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Wien | 25.5.2008 | 18:56 
Innerlichkeiten. Äußerlichkeiten.

HansWu, Pfister

 
 
It never rains in cyberspace
  "Ein Film über einen Online-Rollenspieler, der in der Schule gemobbt wird, weil er Autist ist, und der fantasievoll Rache an seinen Folterknechten nimmt."

Bei dieser Inhaltsangabe kann man ja fast sehen, wie in den Köpfen die Schubladen aufgehen. Sozial inkompetente Computerspieler. Schwarze Trenchcoats. Schulmassaker. Polizei durchforstet die Festplatten, Marilyn Manson nimmt Stellung, für die Abendnachrichten ist alles klar. So ist das alles nicht in "Ben X". Der belgische Regisseur Nic Balthazar hat für "Ben X" zum ersten Mal Regie geführt, eigentlich ist er Schriftsteller und hat für Ben X sein eigenes Buch "nichts war alles, was er sagte" verfilmt.

Reale Welt, die Welt der Einbildung und die Welt der Onlinerollenspiele treffen sich im Film, als wäre es das selbstverständlichste der, äh, Welt.
 
 
 
 
 
  Jeden Tag zwischen 5.45h und 6.33h spielt Ben sein Onlinerollenspiel. Noch vor dem Frühstück, und vor dem Besuch im Badezimmer: 15 Sekunden für die Haare, 20 Sekunden zum Händewaschen. Ben braucht viel Struktur, fürchtet Körperkontakt, er ist sehr intelligent, aber er interpretiert die Welt völlig anders als die anderen. Kommunikation ist für ihn fast unmöglich. Ben leidet am Asperger Syndrom, er ist Autist. Und zwar nicht so, wie einige Computergeeks mit mangelnden social skills und miefenden Achselhöhlen mit dieser eigentlich leichteren Form des Autismus kokettieren, sondern richtig. Zusätzlich wurde das Leiden vom Darsteller Greg Timmermanns zu einem schillernden Schauspieler-Autismus ausgearbeitet.

Warum sagt seine Mutter jeden tag "Guten Morgen, Ben" zu ihm, auch wenn der Tag schlecht ist? Warum knutscht das Pärchen im Buswartehäuschen? Warum lächeln sich Menschen zu, wenn es gar nichts zu lächeln gibt?
 
 
 
Ben X und Scarlite, ingame.
 
 
  Täglich zwischen 5.45h und 6.33h, online im Rollenspiel "Archlord", ist Ben "Ben X", und das X sind zwei gekreuzte Schwerter. Ben ist Stufe 80, "wer sich nicht auskennt, das ist einfach sehr hoch".

In den Anfangstiteln, die in Rollenspielmenüs über die Leinwand rollen, galoppieren wir mit seiner Figur durchs Spiel, die Onlinefreundin Scarlite braucht Hilfe, und Ben X rettet sie. Zusammen sind sie eine kleine Zweier-Party und sehr vertraut, obwohl sie sich noch nie im richtigen Leben getroffen haben.
 
 
 
Garstige Bullies mit Kurzstreckenwaffen.
 
 
  Bens "richtiges" Leben ist ein einziger Spießrutenlauf. Besonders zwei garstige Mitschüler haben es auf ihn abgesehen: In der Schule wird Ben bloßgestellt, im Park verprügelt, im Buswartehäuschen lauert man ihm auf. Videos von alledem finden auch noch ihren Weg ins Internet. Ein Menü mit Waffen und Vernichtungszaubern klappt im Bild neben Bens kopf auf, aber er selbst bleibt stumm und starr. Reiz und Reaktion liegen bei von Autismus betroffenen oft lange, zu lange, auseinander.

Ben fühlt, dass es so nicht weitergehen kann, bald wird er zerbrechen, und auch eingeschobene Dokumentarelemente aus der Zukunft lassen nichts Gutes hoffen. "Es muss immer erst einer sterben, sonst ändert sich nichts", sagt da zum Beispiel Bens abgehärmte Mutter.
 
