fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 29.11.2008 | 15:00 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Unterwanderungsträume
  Kommen so genannte kritische Geister auf das aktuelle Kino zu sprechen, dann ist schnell die Rede von harmlosem und hirntotem Eskapismus. Eingefleischte Kulturpessimisten beschwören auch gerne eine gut geölte und völlig apolitische Entertainmentmaschinerie, die den Durchschnittskonsumenten im Cineplex seiner Wahl bloß mit Popcorn-Streifen ruhigstellt.

Dabei dürfte sich für jene Filmhistoriker, die irgendwann in der Zukunft einmal auf die Nullerjahre zurückblicken, ein ganz anderer Blickwinkel ergeben. Die beklemmende Post-9/11-Stimmung, inklusive aller noch andauernden Folgekonflikte, wirkt omnipräsent auf der Leinwand und dem Bildschirm zu Hause.

TV-Serien und Kinofilme änderten unter dem ständigen Sperrfeuer der News-Kanäle und deren Kriegs- und Krisenbilder grundlegend ihre Ästhetik. Ohne die berüchtigte Wackelkamera, die wir unterbewusst immer mit authentischen Reportagen und unmittelbarer Gefahr verbinden, kommt heute auch der gelackteste Blockbuster nicht mehr aus.
 
 
Unverblümte Kommentare
  Apropos Big-Budget-Kino: Wer sich heurige Kassenschlager wie 'Cloverfield', 'Iron Man' oder 'The Dark Knight' ansieht, braucht nicht lang nach Metaphern zu suchen, relativ unverschlüsselt kommentieren amerikanische Filmemacher darin die Befindlichkeit der Nation in der soeben verabschiedeten Ära Bush.

Auch 'The Happening', 'The Mist', 'I Am Legend' oder beispielsweise '28 Weeks Later' erzählen in ihren fiktiven Katastrophenszenarien ziemlich unverblümt vom "War On Terror".

Gar nicht zu reden von der riesigen Welle an Torture-Porn-Movies, die gerade die Videotheken überschwemmt. Zwar verdankt sich dieser ganze perfid kalkulierte Direct-to-DVD-Trash mehr dem Erfolg der diversen 'Hostel'- und 'Saw'-Vorgänger. Aber ohne das ungute Gefühl, dass draußen in den Untiefen des Internets terroristische Geiselköpfungs-Clips und Guantanamo-Folter-Jpgs herumschwirren, hätte der Hardcore-Horror-Film niemals ein Comeback erlebt.

 
 
Politische Bewusstseinsbildung
  Eine ganz andere Sache sind jene Streifen, die sich abseits von Genre-Kostümierungen und sensationalistischer Aufmachung direkt auf das Thema "Amerika im Krieg" stürzen. Hier reiht sich von 'Syriana' über 'Lions For Lambs' bis 'In The Valley Of Elah' ein Kassenflop an den nächsten, auch prominente Gesichter auf den Besetzungslisten können vor allem die US-Zuschauer nicht ins Kino locken.

Fast alle der genannten und auch andere Hollywood-Antworten auf das Irak-Desaster befinden sich leider in einem künstlerischen und inhaltlichen Teufelskreis. Diese Filme wollen nämlich nicht einfach nur kommentieren und drastische Zustände schildern, sie möchten auch zu einer positiven Veränderung beitragen.

Und um tatsächlich eine Art politische Bewusstseinsbildung zu bewirken, denken sich die Regisseure, reicht ein "Preaching to the converted" nicht aus.

Also drehen sie, von alten linksliberalen Unterwanderungsträumen beseelt, ihre Filme für die breite Masse der Patrioten und Unentschlossenen, die durch hohe Emotionalisierung und einen Starakteur als Vermittler umgepolt werden soll. Aber genau dieses angepeilte Publikum boykottiert ohnehin jeden Film, der sich explizit zum Thema Irak äußert.

Stattdessen wandern erst wieder die ohnehin schon Bekehrten in den Vorführsaal und bekommen dort aber verkitschte Filmdramen vorgesetzt, die in ihrer abwiegenden Machart keine klare Position beziehen und die komplexe politische Szenarien auf simpelste Weise vereinfachen.

 
 
Brav und unverbindlich
  In 'Grace Is Gone', einem Film, der an den Rändern Hollywoods produziert wurde, nimmt John Cusack die Rolle dieses Vermittlers ein. Mit einer Mischung aus Humor, Sensibilität und einem Hauch Zynismus wurde dieser Mann einst zu Recht zu einer charmanten Slacker-Ikone.

