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Wien | 27.8.2002 | 20:20 
Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Rotifer, Blumenau

 
 
Being Charlie Kaufman
  "This is a mess. Is my girlfriend a man? I don't understand. This is not a part of any plan. She deceived me. She has hair! She's not supposed to have it! But am I being fair? So what if she has hair? Who am I to judge? I have hair. But I'm supposed to have it! I am a man. Men are supposed to have hair. But poor Lila..." - Nathan Bronfman (Tim Robbins) in "Human Nature"
 
 
 
  Das war neulich wieder mal so ein Filmerlebnis der ganz seltenen Sorte. Nichts, aber auch gar nichts Sehenswertes im aktuellen Kinoprogramm gefunden, schließlich mit einem Gefühl der leichten Hoffnungslosigkeit in die Videothek des Vertrauens gefahren. Was soll es dort schon Neues geben, was ich noch nicht kenne? Dann steht da plötzlich diese DVD im Regal: "Human Nature", das Leinwanddebüt des Musikvideokünstlers Michel Gondry. Wow. Nichts wie her damit. Es ist aber nicht der Mann hinter unzähligen exzellenten Björk-Clips, der mich besonders reizt. Auch nicht wunderbare Darsteller wie Patricia Arquette und Tim Robbins. Der eigentliche Star von "Human Nature" ist der Drehbuchautor.

Den Namen Charlie Kaufman las ich erstmals im Herbst 1999 bei einer denkwürdigen Viennale-Premiere im Vorspann von "Being John Malkovich". Und habe ihn nie wieder vergessen. So wie die ganz und gar unglaubliche Geschichte von Craig und Lotte, dem fusseligen Hippie-Paar (John Cusack und Cameron Diaz), das durch einen Zufall ein Tor findet, das direkt in den Kopf von John Malkovich führt. Alleine die Idee, dass es in Craigs Bürogebäude einen 7 1/2ten Stock gibt, wo die Menschen alle gebückt arbeiten und dass dieser Stock von einem Architekten für seine Liliputanerfreundin gebaut wurde, die ist besser als sämtliche Bücher von Hollywood-Drehbuchschreiberlingen in den neunziger Jahren.

 "Human Nature"
 
 
Seriös durchgeknallt
  Als bei "Being John Malkovich" damals die Schlusscredits abliefen, war ich mehrmals vor Lachen fast vom Sessel gefallen, gleichzeitig sprachlos vor Erstaunen. Endlich ein Film, der der Postmoderne den Mittelfinger zeigte, weil er NEU und ANDERS war. Was sich einerseits dem Millionärssohn, Hardcore-Skater und Videoclip-Star Spike Jonze und seiner Regie verdankte. Zum anderen aber auch dem genialen Skript von Charlie Kaufman, der den durchgeknallten Stoff superseriös behandelte. "Ich wollte die Verzweiflung der Figuren ernst nehmen", erzählte er seinerzeit in Interviews. "Ich wollte nichts verblödeln. Spike ging ebenfalls in diese dunkle, realistische Richtung und er hatte recht damit."

Und nun also "Human Nature". Gleich am Anfang sehen wir Bilder des kleinen Mädchens Lila, die unter ihrer starken Körperbehaarung entsetzlich leidet. Schnitt, etliche Jahre später. In der Manege einer fahrenden Freakshow schnalzt ein Zwerg mit einer Peitsche. Ihm gegenüber steht eine völlig mit Pelz bedeckte Patricia Arquette als erwachsene Lila in King Kong-Pose auf einem Miniatur-Empire State Building und trommelt sich auf die Brust. Ein jetzt schon klassischer Charlie Kaufman-Moment.

 Willkommen im 7 1/2ten Stock: "Being John Malkovich"
 
 
Affenmenschen und Menschenaffen
  Aber es wird noch besser. Denn Lila ist nicht der einzige Außenseiter in dieser Groteske der etwas anderen Art: Der britische Komiker Rhys Ifans spielt Puff, einen Mann, der von seinem verrückten Vater im Wald wie ein Affe großgezogen wurde. Tim Robbins als Professor Nathan Bronfman, ein Wissenschaftler, der Mäusen unbedingt das Essen mit Messer und Gabel beibringen will, ist auch nicht ohne. Mr. Kaufman: "It's a comedy, but it's sad. It's about people who are not accepted."

"Human Nature" ist nicht nur einer der ganz wenigen Filme, der es schafft, an das Erbe legendärer Monty Pythons-Großtaten anzuschließen ("Being John Malkovich" war ein anderer), in all seiner Bizarrheit erzählt dieser Streifen auch viel von der wirklichen Absurdität menschlicher Beziehungen und Verhaltensweisen. Lila, Puff und Nathan treffen in diversen Kombinationen aufeinander, leiden aneinander, lieben sich, scheitern bis zum bitteren Ende. Nebenbei gibt es noch Musicalpassagen im Stil von Björks "Human Behavior"-Video (das von Gondry stammt), einen authentischen Blick in das Leben nach dem Tode und traumatische Rasurszenen.

