"Jung kaputt spart Altersheime"
Bärchen und die Milchbubis
(Zitat vom Autor dem Buch vorangestellt)
Vorkriegsjugend bedeutet einerseits der Namen einer Kreuzberger HC-Punkband, die ihr Oeuvre vorwiegend in den Jahren (nasagenwir) 82-85 aufgenommen hat, und andererseits der Titel, den Jan Off für sein neuestes Buch gewählt hat.
Kurzinhaltsangabe:
Der Weg zum Punksein ist ein steiniger.
Vorkriegsjugend, man versteht: Die 80er Jahre, kalter Krieg, No Future, wobei das N auch gerne mit Teufelsschwänzchen-Serifen verziert werden kann und einringelbar ist.
Also: Von der ersten, verwirrenden Punkplatte mit 13 Jahren (Sampler: 'Soundtracks zum Untergang'), dem Haare-auf-einen-Iro-ansparen, über die ersten Biere im Park, über das wegen alkoholbedingter Übelkeit leider verpasste erste Konzert (UK Subs!), bis endlich hin zur 137. Niete in der Lederjacke, unglaublich schlechten Trips und Chaostagen, verfolgen wir in 'Vorkriegsjugend' den Werdegang des Ich-Erzählers und seiner Mit-Punkwerdenwoller und teilweise späteren Bandkollegen (Bandname: 'Der Chef hat 4 Eier - Niedersachsens Antwort auf Black Flag') Jörn Melzer, Achmed Vornefett und Properski.
Don't judge a book just by the cover, unless you cover just another.
(And blind acceptance is a sign
of stupid fools who stand in line)
Auch unsere Badges riefen nicht selten Missfallen hervor, besonders die selbstgefertigten. Ich erinnere mich an ellenlange Diskussionen mit einem Werte-und-Normen-Referendar (einem dieser unangenehm aufgeschlossenen Berufsjugendlichen, die zwanghaft geduzt werden wollen) über die Notwendigkeit, die Aussage "Fick den Papst, dann hilft dir Gott" am Revers zu tragen. Aber es gab auch Lob, und zwar von gänzlich unerwarteter Seite. Herr von Stülten, seines Zeichens Geschichtslehrer und bekennender NPD-Anhänger, zeigte sich sichtlich angetan von unserem neuen Schuhwerk. "Na, meine Herren, da sind wir ja für den nächsten Blitzkrieg bestens vorbereitet", verkündete er mit Blick auf unsere Armeestiefel.
Noch einmal: Punk werden ist verdammt schwer. Und: So punkig wie deine Vorbilder, die Punks aus dem Stadtpark, die du aus der Ferne betrachtest, wirst du selber im Leben nie werden.
Und nun brauchte ich auch so eine heilige Rüstung, diesen konformen Ausdruck der vom Punkrock allseits gepredigten Nonkonformität. Um die nötige Barschaft beizubringen, trug ich meine komplette Comicsammlung auf den Flohmarkt. Dann erstand ich eine gebrauchte Motorradjacke, die erfreulicherweise derart abgewetzt war, dass ich sie mit dem ebenfalls gekauften Schmirgelpapier nur noch geringfügig bearbeiten musste. Heißa, was waren die kompletten Jahrgänge von Asterix und Lucky Luke gegen dieses erlesene Produkt des Gerbereiwesens? Ich posierte einen halben Nachmittag vor dem Spiegel. Dann machte ich mich mit Hilfe von Airfix-Farbe an die fällige Beschriftung. Ich malte ein Fadenkreuz auf die Rückenpartie, neben das ich in runenartigen Lettern die Aufschrift "Schieß doch, Bulle!" setzte. Darunter kamen, selbstverständlich in einer anderen Farbe, die Buchstaben "A.C.A.B", was nichts anderes heißen sollte als "All Cops Are Bastards". (Merke: Die Verunglimpfung der staatlichen Sicherheitsorgane stellt seit jeher ein wichtiges Element der Punkkultur dar. Den Bereich des rechten Oberarms versah ich mit der kryptischen Formel "ANOK4U2" - von Eingeweihten als "anarchy is ok for you too" zu deuten. Wie die meisten meiner Altersgenossen wusste ich nicht wirklich, was Anarchie bedeutete, aber der Begriff klang nach Verweigerung, Krawall und Rebellion, war also genauso willkommen wie die Zeile "kein Herr, kein Knecht". Die Lücken zwischen diesen natürlich von den Jacken älterer Semester abgekupferten Lippenbekenntnissen füllte ich mit den Namen der von mir favorisierten Bands und einer stilisierten Abbildung von Stacheldraht. Derart zum mündigen Bürger gereift, begab ich mich sogleich zum Lesepavillon, um mir aus dem Mund meiner Idole die ersehnten Beifallsbekundungen abzuholen.
Wahlweise: Ab zum Paßbildautomaten.