Der 42-jährige Cusack, der zuletzt in zweitklassiger Genreware und banalen Romantic Comedies eher unterging, gibt sich in diesem weiteren Comebackversuch wirklich Mühe.

Um in der Rolle eines biederen Geschäftsführers zu überzeugen, hat er etliche Kilo zugelegt, sich die Haare brav gescheitelt und versteckt sein noch immer bubenhaftes Gesicht hinter einer dicken Brille. Der Gang ist schlurfend, die Haltung gebückt. Aber dieser Stan Philipps hat es auch nicht leicht. Während seine Frau Grace als Sergeant in der amerikanischen Armee im Irak stationiert ist, kümmert er sich um die quirligen kleinen Töchter.

Als Stan die Nachricht vom Tod seiner Frau bekommt, bringt er es nicht übers Herz, den Töchtern die Wahrheit zu sagen. Er nimmt die beiden Mädchen auf einen Trip durch Amerika mit, eine Reise zwischen sorglosen Momenten und schmerzhaften Konfrontationen.

'Grace Is Gone' ist genau einer dieser Filme, die es wirklich gut meinen. Das reicht aber nicht aus für ein sehenswertes Werk. Viel zu brav und unverbindlich formuliert der Debütregisseur James Strouse seine Antikriegs-Kritik.

Vor allem das taktische Manöver, jemanden wie John Cusack als patriotischen Durchschnittsamerikaner zu besetzen, funktioniert dabei am wenigsten. Der grundsätzlich sympathische Schauspieler wirkt immer etwas verkleidet und die konservativen Sprüche nimmt man ihm einfach nicht ab.


 
 
Bombiger Thriller
  Taktisch geht auch Ridley Scott bei seiner neuesten Megaproduktion vor. Die offensichtliche Absicht des Regieveteranen: die schmutzigen Aktivitäten des CIA und der USA im mittleren Osten offenzulegen, die Besessenheit der islamistischen Terroristen dabei präsent zu halten, gleichzeitig will er aber auch Verständnis für die leidende Zivilbevölkerung schaffen.

Damit auch der schlichte Actionfan aus Wisconsin mit diesen Problematiken konfrontiert wird und ein bisserl was dazulernt, verpackt Scott seine Agenda in einen im wahrsten Sinn des Wortes bombigen Thriller.

Aber der durchaus spannende inszenierte 'Body Of Lies - Der Mann, der niemals lebte' ächzt und kracht ebenso unter der ganzen Ambition. Am schwersten hat es dabei Leonardo DiCaprio, der als einer von Hollywoods Paradeliberalen in die Vermittlerfigur schlüpft. Einerseits soll er glaubwürdig den beinharten Topagenten des CIA spielen, der undercover ganz nah an Al-Kaida & Co. agiert.

Auf der anderen Seite ist dieser Roger Ferris ein extrem netter Kerl, der auf Kulturaustausch wert legt, perfekt arabische Dialekte spricht und sich in eine jordanische Krankenschwester platonisch verliebt. Der arme Leo verbiegt sich in diesem Part, kann aber nur scheitern, weil Typen wie Ferris bloße Drehbuchkonstrukte sind.

 
 
Befund zur Lage
  Russell Crowe hat es als eiskalter Schreibtischtäter, der von der CIA-Zentrale aus seine Agenten in die Hölle dirigiert, schon erheblich leichter, überzeugend zu wirken. Und der britische Schauspieler Mark Strong reißt als undurchsichtiger jordanischer Geheimdienstchef den Film beinahe komplett an sich.

Gelingt es einem Film wie 'Body Of Lies' tatsächlich, Licht ins (Anti-)Terror-Dunkel zu bringen? Ich melde da ernsthafte Zweifel an, zu lange ist die Liste der Unglaubwürdigkeiten und Absurditäten, in die sich Ridley Scott verstrickt. Echte Seriosität schaut anders aus.

Es sind, und das bringt mich zum Anfang zurück, derzeit wirklich eher die puren Genrearbeiten, die unter ihrer Fantasymaskerade einen erschütternden Befund zur Lage liefern. Und vielleicht erreich(t)en Blockbuster wie 'The Dark Knight' oder 'Iron Man' sogar jenen klitzekleinen Stimmungsumschwung, von dem die Unterwanderer träumen.

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick