bisweilen gerne dem Bumm-Bumm oder Bratz-Bratz huldigen, steht der Popcharakter doch über allem. Es ist die Faszination für romantische Ohrwürmer und ekstatische Melodien, die all die New Order-SchülerInnen, Led Zeppelin-Klassenbesten und Neo-Prog-Rocker vereint.

Es ist auch sinnlos, verkommene Wörtchen wie "Hipster" oder "Styler" ins Spiel zu bringen, auch wenn Acts wie die Klaxons, Chromeo, MSTRKRFT, Soulwax oder die Yeah Yeah Yeahs allesamt schon mal auf Modular releasten.

Modular ist Anti-Distinktionspflicht. Anti-Eliten-Musik. Lichtjahre entfernt von besserwisserischem Auskennertum, von der raren 12", die nur der eine DJ kennt, oder dem streng geheimen Demo einer unbekannten Indie-Weirdo-Folk-Experimentaltruppe. Himmel, sogar der verdammte Jack Johnson ist in Australien auf Modular.

Dieses Label will deine große und die kleine Schwester verführen und deine Mutter auch und deinen Vater und den Bruder kriegen sie mit Wolfmother. Und wenn nicht, auch kein Problem, denn wie Dirk von Lowtzow unlängst richtig bemerkte: Man(n) sollte Musik ohnehin besser wie Mädchen hören.

Modular ist nur deswegen noch nicht riesengroß und populärer als Katy Perry und "Highschool Musical", weil die Welt strohdumm und schlecht ist. Schön jedenfalls, dass es da draußen Kämpfer gibt, die den Pop nicht den Kräften des Bösen überlassen. We are Modular people.
 
 
 
 
 
  Modular Label Nite beim Pling-Plong Klub, am Sa, 8.11. in der Fluc Wanne, Wien

Van She - Live (Sidney/Modular)
Van She Tech - DJ-Set (Sidney/Modular)
Brodinski - DJ-Set (Paris/Turbo + Mental Groove)
The Chap - Live (London/Lo + K7 + Ghostly)
Modular DJs (London)

+ Pling-Plong Resident DJs:
Christian Candid (Klein Rec.)
Waltersson
Whykriz

 
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