 
 
Ben und Scarlite, in real life, aber auf Droge
 
 
  Es kommt ganz anders, als man denkt. Realität, Onlinespiel und Halluzination flittern durcheinander und es wird jenes getan, was man eigentlich nicht tun darf und kann.
"Trommle eine Gilde zusammen, Ben", sagt Scarlite,
oder das Mädchen im roten Anorak, das irl aus dem Zug steigt, "Manche Questen sind zu schwierig für zwei."
Und irgendwo im Hintergrund spielt Sigur Ros.
 
 
 
15 Sekunden werden in Kürze investiert werden.
 
 
Lang holt zur pathosreichen Zusammenfassung aus
  "Ben X" bindet die Grafik des Onlinerollenspiels Archlord charmant in diesen Film über Bullying und Rache ein.
Und wenn neben Ben im Spiegel beim Haarekämmen und Händewaschen das Ausstattungsmenü seines Avatars durchgeklickt wird, dann zeigt uns das, was wir manchmal fühlen: Online-Welten sind Teil unseres Lebens, wie MMS, Handyfilme, Telefone. Sie verbinden uns. Sie geben uns eine Zuflucht, manchmal sogar eine Heimat, und Freunde, die wir sonst nicht kennengelernt hätten.

"Ich wollte dir eigentlich nur sagen, was im Game zählt, das gilt auch hier", sagt Scarlite.
"Du kannst kein Endgame spielen ohne deine Heilerin."
 
 
 
ADD ON
  "Wer im MMO ein gutes Werk tut, tut das nicht umsonst. Er/sie trägt zum Weltfrieden bei", sagt eine Studie.
 
 
 
IRL
  Ganz wie im Film, in Sachen Terror und Qual in der Schule:
Du bist nicht allein. Organisier dir Hilfe.
 
 
 
EXPANSION PACK
  Regisseur Nic Balthazar hat bei den Dreharbeiten, die ja schließlich auch zum Teil im koreanischen Game "Archlord" stattgefunden haben, das Prinzip "machinima" für sich entdeckt. Spät, aber mit großer Begeisterung.

"Es gab fünf Gamer, die meine Schauspieler waren, mit einem Drehbuch in einem Zimmer, und dann hieß es "action" und die Figuren kamen in der virtuellen Welt zusammen und machten, was ich von ihnen wollte. Das ist natürlich der Traum eines jeden Regisseurs, dass man die Kamera buchstäblich in der Hand hat mit der Maus, und dass man tolle Sachen machen kann, ohne dass das etwas kostet! Die Deko ist schon dort, die Schauspieler waren gratis, die müssen auch nicht essen, es regnet nie im Cyberspace ... also das war großartig. Wir hatten nur ein Problem: Andere Spieler, die auch in diesem Raum herumlaufen und fragen: "Was geschieht hier?!?" Und dann mussten wir immer sagen, "Ja, wollen Sie bitte mal weggehen, wir drehen hier einen Film."

Bald soll auch ein US-Remake von Ben X, auch von Regisseur Balthazar, gedreht werden. Zu "Variety" sagte er: "There is a beautiful role for the mother. And for Ben we just need the new Leonardo DiCaprio in "What's Eating Gilbert Grape" and we can launch a new career."
 
 
 
ERWEITERUNG
  Kollege Dr. Burstup sagt ja, dass Autismus und Onlinewelten gut zusammenpassen. Therapeuten sähen es gerne, wenn ihre Schützlinge so in Kontakt mit der Welt treten. Andererseits, Dr. Burstup behandelt ja bekanntlich jedes Leiden, vom Hühnerauge bis zur Darmgrippe, mit Online-Rollenspielen. Immerhin gibt es einige Studien und Ansätze rund um das Thema.
 
 
 
OMG LOL
  "Ben X" läuft seit diesem Wochenende
in Österreichs Kinos.
 
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  Ben X
Die Website zum Film
   
 
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