Jan Off, der ist zwar kein Berliner, wie man aus dem ersten Absatz irrigerweise schließen könnte, aber die entsprechende Attitüde, um dieses Buch zu schreiben, hat er allemal, mühsame Recherche in seinen Teen- und Twenjahren stehen dahinter, und Berlin sei sowieso in mancherlei Hinsicht überschätzt, sagen sogar Berliner. Nicht wahr. Weiter im Text. In früheren Jahren mit Slam-Poesie beschäftigt, ist Off ein Autor, der vor kaum was zurückschreckt. Und vor allem sehr sehr lustig. "Hanoi Hooligans" hieß das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, und Themen waren auch dort schon: Effes Pilsener, seltsamer Sex (ja, gibt's denn anderen?), Stadt, Land, Verbrechen und Döner Kebab. Ich habe es dreimal gelesen, auch beim dritten Mal noch gelacht (und ich bin, wie man ja auch on air merkt, eine schwer zu amüsierende an-ennuiierte Gothicpersönlichkeit) und war nur bereit, das Buch herzugeben, wenn man mir im Tausch dafür die Memoiren von John Waters böte, was dann auch passiert ist.
Als nächstes will Jan Off einen wirklich ernsten pornographischen oder aber obszönen Roman über das weite Feld "Sex" schreiben, um auf diese Art und Weise einmal zu erproben, wie es sich ohne Scherze schreibt. Viel Glück! - Aber, mit einem Vorbild wie Bataille, was soll da schon schief gehen? Hm.
Zum Autor, zum Verlag: Jan Off veröffentlicht im Ventil Verlag, also jenem Haus, dem wir zB den ImSumpf-Schlager "Superlupo" verdanken, oder Martin Büssers Punk-Auskenner-Werk "If the Kids are United" (Büsser übrigens am 16. 2. im Radiokulturhaus bei Fritz Ostermayer zu Gast!).
Über den Sinn und Unsinn des Punkdaseins liefert "Vorkriegsjugend" natürlich auch keine gesicherten Erkenntnisse, oder gar neutrale und erzieherisch wertvolle Hinweise.
Jan Off scheut sich nicht, sich ordentlich übers Punktum und dessen Ideale lustig zu machen und die Fixierung auf Äußerlichkeiten (siehe Lederjacke), das zwanghafte Ausprobieren schlechter Drogen und der Verdummungskapazität von Alkohol und Fußgängerzonenabhängerei, sowie der zweifelhaften Effektivität jeglicher Revolte/alternativer Lebensweise/Protestaktion höflich in Frage zu stellen.
"Krack!" machte es, dann hielt Melzer den Mercedesstern triumphierend in die Höhe. Circa vierzig weitere der begehrten Jagdtrophäen schmückten, bereits entkernt, das blasse Fleisch seiner Unterarme. Eine modische Verwirrung, die, leicht abgeändert, in den neunziger Jahren von Wolfgang Petry übernommen werden sollte. Vornefett und ich fanden diese Marotte guffenmäßig. Aber auch wir sammelten die Kühlerfiguren aus dem Hause Daimler mit Eifer, wenn auch für die heimische Schatztruhe.
Ich weiß nicht, wieso es in einem bestimmten Lebensabschnitt für Träger des Y-Chromosoms unabdingbar scheint, sich in ihrer Freizeit dem zu widmen, was dann später in der Anklageschrift schnöde als "Sachbeschädigung" abgehandelt wird. Alkohol spielt mit Sicherheit eine rolle. Auch mögen nichtausgelebte sexuelle Phantasien ihren Anteil haben; Langeweile sowieso. Aber wer jemals das Splittern einer Schaufensterscheibe vernommen hat, die nach einem Steinwurf wie in Zeitlupe in sich zusammenfällt, wird mir recht geben, wenn ich behaupte, dass das Zerstören der meist klinischen Alltagskulisse immer auch eine Komponente besitzt, die nicht anders als sinnlich genannt werden kann.
Zum Glück war ich aber gestern bei N., weitere Gäste waren N.s Oma und N.s Punkfreund Chris. "Danke, dass du mir geholfen hast, mein Sofa hierher zu tragen", sagte N. zu Chris, und Chris trollte sich wieder von hinnen. Dann sprach N. zu ihrer Oma: "Du, der Chris hat gesagt, er findet dich zuckersüß, obwohl er doch sonst überhaupt keine Großeltern mag." Die Oma grinste, und N. fuhr fort, Chris zu loben: "Der Chris ist nämlich hilfsbereit und gutmütig auch." "Aber nicht willenlos", glaubte ich hinzufügen zu müssen. Daraufhin guckte mich die Oma kopfschüttelnd an und sagte: "Er trägt einen Irokesenschnitt. Wie könnt ihr da glauben, er wäre willenlos?"
Gegen Ende nun möchte ich allen danken, die mir auf der monochrom- Feier ein Bier ausgegeben resp. die Shirts in Frage gestellt haben. Nur weiter so.