 Hallo, ich bin tot: Tim Robbins in "Human Nature"
 
 
Der Showmaster als CIA-Agent
  Nur ein Schluss, der wie nachträglich aufgepappt wirkt, trennt "Human Nature" von einem Geniestreich im Stil von "Being John Malkovich". Trotzdem ein Beinahe-Meisterwerk. Dass der Film im Kino kapital floppte und bislang nur in Frankreich mal eben auf DVD erschien, bestätigt wiedermal die Schlechtigkeit der Welt. Charlie Kaufman ließ sich davon allerdings glücklicherweise nicht entmutigen. Seine Fans in maßgeblichen Tinseltown-Kreisen auch nicht.

George Clooney ist einer dieser Fans. Für den Superstar mit ausgeprägt gutem Rollengeschmack verpackte Kaufman die Tatsachengeschichte des Gameshow-Hosts Chuck Barris in ein Drehbuch; die Story eines Mannes, der in den 70ern mit seinem strahlenden Zahnpastalächeln etliche erfolgreiche US-Quizsendungen moderierte. In Wirklichkeit, behauptet nun "Confessions Of A Dangerous Mind" und eine davor veröffentlichte Biographie, verdingte sich der Fernseh-Fuzzi nebenbei auch noch als kaltblütiger CIA-Auftragskiller. Clooney spielt in dem (für Kaufman-Verhältnisse halbwegs konventionellen) Streifen nicht nur den heimlichen Agentenboss von Barris (Sam Rockwell), er führt auch erstmals Regie. Nachsatz: Auch Herrschaften wie David Fincher, Darren Aronofsky oder Bryan Singer rissen sich um das angeblich beste Skript des modernen Hollywood.

 Charlie Kaufman, verkleidet als Lou Reed, aber jünger
 
 
Charlie Kaufman ist Nicolas Cage...
  Der wahre Hammer für "Being John Malkovich"-Addicts kommt allerdings Ende dieses Jahres in die US-Kinos. Hinter dem simplen Titel "Adaptation" verbirgt sich die zweite Kollaboration von Spike Jonze und Charlie Kaufman. Ihr Erstling soll dagegen wie ein ganz stinknormaler Durchschnittsfilm wirken, die bisherigen Charlie K.-Charaktere wie kerngesunde Normalbürger.

"I am old. I am fat. I am bald. My toenails have turned strange. I am repulsive. How repulsive?" lauten die ersten Sätze im Skript von "Adaptation". Der Mann, der sich dabei im Selbsthass ergeht, heißt Charlie Kaufman (Nicolas Cage) und ist Drehbuchautor. Während er sich verzweifelt abplagt, den Bestseller "The Orchid Thief" in etwas Kinogerechtes umzuschreiben, hat es sein eitler Zwillingsbruder Donald (ebenfalls Cage) leichter. Der schreibt Skripts über Serienkiller und Cops, die reißenden Absatz bei den Studios finden. Charlie verzweifelt und treibt tiefer in die Spirale der Depression hinein...

 
 
...ist Donald Kaufman ist Charlie Kaufman?
  Schon richtig gelesen, Charlie Kaufman schreibt über Charlie Kaufman, den Nic Cage zum Leben erweckt. Der Originalautor ist weder übergewichtig noch depressiv und er hat auch keinen nervigen Zwillingsbruder. Allerdings bekam er wirklich den Schmöker "The Orchid Thief" von Produzenten zum Umschreiben vorgesetzt, woran er scheiterte - und stattdessen seine Probleme mit der "Adaptation" in einen mega-selbstreferentiellen Stoff transformierte.

Ungewöhnlich, das alles? "Ich versuche nicht, die Seltsamkeit herauszustellen", betont dagegen der mysteriöse Charlie Kaufman (der wirkliche, nicht der im Film), der versteckt lebt und Interviews am liebsten meidet. "Alle soll ganz lapidar und trocken passieren. Anstatt dick und fett 'Oh, das ist ja verrückt' draufzuschreiben, was völlig uninteressant ist."

Unseltsame und unglaublich originelle Geschichten also über eine unfassbar seltsame Welt. Nicht wenige uninspirierte Drehautoren würden wohl was darum geben, ein Tor in den Kopf von Charlie Kaufman zu finden.

 Der echte Charlie Kaufman, der keinen Zwillingsbruder hat
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  beingcharliekaufman.tripod.com/
   
 
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